Kommentar Die Taliban, Kurt Beck und die CDU


Der Vorschlag von SPD-Chefs Kurt Beck, die Taliban an einer neuen Afghanistan-Friedenskonferenz zu beteiligen, stößt bei CDU und CSU auf scharfe Ablehnung. Dabei ist das ein richtiger Schritt: Mit kriegerischen Mitteln allein ist kein Frieden zu erlangen.
Von Christoph Reuter

In den schroffen Bergen Südafghanistans dürften ein paar Männer gar nicht glücklich sein über das, was der SPD-Vorsitzende Kurt Beck vor Tagen äußerte: dass man auch mit den Taliban reden müsse, die Möglichkeiten nationaler Versöhnung ausloten solle. Den militärischen Hardlinern der Taliban-Führung wie Mullah Dadullah käme kaum etwas ungelegener als ein Ende des jahrelangen US-Feldzuges im Süden, dessen Sommersaison der neue amerikanische ISAF-Befehlshaber gerade eröffnet hat.

Sie dürften eher glücklich sein über so verlässliche Schützenbrüder wie diverse Unionspolitiker oder den Publizisten Henryk Broder, der pointenreich Beck etwas tapsig formulierten Vorstoß der Lächerlichkeit anheim gab. Aber der auf die entscheidende, leider etwas komplizierte Frage auch keine Antwort hat: Was tun?

Mit jedem getöteten Kämpfer werden die Taliban mächtiger

Seit viereinhalb Jahren kämpfen vor allem US-Truppen im Rahmen ihrer Operation "Enduring Freedom", ewig währende Freiheit. Sie jagen Taliban, Terroristen und alle, die sie für solche halten. In diesen Jahren ist die Lage im Süden und Osten Afghanistans nicht besser, sondern stetig schlechter geworden. Die Taliban sind nicht noch da, sondern wieder. 2002 war es ruhig, selbst in Provinzen wie Helmand, Kandahar, Oruzgan. Heute sind dies Kriegsschauplätze, und je mehr tote Taliban in den amerikanischen Jagdbilanzen veröffentlicht werden, desto mächtiger werden dort die Taliban.

Luftbombardements auf Dörfer und das Erschießen aller echten oder vermeintlichen Feinde haben weder Sieg noch Frieden gebracht, sondern den Taliban einen anhaltenden Massenzulauf beschert. Es gibt keinen Grund, die Taliban zu mögen. Aber sie lassen sich nicht militärisch besiegen, solange nicht die Gründe beseitigt werden, die ihnen 1996 zur Machtergreifung behilflich waren und es heute abermals sind.

Im paschtunischen Süden und Osten Afghanistans kamen sie an die Macht, weil die Menschen es satt hatten, sich von jedem lokalen Milizenführer erpressen und umbringen zu lassen. Nach dem Sturz der Taliban Ende 2001 drängten vor allem die USA darauf, viele genau dieser Warlords wieder an die Macht zu hieven, die ihnen Unterstützung bei der Jagd auf Bin Laden versprochen hatten – aber ansonsten daheim wieder so herrschen wollten wie gewohnt; darunter Massenmörder wie Usbekenführer Abdul Raschid Dostum, Drogengroßhändler wie Präsidenten-Bruder Wali Karzai, Bin Laden-Freunde wie der machtvolle Abdul Rasul Sayyaf – auf dessen Betreiben Präsident Karzai vergangenes Jahr das alte Taliban-Ministerium "zur Förderung der Tugend und zur Bekämpfung des Lasters" wieder aufleben ließ.

Es braucht Schulen, Straßen, Strom, Firmen

Afghanistans Lage ist zu vertrackt für den Stammtisch. Es gibt da nicht die Guten auf der einen und die Bösen auf der anderen Seite. Es gibt de facto nicht einmal eine zentrale Staatsmacht in Afghanistan, sondern auseinander driftende Landesteile und Ethnien, zusammengehalten durch endlose Verhandlungen und Kompromisse. Wenn es den Afghanen besser gehen soll, braucht es dafür Schulen, Straßen, Strom, Firmen. Dazu wiederum bedarf es einer halbwegs geltenden Ordnung, dass nicht jeder auf jeden schießt. Genau dies geschieht – jenseits von Kabul - derzeit im Norden. Dort bröckelt die Macht der Warlords ebenso wie die Unterstützung für die Taliban. Das alles klingt nicht halb so sexy wie ein militärischer Sieg. Aber es ist reell. Die Kriegsziele Washingtons sind es nicht, sie scheitern Jahr um Jahr ein bisschen mehr.

Wenn es gelingen soll, die Taliban verschwinden zu lassen, dann nicht durch einen Sieg - sondern dadurch, dass sie überflüssig werden. Dass die Afghanen mehr zu verlieren haben als nur einen Alptraum im Austausch gegen einen anderen.

Dazu werden, zur Enttäuschung vieler Taliban, die USA ihren Krieg einstellen müssen. Und dazu kann es nötig sein, mit Teilen der Taliban und ihren Verbündeten zu verhandeln. Was Karzais Regierung ja ohnehin längst tut. Er kriegt hierzulande nur keiner mit.


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