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Neuer Anschlag: Polizisten-Mord schockt Nordirland

Nur zwei Tage nach dem tödlichen Überfall auf zwei Soldaten wird Nordirland erneut von Gewalt erschüttert: Südwestlich von Belfast haben Unbekannte einen Streifen-Polizisten in der britischen Provinz erschossen. Politiker aller Lager warnen nun vor einer neuen Spirale der Gewalt.

In der Nacht zum Dienstag ist ein Polizist in der britischen Provinz Nordirland erschossen worden. Der Mord ereignete sich nur zwei Tage nach dem tödlichen Überfall einer Terrorgruppe auf zwei Soldaten. Wie die Polizei mitteilte, schossen Unbekannte in der konfessionell geteilten Ortschaft Craigavon südwestlich von Belfast auf den Polizisten. Den Angaben zufolge war der Beamte mit Kollegen auf Streife in einem vor allem von Katholiken bewohnten Viertel unterwegs.

Bislang bekannte sich niemand zu dem Überfall auf den Polizisten. Großbritanniens Premierminister Gordon Brown erklärte, der Anschlag könne und werde den Friedensprozess nicht erschüttern. Der Chef der pro-irischen Sinn-Fein-Partei, Gerry Adams, rief zur Ruhe auf. Es dürfe weder Unterstützung für die Attentäter noch für Pläne geben, die Präsenz britischer Sicherheitskräfte zu verstärken.

Auch die katholische Politikerin Dolores Kelly warnte vor einer neuen Spirale der Gewalt. "Wir starren in einen Abgrund", sagte Kelly, die einem gemeinsam aus Katholiken und Protestanten besetzten Gremium angehört, das die Polizei kontrolliert. "Wir müssen alle zusammenkommen und uns vom Rand des Abgrunds zurückziehen. Es darf einer kleinen Handvoll Menschen, die nichts zu sagen und nichts anzubieten hat, nicht erlaubt werden, so viel zu zerstören."

Der protestantische Politiker Basil McCrea, der ebenfalls dem Gremium angehört, erklärte, er habe keine Zweifel daran, dass die IRA-Splittergruppe, die sich zu dem Anschlag auf die beiden Soldaten bekannt hat, auch hinter dem Überfall auf den Polizisten steckt. Er habe zwar erwartet, dass die Gruppe "Wahre IRA" wieder zuschlagen wird, "wir haben aber nicht gedacht, dass es so bald sein wird". Die Wahre IRA hat die Waffenruhe der IRA nie akzeptiert. Die 1997 gegründete Gruppe kämpft gewaltsam für ein Ende der britischen Herrschaft und ein vereinigtes Irland. Sie zeichnete verantwortlich für den blutigsten Terroranschlag in Nordirland überhaupt. Dabei kamen im August 1998 in Omagh 29 Menschen ums Leben, überwiegend Frauen und Kinder.

Am Samstag waren beim schwersten Anschlag seit dem Friedensabkommen für Nordirland von 1998 zwei Soldaten getötet worden. Sie waren vor dem Tor ihrer Kaserne bei Antrim aus einem Auto heraus erschossen worden, als sie eine Pizzalieferung in Empfang nahmen. Zu dem Anschlag bekannte sich die "Wahre IRA".

Sicherheitsexperten zweifelten die Fähigkeit der auf etwa 100 Aktivisten geschätzten Gruppe an, eine große Gewaltwelle zu starten. Es wurden jedoch Befürchtungen laut, dass der Anschlag gewaltsame Reaktionen pro-britischer, protestantischer Gruppen hervorrufen könnte. So kursierten in der protestantischen Gemeinde Lisburn Flugblätter, auf denen zum neuerlichen Kampf gegen die pro-irischen Katholiken aufgerufen wurde.

Reuters/AP / AP / Reuters