Kongo Vergewaltigungen gehören zum Alltag


Fünf Jahre tobte ein blutiger Krieg im Kongo. Die Gewalt der Kriegsparteien richtete sich auch massiv gegen Frauen. Vergewaltigungen wurden als Waffe eingesetzt, um die Bevölkerung zu terrorisieren.

Hunderte von Frauen haben sich mitten in der kongolesischen Stadt Goma nackt ausgezogen. "Wenn Ihr uns nehmen wollt, dann tut es jetzt und hier! Vergewaltigt uns doch! Oder helft uns endlich!" Der provozierende Aufschrei der Frauen im März kam spät. Vergewaltigungen durch einen oder mehrere Täter gehörten im fünfjährigen Kongo-Krieg zum schrecklichen Alltag. Nach Schätzungen von Hilfsorganisationen wurde jede dritte erwachsene Frau im Kongo mindestens einmal vergewaltigt - deutlich mehr als in anderen Konflikten.

Schlimme innere Verletzungen

Angehörige verschiedener Milizen gingen oft so brutal vor, dass viele Frauen schlimme innere Verletzungen erlitten. Die Gewalt gegen Frauen wurde als Waffe eingesetzt, um die Bevölkerung zu terrorisieren. Seit die Kämpfe nach dem Friedensabkommen im vergangenen Dezember nachgelassen haben, machen sich mehr und mehr Frauen auf die häufig beschwerliche Reise zu einem Krankenhaus.

"Auch nach dem Friedensabkommen werden im Osten Kongos weiter zahlreiche Frauen vergewaltigt", sagt Juliane Kippenberg von Human Rights Watch. So meldeten sich allein in einem Frauenzentrum in Kivu noch immer monatlich mehr als 100 geschändete Frauen.

Die jüngste Patientin ist acht Jahre alt

Der nackte Protest der Frauen in Goma bewog den Arzt Joe Lusi, sich besonders um diese Gruppe der Kriegsopfer zu kümmern. "Wir helfen den Frauen, indem wir ihre Geschlechtsorgane wieder herstellen", sagt er. "Das ist wichtig für die Frauen, für ihre Würde, und für unser Land." Das Krankenhaus musste aus Platzmangel große Zelte aufbauen. Die jüngste Patientin ist acht Jahre alt, die älteste über 70.

Bohor Nyagakonda wartet in dem Krankenhaus auf ihre nächste Operation, zwei hat sie schon hinter sich. "Ich habe geschlafen, als sie kamen", erinnert sie sich. Die 30-Jährige war im achten Monat schwanger, als sie im vergangenen Jahr von Milizen überfallen wurde. "Sie sperrten meinen Mann ins Nachbarzimmer und vergewaltigten mich, fünf Männer, einer nach dem anderen", sagt sie. Das ungeborene Kind verlor sie. Anschließend war sie bettlägrig. "Ich konnte nicht mehr zur Toilette gehen und wusste überhaupt nicht, was mit mir los war", sagt sie. "Zehn Monate ging das so."

Bleibende Schäden

Ärzte im Osten Kongos sind besorgt über die große Zahl vergewaltigter Frauen, die bleibende Schäden davontragen und ihre Körperfunktionen nicht mehr kontrollieren können. Vergewaltigte Frauen werden zudem häufig von ihren Ehemännern verlassen. Bohor blieb dieses erspart. Ihr Mann hielt zu ihr und brachte sie in das Krankenhaus.

Die Regierung in der mehr als 1200 Kilometer entfernten Hauptstadt Kinshasa hat kaum Kontrolle über den Osten des Landes. Dort haben nach wie vor die von Ruanda unterstützen Rebellenmilizen das Sagen. "Es gibt bislang kaum Versuche, die Täter vor Gericht zu stellen", sagt die Expertin von Human Rights Watch. Um das Schicksal der Frauen kümmern sich in erster Linie einheimische Hilfsorganisationen. "Zumindest können Frauen offener über ihre Erfahrungen reden als früher", sagt sie. "Das hilft ihnen, darüber hinweg zu kommen - wenn das überhaupt möglich ist."

Raymond Thibodeaux und Ulrike Koltermann DPA

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