HOME

Friedensnobelpreis 2018: Ein Iraker half Nadia Murad dem IS zu entkommen. Sie bekam den Nobelpreis, sein Leben ist zerstört

Die Friedensnobelpreisträgerin 2018, Nadia Murad, verdankt ihre Rettung vor dem IS dem jungen Iraker Omar Abd al-Dschabbar. Die Heldentat zerstörte sein Leben.

Von Steffen Gassel

Der Friedensnobelpreisträgerin Nadia Murat half Omar Abd al-Dschabbar

Nadia Murad, 25, im Oktober 2018, wenige Wochen nachdem ihr der Friedensnobelpreis zuerkannt wurde. Rechts ein IS-Kämpfer in Mossul nach der Eroberung der Stadt im Sommer 2014. Der IS verschleppte Tausende Jesiden, darunter Nadia Murad.

Stundenlang irrt die junge Frau in dem bodenlangen, schwarzen Umhang an diesem Novemberabend durch die Straßen von Mossul. Obwohl der Niqab ihr Gesicht fast völlig verdeckt, weicht sie den Blicken der Menschen aus. Sucht Deckung im Schatten der Grundstücksmauern. Längst muss jemand ihre Flucht bemerkt haben, längst müssen ihre Häscher vom "Islamischen Staat" nach ihr suchen. Irgendwann steht sie vor dem Tor eines zweistöckigen Hauses. Ihr ist schlecht vor Angst.

"Zweimal schlug ich mit der flachen Hand an das Tor. Ein lautes, hohles Pochen ertönte, und während das Metall davon vibrierte, stand ich auf der Straße und war gespannt, ob ich nun gerettet würde oder nicht."

Diesen Monat erhielt sie den Friedensnobelpreis

In diesem Augenblick verbinden sich die Schicksale zweier Menschen, die bisher nichts voneinander wussten. Auf der einen Seite des Tors: Nadia Murad, damals 21 Jahre alt. Sie gehört zur religiösen Minderheit der Jesiden. Drei Monate zuvor haben die Terroristen ihr Dorf überfallen und sie als Sklavin verschleppt. Auf der anderen Seite: Omar Abd al-Dschabbar, damals 25, sunnitischer Araber, ein Tischler, Vater eines sieben Monate alten Sohns. Seine Frau erwartet das zweite Kind. Omars Vater öffnet die Tür. "Ich flehe euch an. Helft mir. Die vergewaltigen mich", sagt Nadia. Omar zieht sie ins Haus, damit die Nachbarn nichts merken. Als sie ihre Geschichte erzählt hat, sagt der Vater: "Friede sei in deinem Herzen. Wir werden versuchen, dir zu helfen."

Eine Jesidin, die flieht, setzt ihr Leben aufs Spiel. Wer ihr hilft, tut dasselbe. Das wissen alle in dem ärmlichen Haus am Ostufer des Tigris. Was niemand ahnt: Das Versprechen von Omars Vater wird Nadias und Omars Schicksale auf Jahre verknüpfen und sie beide hinauskatapultieren aus ihren irakischen Leben in eine fremde Welt. Die nächsten Kapitel der Geschichte, die in dieser nahöstlichen Winternacht des Jahres 2014 beginnt, werden weit weg vom Tigris spielen. Am Neckar und an der Elbe. In Paris und New York. Am 10. Dezember erreichte sie mit der feierlichen Verleihung des Friedensnobelpreises an Nadia Murad in Oslo einen Höhepunkt. Doch auf ein gutes Ende wartet die Geschichte immer noch.

Omar Abd al-Dschabbar, 29, auf dem Marktplatz von Torgau in Sachsen. Seine Familie darf er nicht nach Deutschland holen.

Omar Abd al-Dschabbar, 29, auf dem Marktplatz von Torgau in Sachsen. Seine Familie darf er nicht nach Deutschland holen.

