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Mönchs-Aufstand: Die weinenden Folterer von Myanmar

Über Myanmar liegt eine friedlose Ruhe: Während die Regierung behauptet, es habe nie einen Aufstand gegeben, werden immer noch Mönche gefoltert - von denselben Soldaten, die sie anschließend um Vergebung anflehen. Ein junger Mönch erzählte stern.de von seiner Tortur und von Schlägen.

Rangun im Oktober. Warten, immer nur warten. Irgendwann kommt er. Ein schmächtiger Junge, 22 Jahre alt. Er trägt die rubinfarbene Robe der Mönche, blickt sich um, suchend, ängstlich. Dann setzt er sich zu dem Mann, der ihn erwartet. Der seine Geschichte aufschreiben und zu den anderen legen wird, die er in den letzten Tagen gesammelt hat. Namenlose Zeugnisse, weil Namen einen in diesen Tagen ins Gefängnis brächten - wenn man Glück hat.

Ticktock, ticktock, die Finger des Mannes trommeln auf den Holztisch. Er raucht Kette, als wolle er sich an den Kippen festhalten. Seine Augen huschen hin und her. Am Eingang seines Hauses, kolonialer Stil, von dessen Fassade der Stuck bröckelt, schieben zwei Männer Wache. Falls die Polizei kommt oder das Militär oder die Schergen des Geheimdienstes. Niemand will etwas riskieren in dieser unruhigen Zeit.

Er schildert Schläge und erzählt von blutenden Mönchen

Die beiden Männer sitzen in einem Raum voller Bücher und Aktenordner, Rauchschwaden hängen in der Luft. Das enge Zimmer im Erdgeschoss ist Treffpunkt von Intellektuellen, Regimegegnern, Aktivisten der Demokratiebewegung. Der Hausherr, ein grauer Mann mit gelben Fingerspitzen, der ein tadelloses Englisch spricht, zieht einen grünen Plastikvorhang zu. Nur einen Spalt lässt er frei. Breit genug, um den Eingang im Auge zu behalten. "Erzähl, mein Freund", sagt er zum Besucher, nimmt ein Blatt Papier und einen Kugelschreiber zur Hand. Dann beginnt der Mönch mit seiner Geschichte. Er spricht leise, den Kopf gesenkt. Erzählt, wie ihn Soldaten aus dem Kloster schleiften und eine Woche lang verhörten. Er schildert Schläge, erzählt von und blutenden Mönchen, Tote sah er keine. Zwei Tage lang mussten sie in der Hocke kauern, regungslos, wortlos. Ohne Essen und mit nur einer Flasche Wasser für 50 Personen. Niemand durfte die Toilette aufsuchen, wer sich rührte, erhielt Prügel. Nachts liefen die Verhöre: Immer zehn Gefangene auf einmal. Stundenlang, immer die gleichen Fragen: Name? Warum man an den Demonstrationen teilgenommen habe? Wer die Anführer seien? Wo sie sich versteckt hielten? Und wieder von vorne. Begleitet von Schreien, Tritten und Hieben auf den Kopf.

Die Opfer starben "an Fieber"

Nach ihrem Dienst schlichen sich Soldaten heimlich zu den Mönchen. Sie weinten, baten um Vergebung. Nach einer Woche ließ man ihn gehen, und der Abt seines Klosters sagte ihm, dass es besser sei, in sein Dorf zurückzukehren. Trotz der buddhistischen Fastenzeit, in der Mönche ihre Klöster nicht verlassen sollen. Eigentlich. Aber Rangun sei nicht sicher.

Anfang Oktober war der Aufstand vorbei in Myanmar. Scheinbar. Und glaubt man dem Propagandablatt der Junta, der "New Light of Myanmar", dann hatte es einen Aufstand niemals gegeben. Überhaupt, wer sprach von vielen Toten? Alles übertrieben. Es gab ein paar Opfer, aber die starben an "Fieber oder sind gestürzt". Das Volk stehe hinter der Regierung, schuld an der Misere seien nur die Unruhestifter: pro-demokratisches Gesindel, Alt-Dissidenten der Studentengruppe 88. Imperialisten, die neidisch auf die Fortschritte Myanmars seien. Journalisten von BBC, CNN, VOA, RFA. Oppositionelle, die, als Mönche getarnt, ihre Lügen verbreiteten.

Pornos seien bei Klosterdurchsuchungen gefunden worden, Damenunterwäsche sogar. Ohnehin dürfe sich der "Staat verteidigen": Seien doch elf Demonstranten "bewaffnet" gewesen, als man sie festnahm: mit Scheren, einem Dolch, Steinschleudern, Nüssen sowie Englischkursbüchern. Die Propaganda zog nicht richtig. In Hotellobbys und Restaurants tuschelten die Angestellten: "Hast du BBC gesehen? Weißt du, was passiert ist?"

Bei der Pagode warten Wasserwerfer

Über Myanmars größter Stadt mit 4,5 Millionen Einwohnern liegt friedlose Ruhe. In den Straßen des Geschäftsviertels stauen sich wieder Autos und Busse, die Läden und Supermärkte waren geöffnet, und in den Straßenrestaurants saßen die Menschen auf Plastikschemeln und schlürfen Fischsuppe zum Frühstück. Die University Avenue ist mit Stacheldraht und Straßensperren verbarrikadiert. Entlang der Inya Road, nahe der Shwedagon Pagode, stehen Schutzwälle aus Sandsäcken, samt Schießscharten. An der Sule Pagode verwehren Männer in Zivil und dunklen Sonnenbrillen nach 17 Uhr den Eintritt. Und in Mandalay, der zweitgrößten Stadt, feuern Unbekannte Schüsse auf die chinesische Botschaft ab.

