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Gespräch mit Politstar Stav Shaffir Ein anderes Israel ist möglich


Während Benjamin Netanjahu versucht, mittels Geschichtsklitterung vom tödlichen Chaos in seinem Land abzulenken, arbeiten junge Israelis an der Zukunft. Seit 2013 kämpft Stav Shaffir im Parlament gegen die Macht der alten Elite. Der stern hat sie getroffen.
Von Sophie Albers Ben Chamo

Stav Shaffir ist in Israel ein Politstar. 2011 war sie das strahlende Gesicht der Sozialproteste. Bei der größten Demonstration in der Geschichte des Landes sind damals landesweit bis zu 700.000 Menschen auf die Straße gegangen. 2013 wurde Shaffir mit 27 Jahren die jüngste Abgeordnete in der Geschichte des israelischen Parlaments, der Knesset (für die Arbeiterpartei). Unerschrocken kämpft die fragile Frau seitdem gegen Korruption und Filz, die sich in der Machtelite breitgemacht haben - und die ein friedliches Israel unmöglich machen, wie sie sagt. Ihre leidenschaftlichen Auftritte und ihre Aufdeckung heimlicher Geldtransfers haben ihr viele Anhänger eingebracht. Vor allem junge Israelis stehen hinter der mittlerweile 30-Jährigen.

Mitten in der aktuellen Terrorwelle, in der Messerattacken und Anschläge auf jüdische Israelis zum Alltag geworden sind, hat der stern Shaffir in Tel Aviv getroffen und mit ihr über ein neues Israel gesprochen. Denn: Frieden ist möglich, sagt die Oppositionspolitikerin. Sie spricht sich klar für die Zwei-Staaten-Lösung aus, zu der es keine Alternative gebe, wenn Israel als zionistischer und demokratischer Staat überleben wolle.

"Netanjahu tut nichts"

"Wir wissen, wann es zu Angriffen kommt: nämlich wenn Menschen wirtschaftlich und politisch verzweifelt sind, wenn sie keine Hoffnung haben. Aber unsere Regierung unter Benjamin Netanjahu meint, den Konflikt aussitzen zu können", so Shaffir. "Sie ist nicht ernsthaft am Frieden interessiert." Dabei seien die grundsätzlichen Details eines Abkommens eigentlich allen bekannt. 

Wie der 1995 ermordete israelische Premier Jitzhak Rabin will Shaffir vor allem das Problem der Siedlungen im Westjordanland angehen, die deutlich mehr gefördert werden als andere Städte an Israels Peripherie. Als Mitglied des Finanzausschusses hat sie ein heimliches Budget aufgedeckt: "87 Prozent der Budget-Zuteilungen ändern sich im Finanzausschuss", so Shaffir im Interview. Und mit sogenannten Bonuszahlungen würden sogar illegale Siedlungen gefördert.

"Dramatische Änderungen sind möglich" 

Shaffir fordert die klare Trennung von Religion und Staat, denn Israel sei schließlich als säkularer Staat gegründet worden. Nur so könne sich eine israelische Identität entwickeln, zu der sich alle zugehörig fühlen: egal ob Jude, Moslem oder Säkularer.

Ob sie wirklich glaubt, dass ihr neues Israel eine Chance hat? "Lassen Sie mich eine Geschichte erzählen: Anfang des Jahres habe ich mit deutschen Parlamentariern zu Abend gegessen. Sie kamen gerade zurück aus dem Westjordanland und waren sehr bedrückt. Sie fragten mich: Hast du wirklich noch Hoffnung, dass sich jemals etwas ändern wird zwischen euch und den Palästinensern? Ich habe sie angeguckt und musste lachen. Deutsche und israelische Politiker sitzen zusammen - für meine Großmutter ist das schwer zu begreifen. Nur zwei Generationen nach dem Schlimmsten, was Menschen Menschen antun können. Das lehrt uns, dass dramatische Änderungen möglich sind."


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