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Massenproteste der Wall-Street-Gegner: Die 99-Prozent-Revolution

Sie sind gegen den ungezügelten Kapitalismus und die Macht der Banken. Seit drei Wochen ist der New Yorker Zuccotti Park das Zentrum einer Protestbewegung. Kyle Rucker ist einer von 250 Campern, die hier ihr Zelt aufgeschlagen haben.

Von Ann-Charlott Karsten

Kyle Rucker nimmt seinen Kehrbesen. Fegt Zigarettenstummel, Staub und Essensreste auf das rostige Blech. Minutenlang macht er das und schweigt dabei.

Kyle ist einer von 250 Campern, die seit über drei Wochen im Zuccotti Park an der Wall Street ihr Zeltlager aufgeschlagen haben. “Ich bin seit dem ersten Tag dabei und bleibe, bis wir verschwinden müssen”, sagt der 19-jährige New Yorker. Er trägt ein schwarzes Sweatshirt und Jeans. Hinter den langen schwarzen Haaren versteckt er sein müdes Gesicht. Die Nächte unter freiem Himmel gehen nicht spurlos an ihm vorbei. Doch er hält durch. Er weiß, wie wichtig das ist. Jetzt, da die ganze Welt auf dieses kleine Zeltlager blickt.

13 Uhr. Mittagspause. Passanten und Touristen drängeln sich an Kyle und seiner Gruppe vorbei. Telefonieren, fotografieren, stellen Fragen. Dumpfe Schläge von Bongotrommeln durchbrechen das synchrone Klappern der Absätze. An jeder Ecke Protestierende mit Plakaten. Sie rufen Parolen wie “Besetzen - Widerstand!" oder schlichter: "Revolution!" Und mittendrin: das mit blauer Plastikfolie abgedeckte Bettenlager.

"Hier können wir noch was lernen"

Warum sie alle demonstrieren? So ganz genau wissen das nur die Wenigsten. Gegen die Macht der Banken, klar. Den ungezügelten Kapitalismus, natürlich. Die hilflose Politik, selbstredend. "Ich möchte nicht, dass irgendjemand mehr Kontrolle über mein Leben hat als ich selber", sagt Kyle. Es ist eine allgemeine Unzufriedenheit, die ihn antreibt. Und die kleine Auszeit kommt ihm gerade gelegen. Er hat vor Kurzem seine Schule beendet und sieht sich in einer Art "Findungsphase". Er will studieren, "irgendwas Soziales" und nebenbei arbeiten, um seine Miete zu verdienen. Es ist ja nicht so, dass er Geldverdienen grundsätzlich ablehnt.

Die größte Motivation der Protestierenden ist der Glaube, etwas bewegen zu können. Zur Demonstration am Mittwoch kamen Tausende. Mehrere Gewerkschaften haben sich diesmal angeschlossen. "Hier können wir noch was lernen", sagt Steve Appelbaum, ein Gewerkschaftsfunktionär aus New York. Protestveranstaltungen seiner Arbeitnehmervertretung in den letzten Jahren blieben von den Medien weitgehend unbeachtet. Obwohl die Ziele ja fast die gleichen waren. Doch Appelbaum konnte keine prominenten Fürsprecher für seine Bewegung gewinnen, keinen Nobelpreisträger wie Joseph Stiglitz. Keinen Filmemacher wie Michael Moore.

“Es hat sich alles autonom entwickelt. Wir haben mit sehr gut organisierten Gruppen angefangen und sind eine echte Gemeinschaft geworden”, sagt Kyle. "Ich wünsche mir, dass noch viel mehr Leute ihre Apathie verlieren und den Mund aufmachen." Er geht am improvisierten Buffet vorbei, nimmt sich ein Stück Weißbrot, lächelt in die Kamera eines japanischen Touristen. Das Leben im Zuccotti Park ist für ihn zur Gewohnheit geworden. Er schläft, isst und diskutiert hier. Alle paar Tage fährt er heim zu seinen Eltern, um zu duschen. “Was ich an der Besetzung der Wall Street so bewundere, ist, dass jeder jedem hilft. Und jeder, der möchte, kann mitmachen.”

"Wir sind die 99 Prozent"

Am Infostand stehen einige Freiwillige. Tragen sich in Listen ein. Fragen, was die Camper benötigen. Kaufen Buttons für wenige Dollar. In großen Kisten auf der rechten Seite des Parks stapeln sich Bücherspenden. Kyle kniet sich auf den Boden, um eine Pappe aufzuheben. Er nimmt einen dicken Stift und schreibt für die Demonstration am Nachmittag “Wir sind die 99 Prozent” drauf – den Leitsatz mit dem die Protestierenden auf das reichste Prozent der US-Bevölkerung anspielen, von dem sie sich hintergangen fühlen. “Bis jetzt habe ich erst eine Demonstration verpasst”, sagt Kyle. “Die große auf der Brooklyn Bridge.”

Nach und nach rücken immer mehr Kamerateams mit ihrem Equipment an. Moderatorenstühle stehen auf einmal zwischen Ruck- und Schlafsäcken. Debattierende Demonstranten sonnen sich in der Aufmerksamkeit der auf sie gerichteten Linsen. “Manchmal sind diese Menschenmassen schon ziemlich anstrengend”, erzählt Kyle. “Klar, wir wollen ja aufmerksam machen, aber einige Leute, die herkommen, sind so sensationsgeil und fotografieren uns beim Schlafen – das muss echt nicht sein.”

Polizeiaufgebot für 4,6 Millionen Dollar

Er dreht seine Runde weiter durchs Lager. Vorbei an wachsamen Polizisten, die hier tag und nacht sind, genau wie die Camper. 4,6 Millionen Dollar lässt sich die Stadt New York das Polizeiaufgebot kosten. “Ich verstehe gar nicht, was die hier alle sollen. Wir sind friedliche Demonstranten, die auch weiterhin friedlich bleiben wollen”, erklärt Kyle.

Am Rande des Parks haben sich ein halbes Dutzend Trommler versammelt. Es ist der Beginn der großen Demonstration. Eine Bauchtänzerin bewegt sich vor einer Traube von Menschen im Takt der Musik. Ein paar Betrunkene wollen sie unterbrechen, doch sie tanzt einfach weiter. Einen Moment lang scheinen die Umherstehenden vergessen zu haben, wofür sie eigentlich gekommen sind. Doch dann schallt ein lauter Parolenruf durch den Park. "Wir sind 99 Prozent!" Die Passanten setzen sich in Bewegung und rufen wie ein Echo zurück: "Wir sind 99 Prozent!"

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