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Last Call: Als Weihnachten der Krieg verstummte

Im englischen Fernsehen läuft seit einigen Wochen ein Werbespot, dessen Handlung vor hundert Jahren spielt: der Weihnachtsfrieden von 1914. Die Supermarktkette „Sainsbury’s“ hat ihn drehen lassen. Deutsche und britische Soldaten lassen am heiligen Abend die Waffen ruhen, steigen aus den Schützengräben, singen Weihnachtslieder, tauschen Adressen und Briefe. Sie spielen Fußball. Am Ende des ziemlich langen Spots steckt ein junger Engländer, er heißt natürlich Jim, einem jungen Deutschen, er heißt natürlich Otto, eine Tafel Schokolade in die Tasche.


Die einen liebten die Werbung, die anderen empfanden sie als kitschig, historisch nicht akkurat und ohnehin fragwürdig, weil ausgerechnet eine Supermarktkette das Filmchen finanzierte. Immerhin, es gab eine Diskussion. Man muss wissen: Der Weihnachtsfrieden in den flandrischen Gräben ist in Großbritannien seit Monaten ein großes Thema. Er ist ein großes Thema, weil der Erste Weltkrieg ein großes Thema ist. Viel größer als in Deutschland. Der Erste Weltkrieg ist in Deutschland ein vergleichsweise blasser Krieg, überlagert von der Monstrosität des dann folgenden Krieges. In England wundern sich die Leute, warum das in Deutschland so ist. Der Weihnachtsfrieden zum Beispiel beschäftigt hier Historiker, Filmschaffende, Künstler, Journalisten, Lehrer und Schüler und mit einer erstaunlichen Selbstverständlichkeit auch den englischen Fußballverband. Der DFB erinnerte kurz und trocken auf seiner Webseite daran. Das ist kein Vorwurf, das ist nur eine Tatsache.

Der Weihnachtsfrieden ist in England omnipräsent

Es gab Fußballspiele im Dezember zwischen britischen Soldaten und deutschen. Das Royal Shakespeare Theatre in Stratford führt noch bis Januar das Stück „The Christmas Truce“ auf; im National Football Museum in Manchester läuft die Ausstellung „The Great Game – Football and the First World War“. Ein Chor von Nachwuchsspielern von Premier League- und Bundesligavereinen nahm den Farm-Hit „All together now“ wieder auf. Die Royal Mail brachte Sonderbriefmarken heraus, ein Denkmal wurde in Liverpool eingeweiht. Der Weihnachtsfrieden ist omnipräsent in Großbritannien. Und nicht nur zur Weihnachtszeit.

Das war aber nicht immer so, lange vergessen auch hier. Erst mit dem Bühnenstück „Oh! What a lovely war“ kehrte die Erinnerung 1963 zurück. Richard Attenborough machte einen Musik-Film daraus, später entstand sogar eine Oper, und Paul McCartney untermalte seinen Hit „Pipes of Peace“ in den 80-er Jahren mit Szenen aus der heiligen Nacht der Waffenruhe. „Sainsbury’s“ setzte das nun fort. Man kann das mögen oder auch nicht.

Natürlich wird der Krieg hier verkitscht. Und natürlich weiß man heute, dass vieles im Nachhinein romantisiert, mythologisiert und und geschönt wurde. Der „Christmas Truce“ von 1914 ist zwar historisch unumstritten, aber facettenreich; er reicht weit tiefer als die Folklore, die ihn inzwischen umgibt. Der Krieg ruhte längst nicht überall, es wurde weiter geschossen, getötet und gestorben. Militärs auf beiden Seiten trauten der plötzlichen Fraternisierung nicht; Sir Walter Congreve, ein General, beobachtete in Nordfrankreich den Austausch von Freundlichkeiten reichlich distanziert. Er verließ den Schützengraben nicht aus Furcht, die Deutschen würden ihn als Ranghöchsten dann doch gefangennehmen und töten. Und als er von seinen Soldaten hörte, dass unter den feiernden und Zigarre rauchenden Deutschen auch ein junger Scharfschütze war, „their best shot“, hoffte er inständig, „dass wir ihn morgen niedermachen“. Das schrieb er seiner Frau. Ein Gefreiter auf der anderen Seite notierte: „Solche Dinge sollten in Kriegszeiten nicht passieren.“ Sein Name: Adolf Hitler.

"Menschen können sich auch menschlich verhalten"

Hunderte. Tausende von Soldaten hinterließen Briefe, Augen- und Ohrenzeugenberichte. Mehr englische als deutsche. Die meisten betört und verzaubert, „wir hörten sie singen“, „wir lachten“, „wir tranken“, „es war ein wundervoller Anblick“. 100 000 Soldaten sollen sich an diesem Weihnachtsfrieden beteiligt haben, verlässliche Zahlen existieren nicht. Man begrub die Toten zusammen, man sang Weihnachtslieder, es wurden gemeinsame Messen gelesen, gemeinsam gegessen und Geschenke und Fotos ausgetauscht. Das alles ist dokumentiert und überliefert. Vor ein paar Tagen tauchte ein Brief auf, dender junge Offizier Alfred Dougan Chater an seine Mutter geschrieben hatte, „ich glaube, ich habe heute einen der außergewöhnlichsten Anblicke erlebt, den man überhaupt erleben kann“. Er schildert darin, wie die Soldaten sich annähern - winkend und mit erhobenen Händen. Wie sie Autogramme austauschen, sich fotografieren, gemeinsam essen und trinken und rauchen und vereinbaren, dass sie weniger Tage später zu Neujahr wieder die Waffen schweigen lassen wollten. Dazu kam es nicht.

Das historische Fußballspiel? Richtiger wäre wohl: historische Fußballspiele, Berichte darüber in diversen Quellen von diversen Frontabschnitten. Und vermutlich kickten die Soldaten eher mit Blechdosen als mit Bällen. Die „Daily Mail“ berichtete vor kurzem, die Deutschen hätten das Spiel mit 3:2 gewonnen, und der Siegtreffer sei ein englisches Geschenk gewesen. Es war ein reichlich doofer Bericht. Als hätte das Ergebnis eine Rolle gespielt. Es spielt auch keine Rolle, wann genau die Soldaten beschlossen, dass für kurze Zeit Weihnachten sein sollte. Schon am 11. Dezember hatten Soldaten aus Essex Deutsche im Niemandsland begrüßt. Entscheidend ist: Es passierte. Es passierte in Flandern und Nordfrankreich, es passierte passierte überall an der Front, nicht abgesprochen, einfach so und spontan. Das ist das vielleicht Bezauberndste und Großartigste daran.

Im Jahr darauf war der Krieg so weit fortgeschritten, dass es – trotz einzelner Versuche – keinen Frieden mehr geben konnte. Der „Christmas Truce“ blieb einmalig, ein bisschen Frieden nur. „Der Waffenstillstand änderte nichts“, sagt Chris Baker von der „Western Front Association“. Er sagt dann noch: „Es war aber ein Zeichen der Hoffnung dafür, dass sich Menschen auch menschlich verhalten können.“

Das ist ein schöner Satz. Und nicht nur zu Weihnachten.