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Moskau : Kind angeblich bei Protesten gefährdet: Russischem Paar soll Sorgerecht entzogen werden

Bei den Protesten in Moskau soll ein Paar sein Kind einem Fremden in die Arme gedrückt haben, damit er durch die Polizeisperre kommt. Nun müssen die Eheleute um das Sorgerecht für ihren Sohn bangen. Dabei ist der angebliche Fremde der Onkel des Kindes. 

Moskau: Dmitrij Prokazow und seine Frau Olga Prokazowa erklären während einer Pressekonferenz

Moskau: Dmitrij Prokazow und seine Frau Olga Prokazowa erklären während einer Pressekonferenz, was aus ihrer Sicht am Rande der Proteste geschehen war

In Moskau ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen ein Paar, das angeblich ihren kleinen Sohn bei den Protesten vom 27. Juli in Gefahr gebracht haben soll. Dmitrij Prokazow und seine Frau Olga Prokazowa sollen das einjährige Kind in die Hände eines fremden Mannes gegeben haben, damit dieser ungehindert eine Polizeikette passieren kann, so der Vorwurf. Die Staatsanwaltschaft fordert nun den Entzug des Sorgerechts für das Kind. 

Bei dem angeblichen Fremden handelt es sich um den Aktivisten Sergej Fomin. "Als Fomin die Kundgebung verließ, nahm er das kleine Kind eines Fremden auf den Arm, um die Absperrung passieren zu können", heißt es in einer Pressemitteilung des russischen Ermittlungskomitees. Dadurch seien "die Gesundheit und das Leben" des Kindes gefährdet worden. Gegen das Paar ist Strafverfahren eingeleitet worden

Wie sich jedoch herausgestellt hat, ist Fomin gar kein Fremder für das Kind. Er ist der Cousin von Olga Prokazowa und Onkel des Jungen, berichtet der unabhängige Radiosender "Swoboda". Nach Darstellung des Paares seien sie mit dem Kind auch nicht bei den Protesten gewesen, sondern hätten bloß im Zentrum von Moskau einen Spaziergang unternommen und hätten dort Fomin getroffen. "Es gab keine Absperrungen, keine Polizei, wir gingen alle ganz in Ruhe zusammen nach Hause", sagte Dmitrij Prokazow. Er habe bloß den Cousin seiner Frau gebeten, das Kind kurz zu tragen.

(Das Bild Zeigt Olga Prokazowa (l.), Dmitrij Prokazow (m.) und Sergej Fomin (r.) bei einer Kundgebung am 14. Juli)

Fomin sitzt in Untersuchungshaft 

Inzwischen soll sich die Staatsanwaltschaft einsichtig zeigen. "Es wurde festgestellt, dass Sergei Fomin ein enger Verwandter der Mutter des Kindes ist, er ist der Pate der Kinder der Familie Prokazow", zitiert die Nachrichtenagentur Tass den Anwalt des Paares. "Sie waren zusammen unterwegs, haben keine Absperrung durchbrochen und an keinen Kundgebungen teilgenommen." Nach der Vernehmung seiner Mandanten hätten die Ermittler nichts mehr zu beanstanden. Die Ermittlungen dauern jedoch an. 

Ins Visier der Ermittler war die Familie Prokazow durch ein Video geraten, das im Internet die Runde machte. Darin wurde Sergej Fomin zum Organisator der Kundgebung stilisiert, und die Prokazows zu Rabeneltern, die angeblich einem fremden Mann ihr Kind überließen. Fomin ist einer von elf Männern, die wegen der Teilnahme an den Protesten vom 27. Juli, in Untersuchungshaft sitzen. Ihm wird Organisation von Massenunruhen vorgeworfen. Die Mindeststrafe darauf beträgt acht Jahre Gefängnis. Die Ermittlungen gegen die Familie seiner Cousine werten Kritiker der Regierung als Einschüchterungsversuch. 

Bei den Kundgebungen demonstrierten in Moskau zehntausende Menschen für freie Kommunalwahlen. Bei nicht genehmigten Protesten gab es fast 1400 Festnahmen. Die Polizei ging gewaltsam gegen Demonstranten vor.

Quellen: Staatsanwaltschaft Moskau, "Swoboda", Tass

ivi
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