HOME

Last Call: Der Neid des deutschen Nachbarn

Wir haben einen kleinen Garten hinter unserem Haus. Er ist nicht groß, aber so groß, dass eine Liege drauf passt und so groß, dass der Rasen alle vierzehn Tage gemäht werden muss.

Das Rasenmähen dauert cirka sieben Minuten, wie ein gutes Bier in Deutschland. Länger würde ich nicht aushalten, und ich bewundere die Menschen, die in ihrer Freizeit in Beeten graben und Blumen pflanzen und den Langmut haben, sich durch Magazine wie „Landlust“ zu pflügen. Ich könnte das nicht. Ich habe, wie man so sagt, keinen grünen Daumen. Meiner ist meistens schwarz vom Zeitung lesen. Ein grüner Daumen sieht bestimmt besser aus.

Als wir nach England zogen, sagten uns alle: wie herrlich, diese Gärten, dieser Rasen, einmalig. Und das stimmt. Englischer Rasen ist zurecht weltberühmt, vor allem der in den Fußball-Stadien. Englischer Rasen sieht zu jeder Jahreszeit unglaublich gepflegt aus. Selbst im November oder Januar.

Außer unserem Rasen.

Unser Rasen sieht irgendwie deutsch aus. Unkraut wächst daraus und Gänseblümchen und Löwenzahn. Irgendwie müssen wir schlechten Einfluss auf unseren Rasen haben durch pure deutsche Anwesenheit. Eine andere Erklärung haben wir nicht. Die benachbarten Rasen sehen irgendwie besser aus. Alle. Es gibt einen schönen Spruch in England, er zielt eigentlich auf Sozialneid: The grass is always greener on the other side of the fence, das Gras auf der anderen Seite des Zaunes ist immer grüner. Meistens stimmt das nicht. In unserem Fall schon.

Die Briten geben pro Jahr mehr als neun Milliarden Euro für ihre Gärten aus und im Laufe ihres Lebens pro Nase fast 30 000 Pfund. Die Insel ist ein einziger Garten, und das geht zurück bis ins 16. Jahrhundert als protestantische Holländer vor der spanischen Inquisition nach London flüchteten und Tulpen und Nelken mit brachten. Von dort breitete sich Pflanzenliebe über die ganze Insel aus, bis hoch in den Norden in die Bergbaugebiete. Allein vier Millionen Gärten, viele von ihnen öffentlich, wurden zwischen den Weltkriegen angelegt. Eine Massenbewegung. Das erklärt vielleicht, warum viele Vorgärten so gepflegt aussehen wie die Bundesgartenschau. Sogar der kleine Garten vor unserem Haus. Die Blumen pflegt aber eine brasilianische Nachbarin mit einem grünen Daumen. Bei uns wächst sogar eine Palme. Überall in London wachsen Palmen wegen des milden Klimas.

Neulich traf ich in Kent auf einen jungen Mann, der einen Traumgarten entworfen hat. Er nennt ihn „World Garden“, Weltgarten. Der Gärtner Tom Hart Dyke hat darin Gärten in der Form aller Kontinente angelegt, plus Großbritannien und Kanarische Inseln. Vor Australien roch es nach Eukalyptus, vor Europa nach Minze. Es ist ein betörend schöner Garten.

Tom legte Gärten im Dschungel an. Und nervte die Rebellen

Die Gärtnerei hat Tom sogar das Leben gerettet. Präziser gesagt: Erst brachte ihn seine Passion in Lebensgefahr, danach half sie ihm, diese Lebensgefahr zu überwinden. Eine Art Nullsummenspiel, Ying und Yang mit Fauna und Flora.

Tom war Anfang des Jahrtausends im Dschungel an der kolumbianisch-panamesischen Grenze neun Monate lang gefangen von Rebellen, vermutlich FARC, er weiß es bis heute nicht genau. Er war auf der Suche nach seltenen Orchideen, die er heim auf die Insel bringen wollte. Und obwohl ihm alle dringend davon abgeraten hatten, ausgerechnet in dieser Region nach seltenen Pflanzen zu suchen, suchte er. Und fand auch welche. Dummerweise fanden ihn dabei die Rebellen und verschleppten ihn und einen weiteren Engländer, Paul. Die Rebellen glaubten, die beiden seien CIA-Spione. Sie waren aber nur englische Spinner.

