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Obama-Vereidigung: Eine Stadt vor dem Kollaps

Anderthalb Millionen? Zwei, drei Millionen? Niemand in Washington weiß, wie viele Menschen zur Vereidigung von Barack Obama kommen werden. Sicher ist: Wer mit dem Auto fährt, kriegt keinen Parkplatz. Wer trotzdem irgendwie reinkommt, kriegt kein Zimmer mehr - die Stadt steht vor dem Kollaps.

Von Nana Gerritzen, Washington D.C.

Auf Kaffeebechern, Tellern, Armbanduhren, auf Ansteckern, Postern, T-Shirts, auf Handtüchern und Kissen, Baseballmützen, Sektflaschen, Mousepads, Schnapsgläsern, Füllfederhaltern, Münzen und sogar auf Golfbällen - Obamas Gesicht ist in Washington derzeit allgegenwärtig. In Endlosschleifen wird im Obama-Souvenirshop auf einem Fernseher die Siegesrede des künftigen US-Präsidenten vom 4. November vergangenen Jahres gezeigt.

Hinter einer originalgetreuen Replik des Schreibtisches aus dem Oval Office lassen sich Besucher neben einem Obama-Pappaufsteller fotografieren. An der Kasse gibt es Schokoladen-Obamas und ausschneidbare Papierpuppen von Barack sowie seiner Frau Michelle und den beiden Töchtern Malia und Sasha. "Am Besten verkaufen sich aber die Anstecker und die Wackel-Obamas", sagt Jim Warlick, dem der Laden gehört. Sein Geschäft zieht täglich Tausende Touristen an - und das nicht nur, weil es direkt beim Weißen Haus um die Ecke liegt. "Die Leute lieben Obama", so Warlick. "Er ist der Rockstar der Politik!" Und in nicht einmal einer Woche rockt er die ganze Stadt.

Um 12 Uhr geht's los

Am 20. Januar, um 12 Uhr mittags Ortszeit wird Barack Obama seinen Eid ablegen und anschließend erster schwarzer Präsident der Vereinigten Staaten sein. Entlang der Pennsylvania Avenue zwischen dem Weißen Haus und dem Capitol, auf der die Parade zur Vereidigung Obamas stattfinden soll, und in allen angrenzenden Straßen, hängen schon jetzt US-Flaggen und Festtagsbanner. An hohen Masten sind Lautsprecher befestigt und die National Mall wird von einer ganzen Armee von Dixi-Klos gesäumt. "5000 sind es insgesamt", sagt ein Arbeiter, während er gerade eine weitere mobile Toilette vom Laster hievt. Klingt nach einer Menge, doch zum Amtsantritt kommen auch eine Menge Menschen nach Washington. Die Behörden rechnen mit mindestens 1,5 Millionen, möglicherweise aber werden es aber auch mehr als drei Millionen. Bislang war die Vereidigungsfeier von Präsident Lyndon B. Johnson die bestbesuchte. 1965 kamen rund 1,2 Millionen Menschen.

Natürlich wird auch das Capitol herausgeputzt. Hier, auf den Stufen zum Sitz des US-Kongresses, wird Obama seinen Eid ablegen und seine Amtsantrittsrede halten. Jugendarbeiter Steven Spencer steht vor dem Absperrgitter und schaut sehnsüchtig auf die Stuhlreihen vor dem Rednerpult. "So einen Sitzplatz kann man nur bekommen, wenn man einen da drin kennt", sagt er und zeigt auf das Capitol. Spencer ist nach der Arbeit extra hierher gekommen, um zu überlegen, wo er nächste Woche stehen könnte, um auch ohne Sitzplatz einen Blick auf den neuen Präsidenten zu erhaschen. "Manche wollen sogar hier campen, um sich einen guten Platz zu sichern", erzählt er. Das will er nicht tun. Nicht einmal für Obama.

