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MORDVORWÜRFE: »Netzwerk mit kriminellen Strukturen«

Marc Dutroux und die belgische Justiz: Der mutmaßliche Kinderschänder wirft den Behörden Untätigkeit vor und beharrt in einem umstrittenen TV-Interview darauf, dass ein kriminelles Pädophilen-Netzwerk existiert.

Schuld sind die anderen. So jedenfalls sieht es der belgische Kinderschänder Marc Dutroux. »Ich bin am Ende meiner Kraft, ich bin fertig, müde«, klagt der 45-Jährige in dem Aufsehen erregenden Interview, das der Fernsehsender VTM heimlich in Dutrouxs Zelle aufgenommen und am späten Montagabend ausgestrahlt hat.

Erstmals spricht Dutroux dabei von einem kriminellen Netzwerk. »Ich stand in Kontakt mit bestimmten Personen, die diesem Netzwerk angehören«, erklärt der Untersuchungshäftling. Er sagt nicht, wer diesem angeblichen Netzwerk angehört. Offen bleibt auch der genaue Zusammenhang mit der Entführung von sechs Mädchen, wegen der seit fünfeinhalb Jahren gegen Dutroux ermittelt wird.

»Das hätte ihren Tode bedeutet«

Der 45-Jährige präsentiert sich gar als Beschützer der Mädchen, von denen vier in der Gefangenschaft starben: Er habe die Kinder nicht seinem später umgebrachten Komplizen überlassen können – »das hätte ihren Tode bedeutet«. Dutroux, der wegen früherer Fälle schon als Kinderschänder verurteilt ist, räumt auch im VTM-Interview nur die Taten ein, die ihm zweifelsfrei nachgewiesen werden können.

Und was ihm nachgewiesen werden kann, weiß der Beschuldigte selbst am Besten. 13 Stunden täglich studiert er sein Dossier, berichtete VTM. Zwei Zellen des Gefängnisses von Arlon sind für seine Akten reserviert. »Das ist der Wahn eines besessenen Psychopathen«, meint Psychiater Karel Ringoed. »Er lernt sein Dossier auswendig, um alles kontrollieren zu können.«

Einflussreiche Kreise hinter dem Kinderschänder?

Auch Dutrouxs jüngster Hinweis auf ein kriminelles Netzwerk kann als Versuch gedeutet werden, seine Verteidigung für den kommenden Prozess aufzubauen. Die These von den einflussreichen Kreisen hinter dem Kinderschänder hat allerdings etliche Anhänger in Belgien. Die Ermittler haben sich - nach internem Streit - indes auf die Suche nach Beweisen gegen Dutroux und zwei Komplizen konzentriert.

Vor diesem Hintergrund ist die Debatte über das Funktionieren der belgischen Justiz nach dem Interview im Gefängnis neu aufgeflammt. Wie konnte es geschehen, dass der VTM-Reporter in Begleitung des liberalen Senators Jean-Marie Dedecker mit seinem Tonbandgerät durch die Kontrollen schlüpfte? Der Journalist habe sich, so hieß es, einfach als Chauffeur des Politikers ausgegeben.

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