Neuer EU-Ratspräsident Herman Van Rompuy - der Dichter


Politik sei nicht der wichtigste Teil in seinem Leben, sagt er und ergattert doch einen Topjob nach dem anderen. Herman Van Rompuys jüngste Blitzkarriere beweist, dass es auch ein Dichter weit bringen kann in der Politik.
Von Claus Hecking

Schon seine Homepage war immer anders als die anderer Politiker. Keine Parteilogos, keine Familienfotos - ein kahles Bleistiftporträt war das einzige optische Element auf Herman Van Rompuys privater Website. Und statt die üblichen Wahlkampfparolen zu verbreiten, sinnierte Belgiens designierter Regierungschef in seinem Blog ganz und gar nicht publikumswirksam über Einsamkeit, Pessimismus und Tod.

"Politik ist nur einer von mehreren Teilen meines Lebens", behauptete der Universitätsdozent für Wirtschaft, Philosoph und Hobbydichter noch im Sommer 2008. Und die Wähler haben es ihm aufs Wort geglaubt. Denn nach der ganz großen Macht hat der 62-jährige Christdemokrat nie gegriffen. Jetzt scheint sie ihm nur so zuzufliegen: Zum Jahreswechsel 2008/2009 wurde er belgischer Premierminister, weil es keinen anderen Kandidaten gab. Und jetzt offenbar der erste ständige EU-Ratspräsident.

Karrierebefehl vom König

Schon 1994 hatte Van Rompuy einmal die Chance, Belgiens Regierungschef zu werden. Er schlug sie aus. Als der Flame 2007 wieder als Premier gehandelt wurde, sagte er: "Ich mag diese Lebensweise nicht, die sehr chaotisch und mit einer sehr hohen Verantwortung verbunden ist." Und noch wenige Tage vor seiner Ernennung zum obersten Belgier lehnte Van Rompuy entschieden das Angebot seines Vorgängers Yves Leterme ab, für ihn einzuspringen.

Erst auf Intervention von König Albert II. persönlich ließ sich der tiefgläubige Katholik doch noch breitschlagen. Und er machte seine Sache gut: Van Rompuy hat den erbitterten Streit zwischen Flamen und Wallonen zwar nicht gelöst - aber zumindest für einen vorübergehenden Waffenstillstand gesorgt.

Kompromisse zu schaffen, das ist seine Stärke. Bei neun belgischen Kabinettsbildungen in den vergangenen drei Jahrzehnten war er Unterhändler. Und diese Qualitäten wird er auch in seinem mutmaßlichen neuen Amt brauchen. Dann muss er gleich zwischen 27 Staaten vermitteln. Und alle haben eigene Interessen. Nun steht er van Rompuy in der allerersten Reihe. Für Hobbys wie die Poesie wird ihm da nur noch wenig Zeit bleiben. "Das letzte Blatt fällt. / Kahle Pfosten stehen heraus. / Der Winter bricht heran", schreibt er in seinem bislang letzten veröffentlichten Gedicht. Van Rompuys politische Karriere erlebt gerade ihren zweiten Frühling. Und was für einen.

FTD

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