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Iren sagen Ja zur Ehe für Homosexuelle: Im Ergebnis toll, in der Methode bedenklich

Die Iren sagen ja zur Ehe für Homosexuelle. Das Volk hat mit großer Mehrheit entschieden. Auch wenn das Ergebnis zu begrüßen ist, die Methode sollte nicht zum Vorbild werden.

Ein Kommentar von Oliver Noffke

Die irische Bevölkerung entscheidet sich mit großer Mehrheit dafür, Homosexuellen die Ehe zu erlauben. Herzlichen Glückwunsch, damit sind die vermeintlich so konservativ-katholischen Iren nicht nur im 21. Jahrhundert angekommen, (wie stern-Reporter Michael Streck schrieb) sondern bei dem Thema Gleichstellung dem Rest des Planeten um Längen voraus. Denn die Entscheidung wurde mit großer Mehrheit getroffen. Mahatma Gandhi wird der Satz zugeschrieben, "eine Zivilisation soll danach beurteilt werden, wie sie ihre Minderheiten behandelt." In diesem Sinne: Well done, people of Ireland!

Dennoch sollte der irische Weg nicht zum Beispiel werden. Schließlich hat die Geschichte allzu oft gezeigt, dass die Mehrheit in der Bevölkerung falsch liegen kann, uninformiert ist oder schlicht kein Interesse am Leben ihrer Mitmenschen hat. Zudem gibt es viel zu viele Beispiele von religiösen, ethnischen, sexuellen oder politischen Minderheiten denen mit Hass, Verachtung und Gewalt begegnet wird. Im schlimmsten Fall könnte durch ein Referendum über das Schicksal von Verfolgten entschieden werden. Mit der zynischen Rechtfertigung: Das Volk will es so.

Im angeblich so weltoffenen Kalifornien entschied die Mehrheit 2008 in einem Volksentscheid, die Ehe sei nur zwischen einem Mann und einer Frau zu schließen. Zwei Jahre später wurde die Abstimmung vom Obersten Gerichtshof der Vereinigten Staaten wieder kassiert. Sie war verfassungswidrig.

Sicherzustellen, dass jeder Mensch in Ruhe und Frieden sein Leben selbst bestimmen kann und nicht diskriminiert wird, ist Aufgabe des Gesetzgebers. Im deutschen Grundgesetz heißt es dazu in Artikel 3 "alle Menschen sind gleich". Anschließend wird ausgeführt, wer alles gleich sein darf. Ein Hinweis auf die sexuelle Identität fehlt.

Iren mit Herz

Volksabstimmungen sind sinnvoll und richtig, wenn ihr Ausgang alle betrifft. Es ist aber ein Unterschied zu klären, ob Stadtwerke zurückgekauft oder die Rechte von Ureinwohnern in der Verfassung erwähnt werden sollen - was gerade in Australien diskutiert wird. Wieder ein Fleck Erde, den viele für besonders weltoffen und multikulturell halten.

Die Iren haben Herz bewiesen. Aber der Ausgang des Volksentscheids hat auch mit irischen Eigenheiten zu tun. In einem kleinen Land, in dem angeblich jeder jeden kennt, ist es nicht unwahrscheinlich, dass jemand im Bekanntenkreis homosexuell ist. Zudem wird der Familie eine große Bedeutung zugewiesen und wer will schon mitansehen, wie Teile der Verwandtschaft außen vor bleiben.

Irland ist auch keine Herde tiefgläubiger Schafe. Die irischen Kirchen haben sich gegen eine standesamtliche Öffnung der Ehe positioniert und verloren. Ihre moralische Integrität haben sie aber schon längst eingebüßt. Unter anderem weil Sexualstraften durch Priester jahrzehntelang von der katholischen Kirche systematisch vertuscht worden sind.

Niemand muss zu einer schwulen Hochzeit

Dass es die irische Regierung nicht selbst geschafft hat, Homosexuellen gleiche Eherechte zu ermöglichen, ist schade. Kein Ire wird vom Gesetz dazu gezwungen werden, an der Trauung von zwei Frauen oder zwei Männern teilnehmen zu müssen. Auch nicht die Kirche! Wenn religiöse Institutionen einem Paar ihren Segen verwehren wollen, werden sich die Betroffenen sicher überlegen, ob sie überhaupt Teil dieser Gruppe sein wollen.

Jeder soll sich seine Religion aussuchen dürfen oder wählen können, an nichts zu glauben. Aber niemand kann sich aussuchen, ob er hetero- oder homosexuell zur Welt kommt. Der Staat muss dafür sorgen, dass diese Unterschiede letztlich egal sind. Es wird Zeit, dass sich in diesem Punkt auch die Bundesregierung bewegt.

Jesus werden übrigens die Worte zugeschrieben: "Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben." Zum Umgang mit Feindbildern soll er auch einiges gesagt haben.

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