Omar bringt Nadia zunächst ins Haus einer Schwester, wo sie sicherer ist. Wenig später kommt er mit einem gefälschten Ausweis, der sie als seine Frau ausgibt. Damit will der junge Familienvater sie an den IS-Kontrollposten vorbei ins Kurdengebiet bringen. "Als es losging, war er für mich fast so etwas wie ein Bruder", so wird sie den Moment des Aufbruchs später beschreiben. Vollverschleiert, schwitzend und panisch kauert sie auf der Rückbank des Überland-Taxis. Die Flucht gelingt. In der Kurdenhauptstadt Arbil übergibt Omar die junge Frau in die Obhut eines Verwandten. Beim Abschied weinen sie. "Als er sich umwandte, betete ich, dass er und seine Familie bald an einem sicheren Ort sein würden", schreibt Nadia in ihrer Autobiografie. Da weiß sie schon, dass dieser Wunsch nicht in Erfüllung gegangen ist.

Am Tag nach Omars Rückkehr klopft es wieder am Eisentor des Elternhauses. Sieben Wagen mit bewaffneten IS-Kämpfern sind vorgefahren. Der IS hat herausgefunden, was Omar getan hat. In letzter Sekunde entwischt er über die Dächer. Der Fluchthelfer wird selbst zum Flüchtling. Im Bauch eines leeren Tanklasters entkommt er mit seiner schwangeren Frau und dem kleinen Mustafa aus Mossul. Gemeinsam schaffen sie es bis nach Izmir in der Türkei. Ihr Ziel ist Europa. Doch Omar fehlt Geld für die Schlepper. Arbeit findet er nicht. Das Paar beschließt, sich zu trennen. Sie und der Sohn fahren zurück in den Irak. Er will sich allein durchschlagen und die beiden dann nachholen. Kurz vor Weihnachten wird Omar in Bulgarien verhaftet und sitzt drei Monate im Gefängnis. Ein Verwandter aus dem Irak schickt 500 Euro, dafür lassen die Bulgaren ihn laufen. Im März 2015 kommt er per Zug in Köln an und beantragt Asyl.

Zuflucht in Deutschland

Fast gleichzeitig führt auch Nadias Weg aus einem Flüchtlingslager im Nordirak nach Deutschland. Im Rahmen eines Sonderkontingents für schutzbedürftige Frauen und Mädchen wird sie nach Baden-Württemberg ausgeflogen. Sie lebt zunächst in einer Wohngemeinschaft in Heilbronn und besucht einen Deutschkurs. Bald lernt sie jesidische Aktivisten aus Europa und den USA kennen, die sie ermuntern, ihre Geschichte öffentlich zu erzählen. Sie, die dem Grauen entronnen ist, soll die Welt wachrütteln. Nadia reist durch Europa, nach Israel und in die USA, trifft Politiker, Prominente und Medienleute und fordert Gerechtigkeit und Hilfe für ihr geschundenes Volk. Staranwältin Amal Clooney erklärt sich bereit, sie zu unterstützen bei dem Versuch, die Ermordung der irakischen Jesiden als Genozid vor den internationalen Strafgerichtshof zu bringen.

Im September 2016 ernennt UN-Generalsekretär Ban Ki-moon Nadia in New York zur "Sonderbotschafterin für die Würde der Überlebenden von Menschenhandel". Vor der UN-Vollversammlung hält sie eine viel beachtete Rede. Sie trifft Bill Gates und Angela Merkel, hat Termine im Weißen Haus und im Élysée-Palast. Im Oktober 2018 erfährt Nadia Murad und mit ihr die Welt, dass sie den Friedensnobelpreis erhält.

Nadia Murad (r.) im Kreis ihrer Familie im Dorf Kocho im Nordirak. Der IS ermordete 44 ihrer Verwandten

Nadia Murad (r.) im Kreis ihrer Familie im Dorf Kocho im Nordirak. Der IS ermordete 44 ihrer Verwandten

Omar erreicht die Nachricht in der Kleinstadt Torgau an der Elbe, wo er seit gut zwei Jahren lebt. "Ich habe mich sehr für sie gefreut", sagt er. "Es hat sich angefühlt, als hätte auch ich den Preis gewonnen." Gern hätte er sie persönlich beglückwünscht, doch seit Anfang des Jahres ist der Kontakt abgebrochen. Auf einmal war Nadias Handynummer außer Betrieb.

