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Last Call: Moneten, aber keine Muskeln – die wahren Probleme der Milliardäre

Das Leben als Millionär ist nicht einfach. Milliardäre haben aber wirkliche Probleme: Wohin mit all dem Zaster, wenn das Haus und die Frau bezahlt sind? So mancher steckt es in seine Muskeln. Doch das bedeutet harte Arbeit.

Manchmal bekomme ich merkwürdige Mails. Glücklicherweise hat halb Nigeria inzwischen aufgehört, mir zu schreiben und um Spenden zu bitten oder mir mitzuteilen, dass ich mehrere Milliarden geerbt hätte, wenn ich nur 500 000 Dollar Portogebühr zahlen würde. Solche Offerten kriege ich nicht mehr. Dafür andere, es muss wohl am Wohnort liegen. Neulich erreichte mich ein Brief einer auf Multimillionäre und -milliardäre spezialisierten Immobilienagentur in London. Beide, Nigerianer und Immobilienmakler, haben eines gemein: Sie halten uns irrtümlicherweise für reich.

Jedenfalls hatte ich auf diese Weise seltenen Einblick in das, was die Superreichen so beschäftigt. In London, muss man wissen, leben seit geraumer Zeit mehr Milliardäre als irgendwo sonst auf der Welt, nämlich 140. In New York wohnen 103, in Moskau 85 und in Hong Kong 82. Sie besitzen im Schnitt zwei Milliarden Pfund, rund 2,6 Milliarden Euro, und mehr als die Hälfte der hiesigen Milliardäre wurde jenseits des Vereinten Königreiches geboren.

In dem Brief stand, dass die Milliardäre gerade ein „golden age“ durchlaufen, ein goldenes Zeitalter, weil ihr Reichtum schneller wachse als die Kosten für ihre Häuser und ihren Lifestyle. Ein typisches Milliardärshäuschen in London kostet um die 26 Millionen Euro, das kann sich ein Milliardär immer mal leisten. Die Preise für Yachten allerdings stiegen im vergangenen Jahr um 6,5 Prozent. Das muss so ein Milliardär auch mal erst verkraften. Ich kann allerdings nicht sagen, dass sie mir deshalb leid täten. Es ist im Gegenteil so, dass mich die Superreichen und Dekadenten manchmal regelrecht verärgern. Das ist noch milde ausgedrückt. Vor allem die, die gar nicht da sind. Und vor allem, weil wir in einer Stadt leben, in der die Immobilienpreise seit Jahren explodieren und Hunderttausende Wohnraum suchen. Natürlich nicht solchen, aber doch Wohnraum.

Eine Besenkammer von 800 Quadratmetern

Neulich fuhren wir durch die Bishop's Avenue in Hampstead, sie heißt auch „Billionaire's row“, die Straße der Milliardäre, weil sie dort bevorzugt Anwesen kaufen – und dann eben leer stehen lassen. Der gemeine Milliardär, auch das steht in dem Brief, gibt 105 Millionen Pfund für Immobilien aus und hat im Schnitt noch drei weitere Paläste neben dem Londoner Palast, vorzugsweise an der französischen Riviera. Wir fuhren und fuhren, sie ist nämlich ziemlich lang, und sahen ein leeres Haus neben dem anderen. Wobei Haus noch Untertreibung ist. Es handelt sich um mittlere Paläste oder um etwas größere „Besenkammern“ – Besenkammer stand da wirklich – von 800 Quadratmetern und damit offenbar nichts im Vergleich zu den „Palatial properties“ in Ländern wie Saudi Arabien, Katar und der Ukraine. Dort gilt Milliardär mit unter 15 000 Quadratmetern Wohnfläche als eine Art Hartz IV-Empfänger. Ich fragte mich nach der Definition von Besenkammer und was dann wohl ein, sagen wir, ukrainischer Milliardär über unsere Wohnung denken würde. Ich kann die Milliardäre aus der Ukraine ohnehin nicht richtig verstehen. Nach allem was ich weiß, geht es in deren Heimat zur Zeit alles andere als gemütlich zu. Wäre ich Milliardär in Kiew, würde ich vermutlich mehr Zeit in London verbringen und das Haus nicht einfach leer stehen lassen. Nur so als Anregung.

