HOME

Nato-Bomber zerstören Wohnhaus: Die Toten von Tripolis

Bei einem Nato-Luftangriff auf die libysche Hauptstadt wurde in der Nacht zum Sonntag ein Wohnhaus getroffen und zerstört. Unter den Toten sind auch Kinder. Die Nato räumt einen Fehler ein und spricht von einem Fehler im Waffensystem.

Von Markus Götting, Tripolis

Es ist halb drei in der Nacht zum Sonntag, und Blaulichter von zwei Krankenwagen flackern in der Dunkelheit. 300, vielleicht 400 Menschen sind auf den Beinen, sie stehen vor der Ruine eines noch halbfertigen Hauses, das komplett in sich zusammengefallen ist. Kurz zuvor hat ein gewaltiger Knall den Stadtteil Suk al-Juma erschüttert, 15 Kilometer östlich des Zentrums von Tripolis. Es muss unmittelbar nach Mitternacht gewesen sein, als eine Rakete in das Gebäude einschlug. Und jetzt versuchen die Rettungskräfte die Leichen zu bergen, die unter den Trümmern verschüttet wurden. Bulldozer stehen an beiden Enden der schmalen, staubigen Straße.

Nach einer Weile heben drei Sanitäter die Leiche eines Mannes auf eine Trage und bedecken den Körper mit einem Tuch. Vorsichtig bewegen sich die Männer über die Brocken von Stein und Zement; die Straße ist hoffnungslos verstopft, also reichen sie die Trage über die Köpfe der Menge hinweg in Richtung Krankenwagen. Die Menschen hier sind aufgebracht, wütend, und ein paar Dutzend unter ihnen beginnen zu schreien und Gesänge anzustimmen, während die Trage weitergereicht wird: "Shuhada, shuhada - min ajlek ya Libya". Märtyrer, Märtyrer - für das Wohl Libyens.

Neun Menschen starben in den Trümmern, darunter auch zwei Kinder: die neun Monate alte Jumana und ihr zweijähriger Bruder Ali. Ihre sterblichen Überreste wurden ins nahe gelegene Krankenhaus gebracht, um den Vorfall zu untersuchen. "Im Prinzip ist dies nur eine weitere Nacht von Mord, Terror und Horror, den die Nato über uns bringt", sagt Regierungssprecher Mussa Ibrahim in der Nacht noch an Ort und Stelle, "sie säen Hass auch für künftige Generationen." Tatsächlich sieht es so aus, als seien dies die ersten zivilen Opfer der Nato seit Beginn der Operation "Unified Protector" vor drei Monaten.

Fehler im Waffensystem

Bereits am Samstag hatte die libysche Regierung internationale Journalisten zum Campus der al-Fatah-Universität gebracht, um ihnen ein zerstörtes Gebäude der Geografie-Fakultät zu zeigen. Auch dort soll eine Nato-Bombe eingeschlagen haben, in der Nacht von Freitag auf Samstag. Klassenzimmer sind demoliert, Computerräume verwüstet, sämtliche Fensterscheiben zerborsten, roter Staub und Glassplitter bedecken Böden und Tische. Ob dies wirklich das Resultat eines Nato-Angriffs war, ist allerdings kaum zu verifizieren.

Ein Nato-Sprecher sagte noch am Sonntagvormittag, dass weder das Wohngebiet Arada in Suk al-Juma, noch die Universität auf der Liste der Ziele gestanden hätten; man habe lediglich Luftabwehrstellungen des Gaddafi-Regimes attackieren wollen. Am Sonntagabend räumte die Militärallianz schließlich den Tod von Zivilisten ein: Bei einem Luftangriff am Samstag habe ein Geschoss in der libyschen Hauptstadt nicht "das geplante Ziel getroffen". "Obwohl wir die Einzelheiten des Zwischenfalls noch ermitteln, scheint es so, dass ein Fehler in einem Waffensystem diesen Zwischenfall verursacht hat", heißt es in der Erklärung Charles Bouchards, dem Oberkommandeur des Nato-Einsatzes.

Der verheerende Fehlschlag kommt für das Bündnis zur denkbar ungünstigsten Zeit. Seit zwei Wochen werden immer mehr Zweifel am Erfolg der Mission laut. US-Verteidigungsminister Robert Gates kritisierte die Europäer für ihre mangelnde Unterstützung, längst steht die Zukunft des Bündnisses infrage. In einem Interview mit dem am Montag erscheinenden "Spiegel" wies sein deutscher Amtskollege Thomas de Maizière diese Vorwürfe nicht nur zurück, er bemängelte indirekt die fehlende Strategie der Alliierten. Eine Einschätzung, der man sich als Beobachter in der libyschen Hauptstadt kaum entziehen kann. Nach zwei Tagen radikalster Attacken vor gut zwei Wochen ist es relativ ruhig geworden. Ein Konzept ist nicht wirklich erkennbar.

