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Zentrale Fragen zum Anschlag: Hat der Attentäter bewusst Kinder ins Visier genommen?

Mindestens 22 Menschen haben beim Terroranschlag in Manchester ihr Leben verloren. Suchte sich der Attentäter bewusst ein viel von Kindern und Jugendlichen besuchtes Konzert aus? Wählte er auch den Zeitpunkt absichtlich und vor allem: Hatte er Helfer?

Augenzeugenberichte aus Manchester: Dumpfer Knall: Video zeigt Moment der Explosion

Für die Besucher des Ariana-Grande-Konzerts in Manchester sollte es ein ausgelassener Abend werden - und er endete in einem Albtraum. Unmittelbar nach dem Auftritt in einer Veranstaltungshalle zündet ein Attentäter einen selbst gebauten Sprengsatz - vermutlich mit Metallteilen bestückt. Die Bombe reißt mindestens 22 Menschen in den Tod, Dutzende werden zum Teil schwer verletzt. Manche schweben noch in Lebensgefahr. Augenzeugen berichten von blutüberströmten Menschen, die aus der Halle liefen. Von Leichen, die im Foyer verstreut lagen.

Übrig bleiben, mehr als 12 Stunden nach der Tat, viele Warums. Darum haben wir die wichtigsten Fragen zu den Hintergründen des grauenhaften Anschlags zusammengefasst und so gut es bisher möglich ist versucht, sie zu beantworten.

Warum Kinder und Jugendliche?

Unter den Opfer sind nach Polizeiangaben auch Kinder und Jugendliche. Die 23-jährige Ariana Grande war bereits als Teenie ein Star. Eine Serie auf dem Jugendsender Nickelodeon machte sie berühmt. Entsprechend besuchten auch viele Minderjährige ihr Konzert in Manchester. Wählte der Attentäter sein Ziel bewusst aus? Nahm er absichtlich die Schwächsten und Schützenswertesten der Gesellschaft ins Visier?

Ulf Brüggemann, Terrorismusexperte an der Bundesakademie für Sicherheitspolitik, glaubt das nicht unbedingt. Er sieht die Handschrift des sogenannten Islamischen Staat bei der Attacke und dem IS gehe es grundsätzlich "immer um möglichst viele Todesopfer", sagt er zum "Focus". Dafür kämen Ziele wie Konzerte oder Fußballspiele in Frage. "Ob die Hintermänner des IS wissen, wofür Ariana Grande steht und dass dort viele junge Menschen anzutreffen sind, ist nicht selbstverständlich. Dschihadisten ist es verboten, Musik zu hören und es ist schwer vorstellbar, dass sie die Top-10 verfolgen." Er möchte die "Symbolkraft nicht überbetonen". "Der IS will ein Schlachtfeld produzieren, mit grausam zugerichteten Toten. Dieser Zweck wird in einer Konzerthalle genauso erfüllt wie in einer U-Bahn."

Nach Angaben von Premierministerin Theresa May wollte der Angreifer "das größtmögliche Blutbad" anrichten. Der Attentäter habe mit "kaltem Kalkül" auf Kinder gezielt. Sie sagte, dies sei die schlimmste Attacke, die Manchester je erlebt hat. Die Tat sei besonders feige, weil es gerade junge Menschen traf.

Er zündete die Bombe nach dem Konzert - gibt es einen Grund dafür?

Die Bombe zündete nach dem letzten Song. Nach Angaben der Arena-Betreiber fand die Explosion nicht direkt im Konzertsaal, sondern an einem öffentlichen Ort der Arena statt. Die Polizei sprach von einem "Vorraum". Zum genauen Ablauf des Anschlages gibt es bislang wenig Details. Sicher ist aber: Wie bei jedem Konzert mit Minderjährigen holten auch in Manchester zahlreiche Eltern nach Ende der Show ihre Kinder ab. Möglicherweise konnte der Attentäter zusammen mit ihnen auf das Gelände und in den Vorraum gelangen. Die Sicherheitsvorkehrungen sind am Ende der Show erfahrungsgemäß deutlich geringer als vor dem Einlass.

Terrornetzwerk oder "einsamer Wolf"?

Handelte der Attentäter allein oder hatte er Helfer? Das ist die zentrale Frage für die Ermittlungsbehörden. Terrorexperte Brüggemann sieht in der Herangehensweise Anzeichen für eine von einem Netzwerk geplante Attacke. Für den Sprengsatz müssten entsprechende Chemikalien besorgt werden. Für den Bau der Bombe sei eine Wohnung und Know-How erforderlich. Dies spreche dafür, dass der Attentäter Unterstützer vor Ort hatte. "Es erinnert an die Terrorzelle wie in Brüssel." Auch Terrorexperte Peter Neumann vom King's College sieht zumindest Hinweise in diese Richtung, formuliert aber weitaus vorsichtiger: "Es gibt in Manchester eine Dschihadistenszene, aber das bedeutet nicht zwangsläufig, dass das auch diejenigen waren, die diesen Anschlag verübt haben", sagt er dem BR.

fin
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