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Last Call: Der gemeine Aprilscherz. Wahr oder nicht wahr?

Den 1. April vergesse ich regelmäßig. Ich vergesse ihn eigentlich jedes Jahr. Deshalb überlese ich auch regelmäßig die Scherze zum 1. April.

Es ist ja grundsätzlich eine hübsche Idee, Menschen harmlos zu veralbern. Kompliziert wird es nur, wenn Scherze auf der Folie der Politik, und schlimmer noch, der Diplomatie spielen. Der Scherz muss dann politisch korrekt sein, er darf auf gar keinen Fall verletzen und sollte zugleich nationale Eigenarten spiegeln, was in der Summe leider auf die Quadratur des Kreises hinausläuft.

Die Deutsche Botschaft in London wollte in diesem Jahr auch mal lustig sein. Das ist per se überaus löblich, Versuch macht klug. Sie veröffentlichte auf ihrer Webseite eine rasend komische Meldung, wonach sich die Deutschen mithilfe von Rugby-Eier-legenden Hennen dem britischen Volkssport nähern wollen. Weil man ja, nicht wahr, vergangene Woche in Berlin gegen England beim Fußball verloren habe. Also neuer Nationalsport mit Eiern. Ostern war ja auch gerade, Hennen, Eier, Rugby und so weiter und so fort. Schenkelklopfen, Heiterkeit, Schunkeln.Wir können auch anders, nämlich lustig. Jawoll, können wir.

Es war ein sehr gewagter Humorversuch, – ein Auswärtsspiel gewissermaßen – ausgerechnet in Großbritannien, dem Mutterland von Fußball, Rugby und Humor. Er konnte nicht gut gehen. Immerhin, die Anstrengung wurde wohlwollend registriert mit der Attitüde eines milden Lehrers. „Vielleicht“, schrieb ein Brite tröstend, „ist es auf deutsch lustiger“.

Dummerweise nicht.

Das Tropenparadies San Serriffe. Zu schön, um wahr zu sein

Noch unlustiger allerdings der vermeintliche Google-Gag mit der Sendefunktion für mails; wenn Nerds Spaß haben wollen, geht das offenbar nach hinten los. Denn die Meldung „Jeder bekommt Deine Botschaft, aber Du wirst nicht wieder von ihnen hören. Selbst wenn Typen darauf antworten, wirst Du es nicht mitbekommen“, war gar kein Witz. Und löste bei Sendern wie Empfängern nur mittelschwere Heiterkeit aus. Womöglich ist die ganz große Zeit der April-Scherze aber auch einfach nur vorüber. In schwarz-weißen Tagen erzählte ein schwedischer Fernsehtechniker 1962 seinen Landsleuten, sie könnten auf der Stelle in Farbe gucken, indem sie einfach einen Nylonstrumpf übers TV-Gerät stülpten. Die BBC hatte fünf Jahre zuvor den Spaghetti-Baum erfunden und von reichhaltiger Ernte der Nudeln-Bauern in der Schweiz berichtet. In Schweden und England daraufhin: Hunderte von Anrufen mit Nachfragen.

Dem „Guardian“ gelang zuletzt vor beinahe 40 Jahren ein Meisterstück. Er veröffentlichte 1977 ein siebenseitiges Special über die wundervolle Tropenrepublik San Serriffe, ein Insel-Paradies in der Form eines Semikolons. Es gab Anzeigen und jede Menge kluger und tiefgründiger Texte über die Republik und ihren jungen Präsidenten Maria-Jesu Pica, der in einem friedlichen Coup 1971 an die Macht kam, seitdem von der Hauptstadt Bodoni aus über sein Volk wacht, das hauptsächlich aus indianischen Abkömmlingen vom Stamme der Flong besteht. Sieben Seiten todernst formulierter Irrsinn. Größte anzunehmende Resonanz danach. Die Leser wollten wissen, wie sie nach San Serriffe gelangen könnten. Etwas schwierig, die Anreise.

