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Nervenkrieg von Toulouse: Kritik an französischer Elitepolizei wird laut

Die Polizei wollte ihn lebend fassen, doch nach mehr als 30 Stunden Belagerung starb Mohamed Merah durch die Kugel eines Scharfschützen. In Frankreich wird nun die Taktik der Eliteeinheit kritisiert.

Nach der Erschießung des islamistischen Serienattentäters von Toulouse beim Zugriff ist Kritik an den Spezialkräften laut geworden. Es müsse gefragt werden, warum es der Polizei-Eliteeinheit Raid als "besten Einheit" der französischen Polizei nicht gelungen sei, einen einzelnen Mann lebend zu fassen, sagte der Gründer einer anderen französischen Spezialeinheit, Christian Prouteau, der Zeitung "Ouest France" vom Freitag. Die Operation sei "ohne klares taktisches Schema" ausgeführt worden. Prouteau sagte, gegen den in einer Wohnung verbarrikadierten Mohamed Merah hätte Tränengas eingesetzt werden müssen. "Das hätte er keine fünf Minuten ausgehalten." Die Spezialkräfte hätten den 23-Jährigen mit ihrem Vorgehen während der mehr als 30-stündigen Belagerung dagegen dazu "bewegt, seinen 'Krieg' fortzuführen". Die von Prouteau gegründete Gendarmerie-Spezialeinheit GIGN gilt als so etwas wie die Konkurrenz der Raid.

"Unerbittliche Entschlossenheit"

Elitepolizisten waren am Donnerstagvormittag nach einem zermürbenden Nervenkrieg in die Wohnung Merahs im südfranzösischen Toulouse eingedrungen. Der algerischstämmige Franzose hatte sich im Bad versteckt und kam laut Innenminister Claude Guéant "mit äußerster Gewalttätigkeit" um sich schießend heraus. Dann sei er mit der Waffe in der Hand aus dem Fenster gesprungen. Dabei erschossen ihn laut Staatsanwaltschaft Scharfschützen. Raid-Chef Amaury de Hauteclocque sagte der Online-Ausgabe der Zeitung "Le Monde", Merah habe die Polizisten mit einer "unerbittlicher Entschlossenheit" erwartet. "Es ist das erste Mal in meinem Leben, dass ich jemanden gesehen habe, der uns angreift, obwohl wir ihn gerade angreifen."

Über das Internet radikalisiert

Unterdessen hat Niedersachsens Verfassungsschutzpräsident Hans-Werner Wargel auch in Deutschland vor radikalisierten Einzeltätern gewarnt. „Das ist die Gefahr, vor der wir seit Jahren warnen", sagte Wargel. Nach den bisherigen Informationen sei der arabischstämmige Täter in Frankreich aufgewachsen, scheinbar integriert und habe sich radikalisiert, ohne einem Netzwerk anzugehören. Zudem habe er Terrorcamps besucht und Kontakte zum Salafismus aufgenommen, einem Sammelbecken für gewaltbereite Islamisten. "Dieser Täter scheint in das Profil eines radikalisierten Einzeltäters zu passen", sagte Wargel.

"Wir sprechen seit 2009 von einer intensivierten Gefährdungssituation", sagte er zur Lage in Deutschland. Gerade aus Afghanistan und Pakistan würden junge Muslime in Europa aufgerufen, in ihrer Heimat Anschläge zu begehen. Anleitungen dazu fänden sie im Internet. "Einzeltäter, die sich über das Internet radikalisieren, sind in ihrer Gefährlichkeit schwer zu erkennen", betonte Wargel.

kbe/DPA / DPA