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Proteste in Moskau : Das zeigte das russische Staatsfernsehen, als Tausende auf die Straßen gingen

In Moskau gingen tausende Menschen aus Protest auf die Straße, die Polizei griff hart durch. Doch während in der Hauptstadt mehr als 1300 Demonstranten festgenommen wurden, zeigte das russische Staatsfernsehen lieber Putin in einem U-Boot. 

Perwyj Kanal berichtete über die Vorbereitungen zu großen Marineparade in Sankt Petersburg anstatt über die Proteste in Moskau

Perwyj Kanal berichtete über die Vorbereitungen zu großen Marineparade in Sankt Petersburg anstatt über die Proteste in Moskau

DPA

Bis zu 10.000 Menschen sind am vergangenen Samstag in Moskau auf die Straße gegangen. Sie protestierten gegen den Ausschluss wichtiger Oppositionskandidaten von der Regionalwahl in der russischen Hauptstadt in sechs Wochen. Die Polizei rückte mit einem Großaufgebot an. Mit Gewalt rissen die Beamten willkürlich Menschen aus der Masse und zerrten sie in Busse. Stündlich stieg die Zahl der Festgenommenen. Am Ende waren es mehr als 1300 Festnahmen. International löste der brutale Polizeieinsatz Empörung aus. Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International erklärte, das Vorgehen der Sicherheitskräfte gegen die Opposition habe ein "absurdes Ausmaß" erreicht.

Wer aber am Samstag das russische Staatsfernsehen einschaltete, erfuhr davon so gut wie nichts. Die großen Sender, die wichtigste Informationsquelle in Russland, zeigten stattdessen ein buntes Unterhaltungsprogramm. Der populärste Sender Perwyj Kanal feierte den neunzigsten Geburtstag des Schauspielers Wasilij Schukschin und zeigte zwei seiner Filme. In der Nachrichtensendung um 12 Uhr mittags fiel kein einziges Wort über die Proteste in Moskau. Das wichtigste Thema: Die bevorstehende Marineparade in Sankt Petersburg am 28. Juli. Außerdem: Neue von Putin unterzeichnete Gesetzte, die unter anderem die Strafen für das Blockieren von Krankenwagen verschärfen. Ein anderes Thema, das mit einem ausführlichen Beitrag gewürdigt wurde, war das sogenannte Plogging - ein umweltfreundlicher Fitnesstrend, der sich in Moskau verbreitet. Dabei wird das Joggen mit Müllsammeln kombiniert (Hier die Nachrichtensendung zum Nachschauen).

Putin im U-Boot statt Proteste in Moskau

Der Staatssender Rossija 1 zeigte zum Zeitpunkt der Proteste einen Spielfilm - eine romantische Komödie mit dem Titel "Unlustige Liebe". Und auf dem von Gazprom kontrollierten Sender NTW lief die Spielshow "Eigenes Spiel", das russische Äquivalent der amerikanischen Fernsehsendung "Jeopardy!"

Der staatlichen Nachrichtensender Rossija 24 zeigte tatsächlich Nachrichten, doch über die Proteste und Festnahmen in Moskau erfuhr man auch hier nichts. Stattdessen konnte man Putin dabei zusehen, wie er in einem sowjetischen U-Boot auf den Grund der Ostsee tauchte. Der Sieg des russischen Schwimmers Andrei Minakow beim WM-Finale in Südkorea wurde auch vermeldet. Außerdem breit thematisiert: der Tag der Taufe der Rus. Dieser Feiertag wurde 2008 in der Ukraine und 2010 in Russland eingeführt, um an den Kiewer Großfürsten Wladimir zu erinnern, der sich am 28. Juli 988 nach byzantinischem Ritus hatte taufen lassen und das Christentum zur Staatsreligion erklärte. Auch das Wochenend-Programm in Moskau erachtete man eines achtminütigen Beitrags wert. "In der Hauptstadt herrscht heute tolles Wetter, beste Zeit für einen Spaziergang", erklärte der Moderator, während in Moskau hunderte Menschen festgenommen wurden.

Erst am Abend berichtete Pervyj Kanal in wenigen Sätze über die Proteste. Bei der "nicht genehmigten Demonstration" sei es zu keinen ernsthaften Zwischenfällen gekommen, lautete hier das Fazit. 

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