Irak Schmaler Grat zwischen Rache und Versöhnung


Die Aufarbeitung der Schrecken unter Saddam Hussein hat gerade erst begonnen. Sein selbstherrliches Auftreten vor Gericht beschwört den Zorn vieler Iraker herauf.

Ibrahim al Idrissi ist zornig: "Saddam Hussein muss verurteilt und hingerichtet werden". Der Schiit hat während der Schreckensherrschaft sieben Familienmitglieder verloren und saß elf Mal im Gefängnis. Wie viele andere Iraker ist auch Al Idrissi hin- und hergerissen zwischen dem Hass auf das frühere Regime und dem Respekt für die Menschenrechte im Nachkriegsirak.

"Das ist so unfair"

Doch der Auftritt des Ex-Machthabers am 1. Juli vor Gericht brachte für ihn das Fass zum Überlaufen: "Das ist so unfair", beschwert sich Al Idrissi. "In den Menschen kochte der Schmerz hoch, als sie Saddam Hussein vor Gericht sahen. Warum mussten sie ihm sogar noch einen Anzug geben? Das ist die Ironie schlechthin - ausgerechnet dieser Mann, der so viele Menschen auf dem Gewissen hat, wird nach demokratischen Regeln behandelt. Er ist kein gewöhnlicher Krimineller - er ist eine kriminelle Institution."

Vielen Irakern ging es ähnlich: Den Großteil der 26 Minuten, die er vor Gericht verbrachte, benahm sich Saddam Hussein noch immer wie der einst unumschränkte Herrscher, der sein Land rund dreißig Jahre lang mit eiserner Faust regiert hatte. Er zeigte nur Häme für die vorgebrachten Anschuldigungen - die Tötung von Kurden und Schiiten sowie Morde an rivalisierenden Politikern und Regimegegnern.

Schiiten und Kurden fordern Hinrichtung

Wegen dieses Auftritts forderten Schiiten und Kurden umgehend seine Hinrichtung; die beiden Volksgruppen litten am stärksten unter dem Regime des Machthabers aus Tikrit. Dagegen fühlten sich sunnitische Araber motiviert, ihre Loyalität gegenüber dem früheren Führer zu demonstrieren. Getreue Saddam Husseins stehen möglicherweise hinter den seit 15 Monaten anhaltenden Aufständen in Bagdad und sunnitischen Gebieten westlich und nördlich der Hauptstadt.

Immerhin, fährt Al Idrissi fort, sei er selbst noch einmal mit einem blauem Auge davon gekommen, zumindest verglichen mit all denjenigen, die unter Saddam Hussein ihr Leben verloren. Al Idrissi trägt Folternarben an Gesicht, Füßen und an der rechten Hand. Seine Hilfsorganisation Gesellschaft der befreiten Gefangenen rief der Vater von vier Kindern unmittelbar nach dem Sturz des Baath-Regimes im vergangenen Jahr ins Leben. Sie gibt Menschen Gewissheit über das Schicksal von Familienmitgliedern, die seit Jahren oder Jahrzehnten verschwunden sind. In dem Verein arbeiten Kurden, Schiiten und Sunniten Seite an Seite.

"50 Jahre Arbeit"

Seine Organisation habe bislang nur an der Oberfläche gekratzt, ergänzt der ehemalige Juwelier: Die etwa 160.000 von ihr dokumentierten Todesfälle stellten nur etwa zehn Prozent der Vermissten dar. "Vor uns stehen mindestens 50 Jahre Arbeit", sagt Al Idrissi. In die Zentrale seiner Organisation am Tigris strömen täglich hunderte Menschen. Bislang haben Al Idrissi und seine Mitarbeiter 106 Massengräber entdeckt, die größten davon in Hilla, einer schiitischen Stadt im Süden von Bagdad. In Hilla herrscht auch 13 Jahre nach einem niedergeschlagenen Aufstand Zorn und Trauer, denn die irakische Armee nahm grausam Rache und tötete zehntausende Menschen.

Um das Gedenken wachzuhalten, hat der örtliche Ableger der Gefangenenorganisation ein Museum eröffnet. Hier werden persönliche Gegenstände der Opfer ausgestellt: Ausweise, Kleidungsstücke mit Einschusslöchern, Haarlocken, Augenbinden, eine Armbanduhr und Süßigkeiten, die bei einem Kind gefunden wurden.

Viele Schuldige laufen immer noch frei herum

Mahmud Adai Ali, der Chef des Ortsvereins, führt eine Liste mit rund 60 Menschen, die im Verdacht stehen, mitgemordet zu haben. Alis Assistent Abbas al Haidari beschwert sich bitter darüber, dass ein Mann, der als mutmaßlicher Henker bei der Erschießung von tausenden Opfern identifiziert worden war, von den örtlichen Behörden gegen eine Kaution auf freien Fuß gesetzt wurde - und danach untertauchte.

Rachegedanken und Gedenken liegen in Hilla eng beieinander. "Möge Gott Dir ein tausend Jahre langes Leben schenken," sagt Sarah Karim. Sie hat zwei Söhne verloren, einer war Geistlicher, der andere Armeeoffizier. Ali drückt ihr einen Geldschein über 1.000 Dinar in die Hand - etwa 0,60 Euro. Er ist gerührt, seine Augen füllen sich mit Tränen.

Viele Familien aber haben noch immer keine Gewissheit über das Schicksal ihrer Angehörigen: Unter den 300 Opfern eines Massengrabes südlich von Hilla sind auch 40 Leichen, die nicht identifiziert werden konnten. Über den Gräbern der Namenlosen flattert ein Banner im Wind, das Saddam Hussein und seine Baath-Partei für die Morde verantwortlich macht.

Hamza Hendawi/AP AP DPA

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