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Kinderhändler: "Wo ist Maddy?"

Seit mehr als zehn Tagen ist die kleine Madeleine aus England spurlos verschwunden, allen Anzeichen nach entführt aus einer Hotelanlage an der portugiesischen Küste. Ihre Eltern Kate und Gerry McCann durchleben seitdem einen Albtraum. Ist ihre Tochter das Opfer von Kinderhändlern geworden?

Von Georg Wedemeyer

Das Mädchen war ihr sofort aufgefallen. "Wegen der großen Augen." Gerade hatte die Kleine die Mutter quer über die Straße gezogen, jetzt stand sie vor dem Laden und starrte die Spielsachen an. Maddie quengelte, wie alle Kinder, die ihre Mutter herumkriegen wollen, und zeigte auf eine große Sandschaufel. Die wollte sie haben. Unbedingt. Auf der anderen Seite der Straße stand der Vater mit dem Kinderwagen in der gleißenden Sonne und wartete. Die Szene hat sich in Gracia Oliveiras'* Gedächtnis gebrannt wie ein stillstehendes Bild: die großen Augen, der Vater in der Sonne, die Hauptstraße von Sagres, die in ihrer Kargheit ein bisschen an Wildwest erinnert.

Das kleine Dörfchen Sagres liegt im äußersten Südwesten Portugals. Als man die Erde noch für eine Scheibe hielt, war die Welt hier zu Ende. "Schwermütig" und "windumweht" sei Sagres, steht im Touristenprospekt. Davon war an diesem Morgen des 30. April nichts zu spüren. Für Gerry und Kate McCann und ihre fast vierjährige Tochter Madeleine, genannt Maddy, war es ein strahlender zweiter Urlaubstag.

Nur wenige Tage später sollte sich hier, am Ende der Welt, ihr Traum vom ersten Familienurlaub in einen Albtraum verwandeln: Maddy wurde verschleppt, offenbar aus ihrem Kinderbett im Hotel heraus, möglicherweise von professionellen Entführern. Und Gracia Oliveiras, die von ihrem Laden aus so manches beobachtet, hätte es womöglich ahnen können. Am 28. April war die englische Familie McCann, zu der noch die anderthalbjährigen Zwillinge Sean und Amelie gehören, von Manchester aus nach Faro an die Algarve geflogen. Die beiden Mediziner hatten sich 1996 auf einer Reise kennengelernt, zwei Jahre später heirateten sie in Liverpool, Kates Heimatstadt. Die beiden galten im Bekanntenkreis als glücklich, aber man bedauerte, dass es "mit dem Kinderkriegen nicht klappt".

Künstliche Befruchtung

Tatsächlich machte Kate, die sich sehnlichst Kinder wünschte, nie ein Hehl daraus, dass sie es jahrelang mit künstlicher Befruchtung versucht hatten. Vier Jahre nach der Hochzeit, Gerry McCann arbeitete als Herzspezialist in Amsterdam, klappte es. Kate wurde mit Madeleine schwanger, am 12. Mai 2003 kam das Mädchen zur Welt. Auch die 2005 geborenen Zwillinge wurden so gezeugt. "Madeleine ist das Zentrum des Universums für ihre Familie, sie ist der ausgleichende Faktor, große Schwester und kleine Prinzessin zugleich", zitiert die englische Presse eine Tante von Madeleine. "Sie ist liebenswert, hübsch, strahlend, lustig und fürsorglich. Sie ist so besonders", sagen Gerry und Kate, die heute beide 39 sind, über ihre Tochter.