Aber wo ist das Militär, die Soldaten, die auf Demonstranten und Mönche geschossen hatten? Was ist, wenn die Menschen wieder aufmucken gegen Hunger und Unterdrückung? Sie haben sich unsichtbar gemacht, flüstern Passanten. Verstecken sich hinter hohen Mauern, in Regierungsgebäuden, in Kasernen. Bereit, die Festung Rangun zu verteidigen. Gegen jeden, der es wagen sollte, sie zu stürmen. Manchmal sieht man sie. Kleine Gruppen, im Schatten der Regenbäume. Drei bis fünf Personen in Uniform, mit Schlagstöcken und Sturmgewehren. Barrikaden stehen an Straßenkreuzungen bereit. Am Osteingang der Shwedagon Pagode, dort wo der Protestzug der Mönche begann, parken rote Löschfahrzeuge. Nicht um ein Feuer zu bekämpfen. Es sind solche mit Wasserwerfern, um Demonstranten wegzuspülen. Und im Inneren warten keine Feuerwehrmänner, sondern Soldaten und Sondereinheiten.

Die Gegenwart ist ein Alptraum

Rangun ist eine Stadt in Angst. Einige Mitglieder der Regierung haben ihre Familien vorsichtshalber nach Bangkok, Singapur oder Dubai geschickt. Spione des Geheimdienstes sitzen in Restaurants, lungern auf öffentlichen Plätzen und bei Pagoden herum. Sie spitzeln und lauschen dort, wo sich Menschen versammeln. Falls sich irgendwo mehr als fünf Leute treffen, was die Regierung verboten hat. Und in Restaurants verlassen die Gäste ihre Tische, wenn Fremde in der Nähe essen, damit keine Missverständnisse aufkommen. Ein lachender Gnom, einer der Wahrsager am Mahabandoola Park, liest aus der Hand. Die Zukunft spendet in Myanmar Trost, weil die Gegenwart ein Albtraum ist. Noch ehe er seine Weissagung beginnt, hocken sich zwei Männer neben ihn, wortlos. Er lacht nun nicht mehr. "Schlechte Lebenslinie", sagt er schnell zu seinem Kunden, "schwer zu lesen. Bitte gehen Sie."

Es ist schwül. Rangun dampft bei 33 Grad, und über der Schwedagonpagode hängen dunkle Regenwolken, schwer wie feuchte Bettlaken. Das Wahrzeichen des Landes liegt beinahe verlassen da. Einige Männer im Longyi, dem traditionellen Wickelrock der Burmesen, beten vor Statuen. Ein paar Frauen meditieren. Kinder rutschen auf dem feuchten Marmorboden herum wie auf einer Schlittschuhbahn. Eine Touristengruppe betritt die Pagode. Sie dreht eine Runde um das Heiligtum und macht hektisch Fotos, bevor der Reiseführer mahnt, dass es Zeit wäre zu gehen. Als ob man einen verbotenen Ort betreten hätte und nicht das spirituelle Zentrum des Landes.

"Sie werden es wieder tun"

An allen Eingängen stehen die Schergen und Spione des Regimes, die sich auffällig unauffällig an die Fersen der wenigen Ausländer heften. Kein Birmaner, außer den wenigen Postkartenverkäufern, wagt es, die Besucher anzusprechen. Im Schatten der Stupas stehen Soldaten mit schusssicheren Westen, die Sturmgewehre mit Granatwerfern umklammern. Entlang des Tempelberges parken leere Militärlastwagen und Geländefahrzeuge.

21:30 Uhr - kurz vor der Ausgangssperre. Die Straßen sind wie ausgestorben, ein paar Taxifahrer hoffen auf Fahrgäste, "aber nur kurze Strecken". Einige Bettler bitten um Almosen. Straßenköter wühlen in Abfallhaufen. Ein Mann knabbert die Spitzen seiner Fingernägel ab und spuckt sie auf den Asphalt, junge Soldaten verschwinden hinter Stacheldraht und Mauern der Kasernen.

Die Ärmsten haben nichts mehr zu verlieren

Der junge Mönch ist längst verschwunden. Nur der Mann mit den gelben Fingerspitzen hockt noch immer hinter dem grünen Plastikvorhang. Ticktock, ticktock trommelt es auf den Holztisch. Aus seinem Mund purzeln Sätze. Er wollte sie loswerden, weil die Zeit reif dafür sei. "Sozialismus, Demokratie? Darum ging es hier doch gar nicht. Das hört sich nur für euch Westler so romantisch an. Wir wollen essen. Drei Mahlzeiten am Tag, ganz bescheiden, buddhistisch."

Auch er sagt, dass die Junta eine Niederlage erlitten hat. Denn es waren die Ärmsten der Armen, die auf die Straße gingen. Weil sie nichts mehr zu verlieren hatten. "Sie werden es wieder tun." Nächsten Monat, nächstes Jahr. Egal.

Von unserem Korrespondenten
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