HOME

Khaled al Masri: "Zieh dich aus, sagten sie zu mir"

Warum hat Khaled al Masri seine Familie verlassen, warum ging seine Frau nicht zur Polizei? Wollte die CIA ihn anwerben? Seine Antworten, aufgezeichnet. Von Arno Luik.

Ich wundere mich, dass ich noch lebe. Ich war im Maul des Löwen, er hat mehrmals auf mir rumgekaut und mich dann ausgespuckt.

Ich hatte Streit mit meiner Frau, wollte ein paar Tage allein sein. Ich hatte ein Angebot gesehen, mit dem Bus nach Skopje für 120 Euro, am 31. Dezember 2003 fuhr ich los. An der serbisch-mazedonischen Grenze wurde mir der Pass abgenommen, Bewaffnete brachten mich in ein Hotel in Skopje. Und jetzt? Sie können schlafen, sagten sie. Und ihr? Wir bleiben hier. Ihr Pass wird geprüft. Das dauert. Am nächsten Tag fragten sie, ob ich in die Moschee gehe, was im Multikulturhaus in Neu-Ulm los sei. Ich wollte Kontakt zur Botschaft, ich fragte nach meiner Frau, die lachten. Wenn ich aufs Klo musste, blieb die Tür offen. Ich wollte raus. Sie hielten mir die Pistole an den Kopf: Du bist ein toter Mann.

Ich fing einen Hungerstreik an. Irgendwann hieß es: Es geht zurück nach Deutschland. Ich musste in eine Videokamera meinen Namen sagen, betonen, dass es mir gut geht. Am 23. Januar brachten sie mich zum Flughafen. Dort verbanden sie mir die Augen. Plötzlich wurde von allen Seiten auf mich eingeschlagen, mit Messern eingestochen. Sie schnitten mir die Kleider auf. Als sie meine Unterwäsche runterziehen wollten, habe ich versucht, mich zu wehren. Chancenlos. Meine Augenbinde verrutschte etwas. Sechs Männer schlugen auf mich ein, sie waren vermummt, wortlos, ohne einen Ton von sich zu geben, schlugen sie, zehn Minuten lang. Sie trugen schwarze Handschuhe, schwarze Masken. Sie warfen mich auf den Boden, und dann von hinten, sie steckten mir... Ich kann nicht drüber reden, sonst muss ich mich übergeben... Sie demütigten mich. Sie zogen mir eine Windel an, ich hörte, wie sie mich fotografierten.

Danach fesselten sie mich

mit schweren Ketten. Die Hände auf dem Rücken, die Ketten gingen runter an die Knöchel. Jetzt hatte ich Bilder von Guantánamo im Kopf. Sie zerrten mich aus dem Zimmer, die Ketten schlugen auf die Knochen. Im Flugzeug warfen sie mich auf den Boden, gaben mir eine Betäubungsspritze, dann noch eine. Todesangst. Ich bin jetzt nicht mehr der Mensch, der ich früher war.

Ich wurde aus dem Flugzeug geholt, mir war klar: Ich bin nicht mehr in Europa, das Wetter war zu trocken. Sie schmissen mich in den Kofferraum eines Autos. Ich wurde in ein Haus gebracht, die Treppe runtergestoßen, bekam Fußtritte. Sie stießen mich in eine kleine, dreckige Zelle, sie nahmen mir die Ketten ab und die Augenbinde. An der Wand arabische Zeichen, ich las Kabul. Ich hatte Durst, ich wollte Wasser. Trink das, sagte einer. In der Ecke war dreckiges Wasser, das fürchterlich stank. Trink das. Der Gestank dieses Wassers geht mir nicht mehr aus dem Mund.

Zeitleiste - der Fall al Masri

Sie haben Flash deaktiviert oder nicht installiert. Oder Sie benutzen ein iOS-Gerät.

Vier Vermummte holten mich zum Verhör. Zieh dich aus! Ich wollte nicht, sie rissen mir die Windel vom Leib, schlugen mich, fotografierten mich. Der Verhörer brüllte: Du bist in einem Land, wo es keine Gesetze gibt. Wir können dich hier begraben - und niemand weiß etwas.

24 Stunden - bis auf die Verhöre - saß ich in der Zelle, verdorbenes Essen stellten sie mir hin, abgenagte Hühnerknochen, verfaulten Reis, Radieschenblätter. Ich konnte nicht schlafen, es war zu kalt. Sterben war besser als leben. Am 5. März fing ich einen Hungerstreik an. Nachts verhörten sie mich, Amerikaner, sie waren von der CIA, das sagten die auch. Sie stellten immer die gleichen Fragen: Was im Multikulturhaus los ist, ob für den Dschihad aufgerufen würde. Eines Nachts sagten die Amis: Danke. Es war eine Namensverwechslung.

Plötzlich tauchte Sam auf. Sam sprach wie ein Norddeutscher, er sagte: Wir wollen offen reden. Ich sagte: Wer sind Sie? Er: Sam. Ich wollte wissen, ob er deutscher Beamter sei. Er blickte zu den Amerikanern, sagte dann: Das beantworte ich nicht. Ich fragte: Wissen die deutschen Behörden, dass ich hier bin? Er: Auch diese Frage beantworte ich nicht. Nun stellte er die gleichen Fragen wie die Amerikaner, tagelang. Irgendwann meinte er: Er müsse Rücksprache mit Deutschland halten. Als er wiederkam, sagte er: Der Weg nach Deutschland ist nicht einfach. Die Amerikaner wollen nicht zugeben, dass du hier warst. Die werden die Wege abschneiden, um keine Spuren zu hinterlassen.

Ich weiß nicht, was die CIA

von mir wollte, weiß nicht, warum sie mich nicht umgebracht haben. Ich glaube, das ärgert sie heute. Am 28. Mai verbanden sie mir die Augen, warfen mich in einen Container. Im Flugzeug banden sie mich wieder fest. Sam sagte, sie würden mich in der Nähe von Deutschland freilassen. Vielleicht aus Langeweile, vielleicht aus Freundlichkeit sprach Sam noch ein wenig mit mir: "Wir haben einen neuen Bundespräsidenten." Irgendwo ist das Flugzeug gelandet. Ein paar Leute fuhren mit mir ein paar Stunden durch die Gegend, irgendwo ließen sie mich raus, nahmen mir die Binde ab, ich stand in einer einsamen Gegend. Berge. Wald. Sie sagten: Geh los, schau nicht zurück. Ich lief los und wartete auf die Kugel in den Kopf.

Hinter einer Biegung standen drei Bewaffnete. In Tirana setzten sie mich in ein Flugzeug nach Frankfurt. Als ich nach Neu-Ulm kam, war meine Wohnung leer. Ich erfuhr, dass meine Frau mit den Kindern zu ihrer Familie in den Libanon gegangen sei. Mein Frau ist Libanesin, sie hatte Angst, zur Polizei zu gehen, sie hatte Angst, von ihren Kindern getrennt zu werden, falls sie abgeschoben würde. Jetzt ist meine Familie wieder da. Aber ich bin ein anderer Mensch geworden. Ich bin ungeduldig, bin misstrauisch. Habe Angst. Plötzlich ist alles möglich. Will der Typ dort drüben mich in einen Kofferraum werfen? Mich erschießen?

print
Themen in diesem Artikel