Libanon Die freundlichen Trümmermänner der Hisbollah


1187 Tote, 4060 Verwundete, zerstörte Fabriken, Brücken und Häuser - die Bilanz des Krieges im Libanon ist verheerend. Die politischen Folgen sind es vielleicht nicht: Die Hisbollah muss, um politisch zu überleben, ihre Radikalität dämpfen.
Von Lutz Kinkel

Das Militär werde den Libanon "in die Steinzeit zurückbomben", drohte der israelische Premier Ehud Olmert vor dem Krieg. Nun sind die Ergebnisse zu besichtigen. Neben den Toten und Verletzten listet ein Protokoll der Vereinten Nationen auf, was beschädigt oder zerstört wurde: 145 Brücken und Überführungen, 600 Kilometer Straße, 900 Fabriken, Farmen, Läden und andere Geschäftsgebäude sowie 29 Flughäfen, Häfen, Kraftwerke, Klärwerke, Dämme und Wasser-Wiederaufbereitungsanlagen. Doch für die Bevölkerung ist vielleicht diese Zahl die schlimmste: 30.000 Privatwohnungen und Häuser liegen in Trümmern. Was sollen die ehemaligen Bewohner tun?

Sie gingen direkt nach dem Waffenstillstand in die frisch eröffneten Büros der Hisbollah. Deren Chef, Scheich Sajjed Hassan Nasrallah, hatte den "Dschihad al-Binaa" ausgerufen, den "Baukampf". Menschen, deren Wohnung zerstört worden war, konnten einen Antrag auf Hilfe stellen und wurden auch prompt bedient. "Die Hisbollah hat sehr schnell und unbürokratisch Überbrückungsgelder ausbezahlt - bis zu 15.000 Dollar pro Geschädigten", sagt Andreas Wulf, leitender Mitarbeiter der Hilfsorganisation Medico International, der vor wenigen Tagen aus dem Libanon zurückgekehrt ist. Der größte Teil des Geldes, das die Hisbollah nach wie vor verteilt, kommt vermutlich aus dem Iran, der Schutzmacht der Terrororganisation. Der kleinere Teil sind offenkundig Spenden der weltweiten Gemeinschaft libanesischer Schiiten.

"Hohe Respektabilität"

Doch die Hisbollah verteilt nicht nur, ihre Mitglieder packen auch mit an. "Überall in den Städten und Dörfern finden Aufräumarbeiten statt. Auch hier ist die Hisbollah beteiligt. Sie besitzt Kontakte zu Firmen, die mit schwerem Gerät die Trümmer beseitigen", berichtet Wulf. Damit bestätigt sich für die Bevölkerung eine alte Erfahrung: Von der libanesischen Regierung, die als korrupt und unfähig gilt, ist nichts zu erwarten; die ausländischen Hilfsorganisationen kommen zu spät; die Hisbollah ist vor Ort und hilft. "Wenn sich die Menschen fragen, auf wen sie sich verlassen können, dann ist die Hisbollah eine Organisation, die hohe Respektabilität besitzt", resümiert Wulf.

Damit heimst die Hisbollah einen weiteren politischen Erfolg ein. Im Krieg hatte sie der israelischen Übermacht bis zuletzt getrotzt und damit ihre militärische Stärke bewiesen. Zugleich stieg im arabischen Raum ihr Ansehen als "Widerstandsbewegung" gegen Israel und die USA. Und nun, nach dem Krieg, profiliert sie sich als bürgernahe Hilfsorganisation, die nationale Probleme behebt anstatt sie erst zu diskutieren. Gleichwohl glaubt Wulf nicht, dass sich daraus schlussfolgern ließe, die Hisbollah habe die Auseinandersetzung für sich entschieden.

Wozu das Risiko?

Immerhin musste Scheich Nasrallah, der den Baukampf ausgerufen hatte, öffentlich Abbitte leisten. Er hätte die israelischen Soldaten nicht entführen lassen, wenn er die Folgen geahnt hätte, sagte Nasrallah in einer Fernsehansprache. Offenbar wollte er damit jene libanesischen Landsleute besänftigen, denen nie einsichtig war, weshalb sie Haus, Hof und Leben für die Provokation einer radikalen muslimischen Gruppe riskieren sollten.

Um politisch zu überleben, muss die Hisbollah außerdem bei den Wiederaufbauarbeiten pragmatischer agieren als zuvor. Ihre Hilfsgelder zahlt sie nicht nur an Hisbollah-Mitglieder aus, sondern auch an Sunniten und Christen. Zudem arbeitet sie mit Helfern anderer Nationen und Konfessionen zusammen. "Dadurch, dass sich die Hisbollah geöffnet hat für die Kooperation mit der libanesischen Armee und nicht-religiösen Hilfsorganisationen, könnte sie ihren ausgrenzenden Charakter verlieren", sagt Wulf. "Damit könnte dieser Krieg die Integration der Hisbollah in den Libanon und die pragmatischen Teile der Hisbollah gestärkt haben."

Vertrauen hat das Ausland in diese Entwicklung nicht. Bei der Geberkonferenz in Stockholm sagten die beteiligten Länder dem Libanon 700 Millionen Euro Hilfsmittel für den Wiederaufbau zu. Deutschlands Entwicklungshilfeministerin Heidi Wiezcorek-Zeul sagte, es gehe bei der Hilfe auch darum, "die libanesische Regierung gegenüber der Hisbollah zu stärken." Dieser Anspruch jedoch wird sich nicht konsequent durchhalten lassen - der libanesischen Regierung gehören zwei Minister der Hisbollah an.


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