Ziel des Familienurlaubs war der Ocean Club im Städtchen Praia da Luz. Einer der seltenen Orte und Clubs, bei denen schöne Werbebilder mit der Wirklichkeit übereinstimmen. Schroffe Felsen, feinster Sandstrand, tiefgrüne Palmen und lila Bougainvillea. Algarve eben. Der riesige Club, kein Luxus, aber auch nicht billig, wurde 1982 von Engländern gegründet und ist vor allem ein Kinderparadies. Bis zum Alter von fünf Jahren wohnen Kinder hier umsonst. Spielplätze, Sportmöglichkeiten, Pools und Betreuungseinrichtungen in Hülle und Fülle. Das meiste ist gratis. Das letzte Bild von Maddy zeigt sie lächelnd mit Tennisbällen.

Ideale Bedingungen für den Familienurlaub

Die McCanns bezogen ein Zweizimmerapartment im Hochparterre eines Eckhauses. Auf zwei Seiten grenzt es an die Straße. Ein Treppchen führt in den kleinen Vorgarten, daneben eine Gittertür ins Freie. Von dort sind es nur ein paar Schritte zum Pool und zum Clubrestaurant. Alles in allem ideale Bedingungen für einen entspannten Familienurlaub. Eine Ferienidylle, die auch Freunde des Paares aus England mitgenießen wollten.

Am zweiten Tag machten sich die McCanns mit ihrem Mietwagen selbstständig und fuhren mit Maddy die 25 Kilometer nach Sagres; die Zwillinge hatten sie im Kindergarten "Toddler Club" gelassen. Die Geschichte mit der Sandschaufel in Sagres ging aus wie üblich: Maddy bekam eine. Zwar nicht die zunächst ausgewählte, denn Mutter Kate fand sie zu groß. Aber im nächsten Laden kaufte sie gleich Eimerchen, Schäufelchen, Rechen und Backförmchen zusammen. Dann ging es hinunter an den Strand von Sagres.

Von Kindermafia ausgespäht?

Möglicherweise wurden die McCanns schon hier von Mitgliedern einer Kindermafia ausgespäht. Denn der Ladenbesitzerin Gracia Oliveiras war zuvor ein Mann aufgefallen, der sich stundenlang in der Nähe ihres Geschäftes aufhielt. Lässig habe er sich mit dem Rücken an einen Laternenpfahl gelehnt und die vierjährige Tochter der Köchin einer Bar gegenüber beobachtet. 30 bis 40 Jahre alt sei er gewesen, habe ziemlich dunkle Haut gehabt und Markenkleidung getragen, ein blaues Hemd mit dunklen Längsstreifen und eine schwarze Weste mit vielen Taschen, "wie sie Fotografen haben". Gracia hielt ihn für einen Kubaner, doch als sie ihn danach fragte, antwortete er: "Nein, Engländer." Schließlich schickte Gracia das Mädchen zu ihrer Mutter. Der Mann verschwand.

Er war nicht der Einzige, der an jenem Tag in Sagres kleine Mädchen beobachtete. Der portugiesische Urlauber Paulo Gomes* ärgerte sich über einen Mann mit beigefarbener Hose und blauem Hemd, den er dabei erwischte, wie er mehrfach seine ebenfalls vierjährige Tochter fotografierte. Erst oben am großen Platz, dann unten am Strand, wo ein Kindergeburtstag gefeiert wurde. Paulos Frau Bärbel* ist Deutsche. Die Tochter der beiden ist genauso blond wie Maddy, sieht ihr sogar ähnlich. Paulo Gomes stellte den Mann zur Rede, worauf dieser zusammen mit einer Frau in einen grauen Renault Clio stieg und verschwand. Doch Paulo hatte ihn zuvor mit seinem Handy noch fotografiert. Blonde Kinder, sagen Experten, stehen bei Kidnappern hoch im Kurs. "Für solche Kinder werden rund 30 000 Euro bezahlt", berichtet eine Athener Polizeiexpertin. Griechenland hat sich in den vergangenen Jahren zur Drehscheibe des internationalen Kinderhandels entwickelt - egal ob die Auftraggeber adoptionswillige Paare sind, die den zeitraubenden Weg durch die Instanzen scheuen, oder ob es sich um Pädophile handelt. Ein Millionengeschäft.

