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Mord an internationaler Helfergruppe: Daniela B. wollte nur Afghanistan verstehen

Die Ärztegruppe war völlig ungeschützt in Nuristan unterwegs, im gefährlichen Osten Afghanistans. Ihren Leichtsinn bezahlte sie mit dem Leben. Unter den Opfern: die Deutsche Daniela B. aus Chemnitz - eine Dolmetscherin, die sich bereits in einer anderen Hilfsorganisation engagierte.

Von Christoph Reuter, Kabul

Dan Terry war Pilot gewesen, hatte sich seit Jahrzehnten um die Logistik von Hilfsprojekten in Afghanistan gekümmert, während der sowjetischen Besatzung, während des Bürgerkrieges, in den letzten Jahren, bis jetzt. Die Reise nach Nuristan, so sagte es der Amerikaner noch vor ein paar Wochen einem Freund, sei wohl sein letzter Ausflug in diese Gegend. Es sei nicht die Gefahr allein, die ihn schrecke, er werde auch zu alt für solche Trips. Aber einmal wolle er noch mitkommen in diese wilde, abgeschiedene Bergwelt.

Dan Terry und die anderen hatten sich sicher gefühlt. Zu sicher, offenbar. Die Gruppe, die von der "International Assistance Mission" zusammengestellt worden war, einer christlichen Hilfsorganisation in Kabul, hatte auf bewaffnetes Personal und auf gepanzerte Fahrzeuge von vornherein verzichtet: Ab dem Dorf Naw konnte es nach Nuristan mangels befahrbarer Wege eh nur noch auf Pferden weitergehen. Außerdem wurden sie vom Dorfvorsteher eingeladen, weil er froh darüber war, dass überhaupt einmal Ärzte in ihre abgelegenen Dörfer Eshtewe und Fruns kommen.

Einige Einheimische und die afghanische Polizei hatten sie gewarnt, nicht nach Nuristan zu gehen. Zu gefährlich sei sie, die Gegend ganz im Osten des Landes. Aber sie waren schon mehrfach dort gewesen, nie war etwas passiert. "Wer schießt schon auf Ärzte", soll einer von ihnen gesagt haben. Sie seien schließlich Freunde und Helfer und keine Militärs.

Die einzige Deutsche war Sprachwissenschaftlerin

Terry und der Augenarzt Tom Little waren die Veteranen des zwölfköpfigen Teams, das am 22. Juli von Faisabad gen Süden aufgebrochen war. Es war eine bunt zusammengewürfelte Truppe: Amerikaner und Briten, Ärzte, Logistiker, afghanische Übersetzer und Fahrer. Die einzige Deutsche im Team war keine Ärztin - sondern Sprachwissenschaftlerin: Daniela B., geboren 1975 in Chemnitz. Sie hatte nach dem Abitur Sprachwissenschaft an der Universität Leipzig studiert, Englisch und Russisch, zusätzlich einen Abschluss als Deutschlehrerin für Ausländer gemacht.

Vier Jahre war sie an der Universität Gloucesterhire in Südengland eingeschrieben, arbeitete als freiberufliche Übersetzerin und kam 2007 nach Afghanistan für die "International Assistance Mission". Das Land hatte es ihr angetan. In Kabul lernte sie ein knappes halbes Jahr lang Dari, eine der beiden Landessprachen. Amir Mohammed, ihr Lehrer von damals, erinnert sich noch heute an die stille Deutsche mit den blauen Augen: "Als Studentin war sie exzellent, sehr fleißig, hat wahnsinnig schnell gelernt. Sie hat mir immer gesagt: 'Ich will mit den Menschen reden, will wissen, was die fühlen, denken, sie verstehen!' Sie wollte alles wissen über Kultur, Sitten, und die Geschichte Afghanistans. Dabei war sie eigentlich ein eher stiller Mensch, blieb sogar oft in den Pausen im Klassenraum, um weiter zu lernen, anstatt draußen mit den anderen zu plaudern und Tee zu trinken."

B. war dabei, noch eine lokale Sprache zu lernen

Für ein Jahr ging sie dann nach Faisabad zum "Language Research Program" von IAM in der Nordostprovinz Badakhschan. Ziel ihres Projektes war es, "für die örtlichen Sprachen in den isolierten Bergregionen eine Schriftvariante zu entwickeln, so dass Menschen dort in ihrer eigenen Sprache lesen und schreiben lernen können", wie ein ehemaliger Kollege sagt. Daniela B. sprach fließend Dari, leidlich Vahi und Mandschi, zwei lokale Sprachen, und war dabei, weitere zu lernen.

Vor einem Jahr verließ sie IAM, um zusammen mit anderen eine neue Nichtregierungsorganisation (NGO) namens "Samar" aufzubauen, die sich vor allem mit der Erforschung und Rettung der lokalen Sprachen beschäftigen wollte. Den Kontakt zu den alten IAM-Kollegen hatte Daniela B. nie abreißen lassen. Als Karen Woo, die britische Ärztin, die vor allem Frauen behandelte, sich auf das "Eye Camp" vorbereitete, brauchte sie eine Frau zum Übersetzen. Daniela B., fließend in Englisch und Dari, war die perfekte Kandidatin. Sie willigte ein mitzukommen. Auf ihre letzte Reise.

Woo suchte eine Dolmetscherin und fand B.

Karen Woo, die 36-jährige Chirurgin aus Herfordshire in England, die erst Geld sammeln musste, um überhaupt nach Afghanistan kommen zu können, war ebenfalls mehrfach im Land gewesen. Sie hatte mit dem BBC-Journalisten Firuz Rahimi die NGO "Charity Bridge Afghanistan" gegründet und war eine ebenso engagierte wie lebensfrohe Frau, die in ihrem Blog sowohl über ihre Vorliebe für "sexy dresses and high heels" schrieb, wie über ihre medizinische Hilfe für Frauen.

Es war auch ihr Blog, in dem sie ihre Gedanken niederschrieb, als zwei Freunde eines Kollegen beim Absturz der uralten "Pamir"-Maschine zwischen Kundus und Kabul im Juni starben: "Nichts im Leben ist sicher, und nichts wird ewig bleiben", schrieb sie damals. "All die Leute, die nach Afghanistan kommen, kommen aus freiem Willen. Und sie wissen, dass sie vielleicht mit dem Leben dafür bezahlen werden. Aber vermutlich glaubt jeder, dass es nicht ihn treffen wird." Oder, wie sie hellsichtig ahnte: doch einen selbst.

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