Krieg im Gaza-Streifen Von der Freude, Explosionen zu hören


Israel legt im Gaza-Streifen systematisch die Infrastruktur der Hamas in Schutt und Asche. Hunderte von Palästinensern werden dabei getötet und verletzt. Nur wenige Kilometer weiter, auf der anderen Seite der Grenze, bejubeln die Menschen jede Explosion der israelischen Bomben.
Von Ulrich W. Sahm, Jerusalem

"Es war ein herrliches Gefühl, die Explosionen zu hören. Endlich müssen wir nicht mehr glauben, dass der Staat uns vergessen und unserem Schicksal überlassen hat", sagt eine Frau in Sderot während sie im Schutzraum sitzt. Nur kurz vorher haben die Lautsprecher mal wieder "Rote Farbe, Rote Farbe" geplärrt - die übliche markerschütternde Warnung vor einem Raketenangriff aus Gaza.

Jahrelang standen die Menschen in Sderot und anderen grenznahen Ortschaften rund um den Gaza-Streifen unter dem Trommelfeuer von Kassamraketen. Manchmal nur sporadische Einschläge, dann wieder bis zu 80 am Tag. Jetzt schlug eine "Grad"-Rakete aus iranischer Produktion auf einer Baustelle in Aschkelon ein - und tötete den 27 Jahre alten Hani al Mahdi. Zehn seiner Kollegen wurden teilweise schwer verletzt. Al Mahdi ist der zweite israelische Tote, während wenige Kilometer weiter südlich, im Gaza-Streifen, zuletzt mehr als 315 Toten gezählt wurden. Die Uno will gemäß ihrer eigenen Überprüfung feststellt haben, dass 51 von ihnen Zivilisten gewesen seien.

Von der Sperrung aus dem Verkehrsfunk erfahren

Offizielle Zahlen, Bekanntmachungen und Verlautbarungen sind so eine Sache in Kriegszeiten. Und manchmal lässt sich aus dem Verkehrsfunk mehr erfahren als aus staatlichen Quellen. Alle Straßen von Jad Mordechai und Sderot in Richtung Süden seien zum militärischen Sperrgebiet erklärt worden, heißt es im Radio. Es ist anzunehmen, dass diese Sperre nicht verhängt wurde, um Autofahrer vor Raketen aus dem Gaza-Streifen zu schützen. Ungefähr zur gleichen Zeit verschickt die "Vereinigung der ausländischen Presse" in Israel einen "Offenen Brief" und protestiert darin dagegen, vom Kriegsgeschehen "ausgesperrt" zu werden. Und dann meldet sich die Pressezensur nach vielen Jahren mal wieder bei Reportern und erinnert daran, dass jeder Bericht über die Militäroffensive oder Truppenbewegungen zunächst bei ihr vorgelegt werden müsse.

6500 Reservisten sind jetzt mobilisiert worden. Diese Zahl reicht sicher nicht aus, um den ganzen Gaza-Streifen zu erobern. Aber für gezielte Einbrüche mit Bodentruppen dürfte es langen. "Jetzt ist nicht die Zeit, nach finanzieller Entschädigung zu fragen", sagt einer der Reservisten mit dem Stellungsbefehl in der Tasche. "Jetzt müssen wir kämpfen und die Heimat verteidigen", fügt er hinzu, als Journalisten ihn an die mangelhafte Ausrüstung der Reservisten während des Libanonkriegs 2006 erinnern.

Solidarisierungseffekt auf beiden Seiten

Diese Raketen werden in den westlichen Medien gerne als "selbstgebastelt" bezeichnet. Tatsächlich bestehen sie aus Röhren mit angeschweißten Flügelchen, gefüllt mit Sprengstoff, der aus Kunstdünger gewonnen wird und mal auch mit Gewehrpatronen versetzt ist, um beim Aufschlag, ähnlich wie Streubomben, die Menschen willkürlich zu treffen. Doch längst gibt es im Gaza-Streifen Fabriken, in denen diese Raketen wie am Fließband produziert und technisch verbessert werden. Im Kassam-Museum in der Polizeistation in Sderot steht auf jedem verbogenen Raketentrümmerteil, wo und wann das Geschoss niedergegangen ist.

Um diese Raketenattacken zu beenden, bombardiert die israelische Luftwaffe nun unermüdlich den gesamten Gaza-Streifen. Auf einen Schlag soll sie am Samstag "sämtliche" Militäreinrichtungen der Hamas innerhalb von nur 3.40 Minuten zerstört haben. So behauptet es die Hamas. Unter den 220 Toten dieser ersten Welle seien allein 180 Freischärler der Hamas-Organisation gewesen. Auch das haben die Radikal-Islamisten über ihren Fernsehsender verbreitet. Der kann freilich nur noch von einem versteckten Übertragungswagen aus senden, nachdem die Studios in der "Cinema City" zerbombt worden waren.

Schmugglertunnel systematisch zerstört

Nach und nach zerstören die Israelis wichtige Infrastruktur: Wie etwa die Schmugglertunnel entlang der Grenze zu Ägypten. Sie wurden gezielt mit modernen bunkerbrechenden US-Raketen vom Typ GBU-39 beschossen. Die nur 113 Kilo schweren Raketen mit 22,7 Kilo Sprengstoff sind so klein, dass die Kampfflugzeuge mehrere davon bei jedem Einsatz mitnehmen können. Sie seien die zielgenauesten Raketen in der Welt, heißt es. Erst vor wenigen Wochen seien 1000 Stück davon mit Genehmigung des amerikanischen Kongresses nach Israel geliefert worden.

Im Gaza-Streifen selbst herrscht Chaos, Verzweiflung und vor allem Angst. Inzwischen ist die islamische Universität in Gaza-Stadt, wo angeblich in den Labors Sprengstoff für die Raketen der Hamas produziert wird, der Amtssitz des Ministerpräsidenten Ismail Hanija und das zentrale Gefängnis zerbombt worden. Angeblich werden Wohnungen von Hamas-Funktionären angegriffen. Palästinenser im Gaza-Streifen erhalten vom israelischen Geheimdienst SMS-Nachrichten und Anrufe, dass sie jene Häuser räumen sollten, in deren Kellern Waffen versteckt sein könnten.

Keine Kapazitäten für Schwerverletzte

Die Krankenhäuser sind überfüllt mit Verletzten. "Mangels Betten verbluten Verwundete mit abgerissenen Beinen, weil es keine Kapazitäten gibt, sie zu behandeln", sagt ein Arzt am Telefon. Vor der Operation "Gegossenes Blei" hatte Israel den Gaza-Streifen blockiert, "überflüssige" Waren wie Zement und Kiesel wurden nicht mehr durchgelassen, Hilfskonvois oft tagelang an den Grenzübergängen zurückgehalten. Ausgerechnet jetzt, mitten in den Kämpfen, rollen wieder Lastwagen mit Mehl und Medikamenten nach Gaza.


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