Nachdem Maddys Entführung bekannt geworden war, meldete Paulo den Vorfall der Polizei. Diese behauptet nun, Paulo sei beim Fotografieren gestolpert und mit einem Finger vors Objektiv geraten - das Foto also nicht viel wert. Vielleicht, um den Zeugen zu schützen. Paulo und Bärbel sind gleich nach ihrer Aussage mit unbekanntem Ziel abgereist - aus Angst vor der Rache der Mafia. Die Neigung, mit der Polizei zusammenzuarbeiten, ist bei den Portugiesen grundsätzlich nicht besonders ausgeprägt - wohl das Erbe einer langen Diktatur. Die Britin Jenny Murat, die seit 40 Jahren an der Sonnenküste lebt, weiß das. Deshalb hat die 71-Jährige einen Tisch mit Sonnenschirm neben einer Bushaltestelle aufgebaut. Dort bietet sie an, anonym Informationen über Maddys Entführung entgegenzunehmen. "Ich rück den Leuten richtig auf die Pelle", sagt sie. Bisher hat sich allerdings keiner der alten Dame anvertraut.

In einschlägigen Kreisen gilt Portugal ohnehin als "Pädophilen-Paradies", da es hier, anders als in den meisten Ländern Europas, kein Register für Kinderschänder gibt. Vielmehr wird das Problem gern verleugnet. So machte vor vier Jahren der Fall Casa Pia Schlagzeilen. Mehrere ehemalige Bewohner des Lissabonner Kinderheimes, unter ihnen ein Rechtsanwalt, behaupteten, einst vom Heimleiter an prominente Pädophile für Orgien vermittelt worden zu sein. Die meisten Zeugen allerdings wurden als Drogensüchtige diffamiert, bis heute kam es zu keiner Verurteilung. "So etwas muss nicht oft passieren, um die Leute einzuschüchtern", sagt eine Einheimische. Nach dem Trio aus Sagres wird zurzeit per Interpol gefahndet. Das letzte Lebenszeichen von ihnen sind Videoaufnahmen der Überwachungskamera einer Autobahntankstelle nur zehn Kilometer vom Urlaubsort der McCanns entfernt.

Der Abend, der die unbeschwerten Ferien der McCanns so abrupt beendete, begann gegen 19 Uhr. An den Tagen zuvor hatten die Eltern sich mit den Freunden immer im Restaurant am Pool zum Essen verabredet. Für diese Zeit bietet der Club ein Babysitting in einem Gemeinschaftsraum an. Man bringt die Kinder im Schlafanzug vor dem Essen hin, holt sie später wieder ab. An diesem Donnerstag wollten die McCanns das ändern, denn ihre Kinder schliefen im "Schlafsaal" nur unruhig. Also brachten sie sie gegen 19 Uhr im Apartment ins Bett, nur 50 Meter Luftlinie vom Restaurant entfernt. Vom Tisch aus konnten sie den Eingang der Ferienwohnung sogar beobachten. Jede halbe Stunde wollten sie nach den Kindern schauen. Außerdem würde Maddy, die Fürsorgliche, sich schon melden, wenn etwas nicht stimmte.

Maddy meldete sich nicht, und die Eltern sahen in den folgenden Stunden regelmäßig bei den Kindern nach. Alles in Ordnung. Irgendwann an diesem Abend sah einer der Freunde einen Mann außerhalb des Clubgeländes mit einem Kind auf dem Arm. Er maß dem aber keine besondere Bedeutung bei - um diese Zeit tragen hier öfter Väter ihre todmüden Kinder herum. Als Kate um 22.30 Uhr wieder nach den drei Kleinen schaute, fand sie Maddy nicht mehr in ihrem Bett. Nur noch ihre Sandalen standen davor. Und das Lieblingskuscheltier "Cuddly Cat" lag neben dem Kopfkissen. Die Zwillinge schliefen friedlich. Madeleine war verschwunden. Und blieb es. Alles verzweifelte Suchen der Eltern, der Freunde, der Clubangestellten brachte nichts. Auch die sechs Spürhunde der herbeigerufenen Polizei waren erfolglos. Noch in der Nacht klingelte Gerry McCann seine Schwester in England aus dem Bett und schrie ins Telefon: "Maddy ist weg. Sie ist aus unserem Apartment, aus ihrem Bett gekidnappt worden."