In der Vergangenheit hat sich die Nato umgehend für ihre Fehlschläge entschuldigt, so auch am Wochenende für eine ungewollte Attacke auf die Rebellen, die offenbar am Donnerstag in der Nähe der Hafenstadt Brega einige Aufständische das Leben kostete. Es ist mindestens der dritte Vorfall dieser Art. "Wir bedauern jeden möglichen Verlust oder Verletzungen, die von diesem unglücklichen Vorfall verursacht wurden", hieß es in einem offiziellen Statement.

"Jede Nacht hören wir die Kampfjets über uns kreisen"

Vor dem zerstörten Wohnhaus in Suk al-Juma haben derweil die Aufräumarbeiten begonnen. Ein Elektriker erklimmt einen Strommast und versucht, die Kabel zu reparieren. Windeln mit Häschen-Motiv auf den Klebestreifen liegen im Schutt; die Druckwelle der Explosion hat einen Kühlschrank nach draußen gesprengt. Er lehnt grotesk im Geröll neben dem Auto der getöteten Familie, das unter der Last von Tonnen von Zement und Ziegeln zusammenbrach. In der Wand des Nachbargebäudes Dutzende Löcher von Schrapnell-Einschlägen, auch das Wohnhaus gegenüber ist schwer beschädigt. In der heißen Mittagsluft liegt ein strenger Geruch von Lösungsmittel.

"Jede Nacht hören wir die Kampfjets über uns kreisen", schimpft ein Anwohner, "wir können kaum noch schlafen, weil wir ständig Angst haben müssen, dass so etwas wieder passiert." Der Mann trägt ein gefälschtes, blaues Lacoste-Poloshirt und lässt sich kaum beruhigen. Er wird lauter jetzt: "Ist das eure Art, Zivilisten zu beschützen?" Genau in diesem Moment explodiert ein Fahrradreifen in der Mittagshitze, und der Mann rennt davon. Es sind ohne Zweifel Tage, die einem Angst machen können.

Suk al-Juma gilt als Hochburg der Oppositionellen

Es ist eine merkwürdige Unaufgeregtheit: kein Geschrei, keine Gaddafi-Unterstützer, die, ihre grünen Fahnen schwenkend, Parolen brüllen. Suk al-Juma gilt als eine der Hochburgen der Oppositionellen in der Hauptstadt, in der seit der ruchlosen Niederschlagung der ersten Demonstrationen ansonsten kaum mehr Protest sichtbar wird. Dass die Nato ausgerechnet hier ein Wohnhaus zerstört, klingt wie bittere Ironie - und sorgt unter manchen Anwohnern für schräge Spekulationen.

"Wer sagt dir denn, dass die Nato das hier angerichtet hat?", fragt ein knapp 50-jähriger Mann mit silbergrauem Haar und Bart, der in der Gegend wohnt. Er nennt sich Tony und will aus nachvollziehbaren Gründen seinen richtigen Namen nicht verraten. Tony traut der Regierung alles zu. Er spricht leise und zittert ein wenig, als er sich eine Zigarette anzündet; er weiß, dass Gaddafis Getreue überall ihre Ohren haben. Tony sagt: "Das ist die Regierung, die mit Kampfflugzeugen gegen ihre eigene Bevölkerung vorgegangen ist, die schreckt auch nicht davor zurück, ein Wohnhaus zu bombardieren und die Nato dafür zu beschuldigen."

Tony sieht nicht aus wie einer dieser notorischen Verschwörungstheoretiker, die beide Seiten in guter arabischer Tradition zu jedem Anlass aufbieten. Dabei waren die Anschuldigungen des Regimes noch nie so plausibel wie an diesem Sonntag. Eine gute Gelegenheit, von der eigenen Brutalität abzulenken, zu Propaganda in eigener Sache.

Am späten Sonntagnachmittag steht Regierungssprecher Mussa Ibrahim unter dem mächtigen Kristallleuchter im Konferenzsaal des Rixos-Hotels. Eben hat der so genannte Außenminister eine ziemlich erbärmliche Figur abgegeben, wie er sein vorbereitetes Statement verlas, nun aber dreht die Stimme des Regimes auf. "Die aggressiven Akte der Nato nehmen eine neue Wendung", sagt Mussa Ibrahim, "am Anfang mögen Opfer Kollateralschäden gewesen sein, aber jetzt attackiert die Nato absichtlich die Zivilbevölkerung - in ihren Autos, in ihren Häusern." Mussa Ibrahim kommt richtig in Fahrt: "Unsere Feinde wollen unseren Kämpfergeist brechen, sie wollen unschuldige Menschen aus Tripolis nach Tunesien vertreiben."

Er macht eine kurze Pause, dann sagt er, der ganze Konflikt folge einem alten Schema: "Der Westen attackiert ein muslimisches Land wegen Öl. Wie so oft." Mussa Ibrahim hat seinen Punkt gesetzt und eilt davon. Er sieht zufrieden aus.

Themen in diesem Artikel