Spencer ist ein echter Washingtonian

Steven Spencer ist ein echter Washingtonian, hier geboren und aufgewachsen. Und wie deutlich mehr als die Hälfte der Einwohner ist auch er schwarz. Trotzdem spielt Obamas Hautfarbe für ihn keine Rolle, wie er sagt. "Von mir aus könnte er auch lila, grün oder blau sein." Wichtiger sei ihm die soziale Herkunft des Präsidenten in spe. Er deutet aufs Capitol und sagt: "Die meisten da drinnen kommen aus privilegierten Elternhäusern, Familien, die seit Generationen sehr wohlhabend sind", Obama hingegen habe sich von sehr weit unten hochgearbeitet. "Er hat gezeigt, dass man mit harter Arbeit alles erreichen kann, sogar Präsident werden", so Spencer. "Das ist der wahre amerikanische Traum."

Zum Albtraum dagegen könnte die Vereidigungszeremonie nebst Parade und rund 100 Bällen für die Besucher werden. Wer jetzt noch ein Zimmer für die Tage der Inauguration sucht, muss sehr tief in die Tasche greifen: Die wenigen verbleibenden Hotelbetten werden zu Spitzenpreisen von 800 Dollar, umgerechnet 600 Euro, pro Nacht vermietet. Bei Ebay bieten Privatanbieter sogar Zimmer für rund 1000 Dollar (750 Euro) an. Auf einer eigens eingerichteten Immobilienseite finden sich auch 3-Zimmer-Hinterhof-Hütten für 2500 Dollar.

Wohin mit all den Menschen?

Die Situation auf den Straßen und Plätzen der Hauptstadt wird sicher nicht entspannter. Martin Fenty, Bürgermeister von Washington D.C., sagte jüngst, entlang der Paraderoute könnten maximal 300.000 Menschen stehen, aber nicht mehrere Millionen. Wenn die Straßen voll seien, würden die Besucher weggeschickt und müssten sich mit einem Platz an der National Mall begnügen. Dort sollen die Ereignisse auf 20 Riesenbildschirmen übertragen werden.

Aus Sicherheitsgründen und um ein Verkehrschaos zu vermeiden, werden am Dienstag, den 20., viele Straßen und Brücken in und um Washington für den offiziellen Verkehr gesperrt. Und selbst wenn einzelne Autos es in die Stadt schaffen sollten, gleiche es einem Lottogewinn, einen Parkplatz zu finden, sagt John D. Porcari, Verkehrsminister des Nachbarstaates Maryland. Die zuständigen Behörden raten zur Anreise mit öffentlichen Verkehrsmitteln, gehen jedoch davon aus, dass auch die U-Bahnen trotz ganztägigem Rush-Hour-Einsatz überfüllt sein werden.

Wer es mit der Metro doch irgendwie zur Vereidung schafft, kann sich wenigstens über ein kostenloses Souvenir freuen: Schon seit Anfang des Jahres sind alle U-Bahn-Tickets in der US-Hauptstadt mit einem breit grinsenden Obama und der Aufschrift "Zur Feier der Amtseinführung von Barack Obama - 44. Präsident der Vereinigten Staaten" bedruckt.

Natürlich werden die rund 30 Mitarbeiter im Obama-Souvenirshop am Weißen Haus hautnah dabei sein, wenn Obama die Vereidigungsformel spricht. Gezwungenermaßen. "Wir können hier ohnehin nicht raus, auf der Straße vor unserer Tür werden die Menschenmassen vorbeiziehen", sagt Betreiber Jim Warwick grinsend. Er freue sich auf die Inauguration, dabei gehe ihm weniger darum, wofür Obama politisch stehe, denn das könne er jetzt noch gar nicht beurteilen. Aber der künftige Präsident sei in der ganzen Welt ein Symbol der Hoffnung und des Wandels. "Das ist es, was Amerika gerade dringend braucht", so Warlick. "Ein bisschen gute PR."