Am folgenden Tag herrschte Chaos in Praia da Luz. Die Kinder der Einheimischen hatten Angst, zur Schule und in den Kindergarten zu gehen. Kompetenzstreitereien der Polizei verzögerten die Arbeit. Schließlich war es Bürgermeister Manuel Borba, 71, ein ehemaliger Marinepolizist, der nachmittags um 15 Uhr alle im Rathaus an einen Tisch brachte und die ersten Suchtrupps organisierte. Erst am Abend um 20 Uhr schaltete sich die Kripo ein. Erst jetzt waren zeitweise mehr als 150 Beamte im Einsatz, Suchtrupps durchkämmten das Gelände, suchten in Tiefbrunnen und Mülltonnen. Spürhunde erschnüffelten, dass Maddy in einem weiteren Apartment im Ocean Club gewesen sein muss. Hatten die Kidnapper Komplizen im Gelände? Oder war die Kleine einfach mal zu einem anderen Kind zum Spielen gegangen? Gab es Festnahmen oder nur Verhöre? Was ist mit dem Paar, das nahe den Mc- Canns urlaubte und nach Maddys Verschwinden plötzlich abgereist sein soll? Warum gibt es keine Fahndungsfotos? Die Polizei mauert. Mal heißt es, man ziehe den Kreis enger, mal, dass es noch dauern werde. Die Kritik der britischen Presse ist erst verstummt, seit Beamte von Scotland Yard die örtliche Polizei unterstützen.

Zur Mithilfe bei der Suche nach Maddy haben inzwischen nicht nur Bürger der portugiesischen Küstenregion aufgerufen. Die Fußballer David Beckham und Cristiano Ronaldo appellierten im Fernsehen, britische Geschäftsleute setzten eine Belohnung von knapp vier Millionen Euro aus. Jeder Tag, an dem Maddy nicht zurück ist, ist für Kate McCann Folter. Man sieht es ihr an. Nur mithilfe von Tabletten findet sie Schlaf. Ein britischer Polizeipsychologe weicht nicht von ihrer Seite. Die ohnehin zierliche Frau wirkt zerbrechlich. Mit einer Hand klammert sie sich an ihren Mann, mit der anderen knautscht sie Maddys Kuscheltier.

Der Anblick der leidenden Eltern rührt viele zu Tränen. Besonders, als in der Kirche von Praia da Luz der vierte Geburtstag von Maddy als Fest der Hoffnung gefeiert wird. Fromme Portugiesen wie Franzisca Miguel, 67, klammern sich an die Fátima-Legende. Vor 90 Jahren, so die Geschichte, hatten drei Kinder im portugiesischen Fátima eine Marienerscheinung, die viele Wunder nach sich zog. Franzisca Miguel betet jeden Tag, "dass die Heilige von Fátima auch in Praia da Luz erscheint und uns Maddy wiederbringt". Währenddessen läuft das Leben im Club seltsam normal weiter. Auch am Strand spielen Eltern mit ihren Kindern - wie immer. Die Engländerin Isabell, 32, die mit ihrer Tochter Carlotta, 4, ebenfalls im Ocean Club urlaubt: "Wir bemühen uns, die Kinder bei Laune zu halten. Sie haben sich auf den Urlaub gefreut. Mit den McCanns reden wir nicht. Wir wollen sie nicht mit unserer Fröhlichkeit belasten."

* Namen von der Redaktion geändert

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