Während der Gefangenschaft wanderten die Rebellen mit Tom und Paul im Dschungel von einem Lager zum nächsten, und Tom baute überall Gärten an. Seine Bewacher fanden das erst amüsant und spleenig, aber dann zunehmend nervig. Überall entstanden kleine Parzellen im Urwald, und Tom herrschte die Herren Rebellen an, wenn die über seine Felder trampelten, betreten verboten. Nach drei Monaten sagten sie zu Tom und Paul: „Ihr habt noch fünf Stunden zu leben.“ Tom schrieb erst sein Testament und malte danach die Vision seines Weltgartens in einen Notizblock. Die Drohung war ein Witz, aber kein besonders lustiger.

Nach neun Monaten war auch dem letzten Rebellen klar, dass sie kein Lösegeld für die beiden englischen Käuze kriegen würden. Bestenfalls Samen und Bücher über englischen Rasen. Aber wer braucht schon englischen Rasen im Dschungel? Die beiden wurden freigelassen, und Tom ist bis heute davon überzeugt, dass er die Guerilleros mit seinem permanenten Gerede über Orchideen und seltene Pflanzen des Dschungels mehr gequält hat als sie ihn umgekehrt.

Toms Garten in Kent. Keine Liege und kein Unkraut

Aus der Idee in der Gefangenschaft wuchs jedenfalls der Garten von Lullingstone Castle, der auch von vielen Deutschen besucht wird. Tom sagt, die Deutschen seien nach den Engländern die verrücktesten und besten Gärtner. Seine ganze Geschichte steht im Übrigen in der neuen Ausgabe des Magazins Viva.

Ich fuhr mit diesem komischen Gefühl nach London zurück, endlich das Gärtnern zu lernen. Jeder kann das, steht überall. Die Nachbarn können es ja auch. Ich wurde eine Art Geisel eines frischen botanischen Ehrgeizes. Die Frau kaufte Zeug gegen Unkraut. Ich schnitt Efeu von einer Hütte und mir dabei in den Zeigefinger. Ich fluchte. Ich sammelte Schnecken aus Beeten. Selbst die englischen Schnecken sehen besser aus als deutsche. Die meisten haben tatsächlich Häuser auf dem Rücken. Aber je mehr Schnecken ich sammelte, desto mehr Schnecken kamen in unseren Garten. Es war eine Invasion der Schnecken. Schnecken mit Häusern und Schnecken ohne.

Schnecken über Schnecken. Und sie kommen immer wieder zurück

Irgendwann warf ich die Schnecken einfach über den Zaun zu den Nachbarn. In der Hoffnung, es ginge ihnen dort besser auf englischem Rasen. Okay, das stimmt nicht ganz. Ich warf sie über den Zaun, weil ich Schnecken nicht leiden kann. Ob mit Haus oder ohne. Es ist also vielleicht doch was dran an diesem Spruch vom Mörder, der immer der Gärtner ist. Ich hoffe, dass mir PETA das verzeiht und ich keine Anzeige kriege. Abends erzählte ich in einem Anflug von schlechtem Gewissen der Frau davon. Sie grinste und zeigte mir einen Artikel aus der Gartenbeilage einer Sonntagszeitung. Darin stand, dass ganz viele englische Gärtner, mindestens jeder Fünfte, Schnecken über Zäune werfen. Aber die Schnecken überleben das, und sie kehren immer zu ihren Besitzern zurück, wenn man sie nicht wenigstens 20 Meter weit wirft. Falls Schnecken lachen könnten, würden sie mich auslachen.

Seit diesem Tage lasse ich die Schnecken Schnecken sein. Ich lasse den Rasen Rasen sein, mit Gänseblümchen und Unkraut.

Glücklicherweise ist die Gartensaison bald vorbei. Und mein Daumen bleibt schwarz.