Der zuständige Redakteur hatte sich von der Realität inspirieren lassen. Er las vor allem in der konkurrierenden „Financial Times“ immerzu große Reportagen und Analysen „über kleine Länder, von denen ich noch nie gehört hatte“, dachte sich, dass das seiner Leserschaft vermutlich ähnlich ginge. Und ersann San Serriffe, das im Übrigen seit der Erfindung des Internet prächtig wächst und gedeiht.

Slowenien oder Slowakei? Egal. Hauptsache Italien

Nach wie vor erscheinen in den englischen Zeitungen viele Berichte über ferne Länder, von denen Briten vielleicht schon mal gehört haben, aber doch verhältnismäßig wenig wissen. Auf dem Kontinent gibt es solche Länder gleich dutzendweise, und es verhält sich mit Slowenien oder der Slowakei heute kaum anders als mit San Serriffe früher. Slowenien? Slowakei? Egal, Hauptsache Italien. Die auf Simplifizierung aller Art und darüber hinaus auf den EU-Austritt spezialisierte Zeitung „Daily Mail“ berichtet jeden Tag ausführlichst über die Hölle auf der anderen Seite des Kanals und meint das alles sehr ernst, selbst am 1. April. Der echte Witz in der Ausgabe ist dann selbst für britische Verhältnisse nur mäßig gekonnt, neues Bond-Girl, und versendet sich im aktuellen Aberwitz, etwa: „Das Gewebe, dass sich selbst reinigt!“ (wahr), Fußball-Fans, die pink tragen sollen (wahr). England wird Europameister (nicht wahr).

Grundsätzlich erscheinen in englischen Zeitungen an 365 Tagen im Jahr Geschichten, die andernorts herrliche Aprilscherze wären. Neulich sagte eine Labour-Dame, man könne die IS-Terroristen womöglich mit der Einladung zu einem Tässchen Tee befrieden. Das hätte schon mal geklappt bei den Rechtsauslegern von der „English Defence League“.

Prinz Philip als EU-Botschafter. Schön wäre es.

Echte April-Witze dieses Jahr? Prinz Philip als EU-Botschafter, der den Londoner Bürgermeister Boris Johnson, den UKIP-Chef Nigel Farage und den Justizminister Michael Gove als „awful little men“ bezeichnet. Scherz einerseits. Und wahr andererseits. Denn Wahnsinn und Wahrheit verschwimmen immer mehr. Der berühmte englische Moderator Jeremy Clarkson, konservativ und zuweilen auch ein bisschen rassistisch durchwirkt, wirbt in einer Kolumne plötzlich emphatisch für die EU. Eine Sensation. Clarkson geläutert und progressiv? Man muss wissen, dass er bis vor einem Jahr die legendäre Autosendung „Top Gear“ in der BBC moderierte, dann aber im trunkenen Kopf einen Produzenten ein klein wenig vermöbelte und hernach seines Jobs verlustig ging. Monate später und von der Last täglicher Fron befreit, verschrieb sich der Autonarr sogar einer Kampagne gegen Emissionen und pro Klimaschutz und beichtete seine Wandlung vom Saulus und Paulus dem „Guardian“. Auch das: Sensation.

Vor einigen Monaten traf ich den damaligen „Guardian“-Chefredakteur Alan Rusbridger für ein Interview. Wir sprachen über die großen Enthüllungen seines Blattes, WikiLeaks und Snowden, und irgendwann kamen wir auch auf Jeremy Clarkson. Ich gratulierte Rusbridger herzlich und aufrichtig zu diesem letzten Coup, so unerwartet, so frisch, so anders. Er nickte, bedankte sich freundlich und sagte: „Ja, das war unser bester Aprilscherz seit vielen Jahren.“

Ich hoffe bis heute, dass Rusbridger glaubte, ich hätte einen Witz gemacht.