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Menschen, die Mut machen: Eine Indianerin in der Hauptstadt

In der Adventszeit stellen wir jeden Tag einen Menschen vor, den sein Engagement für andere oder der Umgang mit dem eigenen Schicksal auszeichnet. Heute: Die 30-jährige Lúcia Fernandas Inácio Belfort. Sie ist Brasiliens einzige Indianerin, die sich zur diplomierten Juristin ausbilden lassen konnte. Jetzt will sie das Kulturerbe der Eingeborenen Brasiliens bewahren und erhalten.

Von Werner Rudhart

Der rege Beifall am Ende des Treffens gilt vor allem einer: Lúcia Fernanda Inácio Belfort. Die für eine Indianerin außergewöhnlich große und schlanke 30-jährige Frau ist bis heute Brasiliens einzige diplomierte indigene Juristin. Sie ist die treibende Kraft und Organisatorin beim Zweiten Rat der Indigenen in der brasilianischen Hauptstadt Brasília, einer Veranstaltung, mit der sich die Vertreter eingeborener Völker aus ganz Südamerika auf die Teilnahme an einer Uno-Konferenz über biologische Vielfalt vorbereiten. Ihre offene Art und ihre fachliche Kompetenz machen sie zur zentralen Figur der Konferenz.

Lúcia Fernandas Weg vom ärmlichen Indio-Dorf im tiefen Süden von Rio Grande do Sul bis in den Regierungsbezirk Brasiliens ist alles andere als typisch für eine Indianerin. Fast wäre gleich der erste wichtige Schritt, das Studium, auch der letzte gewesen. Der ganz normale Rassismus und die Vorurteile der überwiegend weißen Studentenschaft waren dabei nur das geringere Problem. Der jungen Frau fehlten vor allem die finanziellen Mittel zum Studium. "Wir hatten weder Brot noch Bücher", erinnert sie sich. Doch dann kam durch Vermittlung des Missionsrats der Lutherischen Kirche ein Unterstützungsprogramm für indigene Studenten zustande.

Als junge Anwältin arbeitete Lúcia Fernanda Inácio Belfort zunächst für das regionale Büro der staatlichen Indianerbehörde FUNAI in der Landeshauptstadt Porto Alegre. Den großen Schritt nach Brasília machte sie 2003: Sie wurde zur Direktorin des Brasilianischen Instituts der Indigenen für Intellektuelles Eigentum (INBRAPI) berufen, einer von Indianern gegründeten Organisation zum Schutz ihres Kulturerbes vor Biopiraterie und Ausbeutung.

Der Terminkalender ist ständig voll

"Die Komplexität von Gesetzen in die Sprache und in das Denken der indigenen Gemeinschaften zu übersetzen" und andererseits dieses Denken in neuen Gesetzen geltend zu machen, darin sieht Lúcia Fernanda Inácio Belfort ihre wichtigste Aufgabe. Bis gegen Mitternacht sitzt sie in einer Arbeitsgruppe und formuliert bis ins kleinste Detail an einem Text. Es geht darum, wie und warum internationale Pharmakonzerne in Zukunft einen erheblichen Teil ihrer Einnahmen den Menschen überweisen sollten, von denen sie ihre Wirkstoffe und das Wissen darüber ursprünglich bezogen haben.

Das Engagement und der Einsatz der jungen Mutter ist riesig; ihr Terminplaner ständig voll: eine Konferenz indigener Völker in Panamá, dann eine Sitzung des Ständigen Forums der Vereinten Nationen für indigene Fragen in New York und schließlich muss sie noch zum Uno-Artenschutzgipfel nach Bonn. Der Termindruck ist für sie eher ein Grund zur Freude. Ihre Arbeit, sagt sie, sei nur ein Teil der Früchte, die man Dank der internationalen Hilfe heute ernte: "Die Menschen sollen wissen, dass wir indianischen Völker anerkannte Fachleute haben und für unsere Belange selbst eintreten können."