"Bis dahin hatten wir alle paar Tage telefoniert", sagt Omar. "Wir waren wie Geschwister." Fast immer hatten sie von zu Hause gesprochen, von ihrer verlorenen Welt. Von Yahya, Omars zweitem Sohn, den seine Frau gebar, als Omar schon in Deutschland war. Von Nadias Mädchentraum, im Dorf einen Schönheitssalon zu eröffnen. Ein Wiedersehen hatte sich nie ergeben zwischen Torgau und Heilbronn. Trotzdem war es Omar erschienen, als habe das Leben in der Fremde sie zusammengeschweißt. Doch nun managen die Leute von der Stiftung "Nadia's Initiative" ihr neues Leben als globale Menschenrechtsikone. Omar vermutet, sie könnten dafür verantwortlich sein, dass der Kontakt abgebrochen ist. Eine Anfrage des stern ließ Nadia Murad unbeantwortet.

Zerstörte Heimat

Während sie ihren Kampf für die Opfer sexueller Gewalt in aller Welt führt, arbeitet Omar in einer Großschlachterei an der Wurstmaschine. Für acht Euro die Stunde. Damit er im Monat 150 Euro nach Mossul schicken kann, hat er seine Wohnung aufgegeben und ist bei einem Freund untergeschlüpft. Er macht sich große Sorgen um seine Familie.

Kurz bevor der IS im Sommer 2017 aus Mossul vertrieben wurde, erschossen die Islamisten seinen älteren Bruder. Dann traf eine Fliegerbombe der Amerikaner das Haus, in dem Nadia Unterschlupf gefunden hatte. Omars Schwester und ihre fünf Kinder kamen ums Leben. Um seine alten Eltern kümmert sich nun Omars 14-jähriger Bruder.

Ende Oktober 2018 empfing Frankreichs Präsident Emmanuel Macron Murad im Élysée-Palast

Ende Oktober 2018 empfing Frankreichs Präsident Emmanuel Macron Murad im Élysée-Palast

Der kleine Yahya ist heute dreieinhalb Jahre alt. Sein Lachen kennt der Vater nur vom Handybildschirm. Seine Frau und die Kinder können ihn nur alle zwei Wochen anrufen, denn die Verwandten, bei denen sie untergekommen sind, haben selten Strom. "Am liebsten hätte ich sie längst bei mir in Torgau", sagt Omar. Aber Deutschland hat ihm statt Asyl nur den sogenannten subsidiären Schutz gewährt. Damit ist ein Familiennachzug nahezu ausgeschlossen. Als sein Aufenthaltstitel dieses Frühjahr auslief, legte er den Behörden einen Brief von Nadia vor. Darin bestätigt sie seine Verdienste um ihre Rettung. Doch die Ausländerbehörde hat wieder nur einen eingeschränkten Aufenthaltstitel für zwei Jahre erteilt. So ist es für Iraker Standard.

Zurück nach Mossul kann Omar nicht, denn er wäre dort auch heute noch in Gefahr. "Alle denken, der IS sei besiegt", sagt er. "Aber das stimmt nicht. Erst vor wenigen Tagen gab es einen Anschlag mit 20 Toten ganz nah beim Haus meiner Eltern." Sogar in Torgau haben ihn Drohungen erreicht. "Wir kennen jemanden in Deutschland", schrieb ihm ein Unbekannter auf Facebook. "Der wird kommen und mit dir abrechnen."

Ungewöhnlicher Mut

Wenn am 10. Dezember in Oslo die Zeremonie beginnt, wird Omar an der Wurstmaschine stehen wie jeden Tag. "Ich wäre gern der Erste, der Nadia gratuliert. Leider hat mich niemand nach Oslo eingeladen." In der Begründung für die Preisverleihung lobt das Nobelpreis-Komitee Nadia Murads "ungewöhnlichen Mut, über das eigene Leid zu sprechen und die Stimme für andere Opfer zu erheben".

Omar Abd al-Dschabbars ungewöhnlicher Mut und der Preis, den er und seine Familie dafür zahlen, interessieren anscheinend niemanden.

Themen in diesem Artikel