Ich kenne zwar keinen ukrainischen Milliardär persönlich, aber durch Zufall jemanden, der wiederum einen gut kennt und sogar für den gearbeitet hat als Fitness-Trainer. Er heißt Olaf Peters, kommt aus Hamburg und war einige Monate für einen Oligarchen namens Sergej Kurtschenko tätig. Kurtschenko war damals Ende 20 und firmierte in seiner Heimat unter dem Kosenamen „Baby-Oligarch“. Peters jedenfalls wurde vor drei Jahren von ein paar osteuropäischen Sicherheitsleuten angeworben. Die Männer trugen dunkle Anzüge wie in einem B-Movie, nannten keinen Namen und zeigten keine Bilder. Sie sprachen lediglich von einem Mann, der mit seinem Körper nicht ganz zufrieden schien. Ein paar Wochen später flog Olaf Peters zum Kennenlernen nach Wien und traf auf „ein blondes Früchtchen mit piepsiger Stimme“, das in einem Luxushotel hof hielt. Sergej Kurtschenko, Herr über ein Firmen-Imperium, 2,4 Milliarden Euro geschätztes Vermögen. Für Peters aber fortan nur der „Sergej“ oder „Chef“. Der Chef hatte ein paar Fotos mitgebracht. Einmal Sergej vorher, in natura mit Hühnerbrust. Und einmal Sergej nachher, gefotoshoppt mit Waschbrettbauch und prallen Bizeps. So stellte sich das Früchtchen Sergej den optimalen Sergej vor. „Geht das?“, fragte der Baby-Oligarch.

Peters nickte, „kein Problem.“ Sergej hatte alles: Häuser in Kiew, Moskau und Zürich. Eine Motoryacht, teure Autos, Spitzenköche aus Italien, von denen einer einen Tagesatz von 100 000 Euro verlangt und bekommen haben soll. Außerdem eine schöne, allerdings auch zickige Ehefrau, Tagessatz unbekannt. Und dem Vernehmen nach eine weniger zickige, aber gleichermaßen schöne Freundin, russisches Fernsehen. Nur eines konnte er sich nicht kaufen für seine Moneten – Muckis. An dieser Stelle kam Peters in Spiel. Er zog in eine luxuriöse Wohnung in Kiew, 4000 Dollar Miete, und trainierte ihn viermal die Woche jeweils ein Stunde in Fitnesspalästen mit Geräten für 200 000 Euro drin. „Er war“, erzählte Peters, „ein verwöhnter Arsch, der seine Leute, wie Vieh behandelte.“ Einmal ging einer der vielen Lakaien nicht rechtzeitig ans Telefon und kriegte als Lektion sein nächstes Monatsgehalt in 40 i-Phones ausbezahlt. Peters aber machte den Baby-Oligarchen schön zur Schnecke und schnauzte ihn, zur Freude des Restpersonals, ordentlich an, wenn der beim Training schwächelte.

Olaf Peters aus Hamburg machte einen Oligarchen fit und gelegentlich zur Minna. Foto: Franz Bischof

Nach einigen Monaten war das Abenteuer vorbei. Ein Adlatus erschien und erklärte Peters, der Baby-Oligarch habe ein neues Hobby entdeckt. Er wolle jetzt Babys machen. Offenkundig brauchte er dafür keine Anleitung von Peters. Von Sergej hat er nur noch in der Zeitung gelesen. Er ist flüchtig, Moskau oder Weißrussland. Die EU hat seine Auslandskonten eingefroren, in der Ukraine erwartet ihn ein Verfahren wegen illegaler Gasgeschäfte in Milliardenhöhe und danach wahrscheinlich und hoffentlich Knast. Vielleicht versteckt er sich auch in London in einer Villa. Daran musste ich denken, als wir durch die Straße mit den leeren Palästen und Besenkammern fuhren.

Die Superreichen heißen neuerdings UHNWI

Ich lernte im Übrigen noch eine ganze Menge aus dem Briefing-Brief: Der durchschnittliche Milliardär ist 63 Jahre alt, hat zwei Kinder und weitere neun Verwandte in der Kernfamilie. Außerdem weiß ich nun, dass Milliardäre in der Sprache der Finanzwelt gar nicht Milliardäre, sondern „UHNWI“ heißen. Das steht für „Ultra High Net Worth Individuals“ und ist die Fortsetzung der „High Net Worth Indivduals“. Ein UHNWI ist, wenn man 30 Millionen Dollar einfach mal so investieren kann, wohingegen die HNWI arme Schweine sind, die gerade mal eine Millionen Dollar verprassen können.

Solche Dinge lernte ich durch die mail, die als Irrläufer bei mir im Postfach gelandet sein muss. Sympathischer wurden mir die UHNWI’s und HNWI’s allerdings nicht.

Ich habe jetzt regelrecht Sehnsucht nach den Nigerianern von früher.

P.S.: Zwei Wochen Urlaub nun, heißt zwei Wochen Kolumnen-Pause.