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Italien: Flammende Wut gegen Immigranten

Ein Mob hat in der Nähe von Neapel eine Nomadensiedlung niedergebrannt. Damit sollten die dortigen Sinti und Roma dauerhaft vertrieben werden. Insgesamt 160.000 davon leben meist in Slums und bereiten der italienischen Regierung zunehmend Kopfschmerzen.

Von Luisa Brandl

Je höher die Flammen schlagen und schwarze Rauchwolken sich über der Barackensiedlung auftürmen, desto stärker ist der Applaus einer aufgebrachten Menschenmenge am Rand des brennenden Nomadencamps in der Via Argine in Ponticelli, im Osten von Neapel. Die Feuerwehr ist angerückt und wird von der johlenden Menge ausgepfiffen. "Ihr könnt den Brand löschen, wir zünden das Feuer wieder an, sobald Ihr weg seid", drohen die Bürger. Ihre Absicht ist klar: die Siedlung soll dem Erdboden gleichgemacht werden. Nur so ist sichergestellt, glauben sie, dass die Roma und Sinti nie wieder nach Ponticelli zurückkehren.

In der Nacht zu Mittwoch sind rund 500 Roma aus den drei Barackenstädten in Ponticelli geflüchtet - ein Viertel der Roma und Sinti von Neapel steht damit auf der Straße. Die Männer bepackten eilig ihre dreirädrigen Fahrzeuge, auf der Ladefläche hockten Frauen und Kinder in Decken gehüllt auf gestapelten Matratzen und Hausrat. Unter Polizeigeleit setzte sich die Kolonne aus klapprigen Lastautos in der Dunkelheit in Bewegung. Zuflucht fanden die Einwanderer vorläufig in einem leer stehenden Schulgebäude und in den anderen Nomadensiedlungen rund um Neapel. Die Übergriffe auf die Camps in Ponticelli begannen bereits am Dienstag, als Bewohner des Viertels die Umzäunungen einrissen und willkürlich mit Eisenstangen auf die Roma einschlugen. Es flogen Steine und Molotowcocktails. Am Dienstagabend brannte das erste Camp und löste die Fluchtwelle aus.

Bewohner verteilen Benzinkanister

Die Bewohner von Ponticelli sollen Jugendbanden mit Benzinkanistern ausgestattet haben, damit sie die verlassenen Siedlungen in Brand stecken. Vermutlich gehören die Brandstifter zum Nachwuchs des Camorra-Clans Sarno, der die Gegend unter seiner Kontrolle hat. "Die Einmischung des organisierten Verbrechens ist offensichtlich", sagte Assessor Guglielmo Allodi. Die Camorra beherrsche seit Jahren mit ihren illegalen Geschäften das Gebiet. Die Unruhen sind da ein Störfaktor. Doch der Aufstand in Ponticelli gegen die Roma und Sinti gibt der Camorra auch den willkommenen Anlass zu zeigen, dass sie dort präsent ist, wo der Staat seine Bürger im Stich lässt - bei der Bewältigung des Einwanderungsproblems.

Bei den Ausschreitungen handelt es sich um einen Racheakt für einen versuchten Entführungsfall, der die Bürger stark geschockt hat. Am Samstag war ein sechs Monate altes Baby aus der Wiege in seinem Elternhaus in Ponticelli entführt worden. Die Mutter bemerkte es aber sofort und konnte die Täterin, eine16-jährige Roma, festhalten. "Es tut mir sehr leid, was jetzt passiert ist, sagt Flora Martinelli, die Mutter des Babys, "die Roma müssen wegziehen, aber auf friedliche und zivile Weise." Der Vorfall war nur der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Neapel ist keine Ausnahme. Auch in anderen Großstädten lösen die Slums Empörung aus, 160.000 Roma und Sinti leben in notdürftigen Behausungen zwischen Mailand und Messina. Viele Italiener sind verschreckt über den hohen Ausländeranteil in der Kriminalstatistik. Im ganzen Land macht sich Angst um die Sicherheit breit und ist auch ein Grund dafür, dass die Italiener Silvio Berlusconi wiedergewählt haben.

"Wir müssen Herr im eigenen Haus sein"

Berlusconi sagte in seiner Regierungserklärung, er werde keine "wilde Einwanderung" dulden. "Wir müssen Herr im eigenen Haus sein, aber wir sind auch stolz darauf, dass wir in der Lage sind, Menschen bei uns aufzunehmen." Die Italiener erwarten, dass die neue Regierung die Immigration stärker als bisher kontrolliert und in Grenzen hält. Innenminister Roberto Maroni hat folglich als erste Amtshandlung ein Paket schärfere Gesetze gegen Kriminalität und illegale Einwanderung vorgelegt. Ein Teil der Maßnahmen soll bereits nächsten Mittwoch beschlossen werden.

So will Maroni die illegale Immigration als solche zur Straftat erklären. Dieser Punkt ist jedoch nicht unumstritten. Nach Schätzungen lebt mehr als eine halbe Million Ausländer ohne Aufenthaltsgenehmigung in Italien, sie werden als Betreuer für Kinder und alte Menschen oder als Erntehelfer und Handlanger in der Industrie dringend gebraucht. Der Minister hat deshalb den Entwurf dahingehend ergänzt, dass das Gesetz nur zur Anwendung kommt, wenn eine weitere Straftat vorliegt. Straffällige Einwanderer sollen zudem konsequenter als bisher ausgewiesen werden. Maroni will außerdem Immigranten nur ins Land lassen, wenn sie eine Arbeit mit einem Mindestlohn nachweisen können.

Der Innenminister möchte überdies die Auffanglager in eine Art Gefängnis umwandeln, in denen Einwanderer bis zu 18 Monaten festgehalten werden können. Doch die Lager können die Menschen gar nicht so lange aufnehmen, wenn erwartungsgemäß weiter Immigranten in den nächsten Monaten ins Land strömen. Maroni beriet deshalb mit seinen Kabinettskollegen darüber, die Einwanderer in ausgedienten Kasernen unterzubringen.