Obamas Dialog-Angebot Taliban wollen Macht, keinen Krieg


Barack Obama wandelt auf den Spuren von Kurt Beck: Wie der ehemalige SPD-Chef will auch er Gespräche mit den gemäßigten Taliban in Afghanistan. Auch wenn die das Ersuchen brüsk ablehnen, dürften sie nicht unglücklich über die US-Charmeoffensive sein. Doch das eigentliche Problem des neuen Präsidenten dürfte ein anderes sein.
Von Christoph Reuter, Kabul

Die Reaktionen aus Afghanistan auf die Empfehlung Barack Obamas, Verhandlungen mit gemäßigten Taliban zu führen, waren gespalten: Präsident Hamid Karzai fand freundliche Worte für den Vorschlag und begrüßte ihn. Einer der Taliban-Sprecher wurde mit brüsker Ablehnung zitiert: Alle ausländischen Truppen, die Amerikaner allen voran, müssten abziehen, da gebe es nichts zu verhandeln.

Das Kuriose ist: In Wirklichkeit dürften die Befindlichkeiten exakt umgekehrt liegen und Hamid Karzai alles andere als glücklich sein, dass die neue US-Regierung ihn schrittweise überflüssig machen möchte. Als treuer Vasall Washingtons war er unverzichtbar gewesen im erklärten Krieg gegen die Taliban. Im Windschatten seines Monopols konnten seine Brüder Abermillionen mit Staatsaufträgen verdienen, Staatsland konfiszieren, den Heroinhandel in Südafghanistan kontrollieren und Gouverneure nach Belieben absetzen lassen, ohne je dafür belangt zu werden. Karzai hatte - noch während der Amtszeit Bush - Verhandlungen mit den Taliban angekündigt. Das hatte dieser jedoch abgelehnt. Wenn aber Obama sie vorschlägt, sind sie ein Signal an Karzai, dass die Tage gezählt sind, seine Präsidentschaft als Blankovollmacht zur Steigerung des Familienvermögens zu betrachten.

Umgekehrt dürften die afghanischen Taliban allzu unglücklich mit Obamas Charmeoffensive nicht sein. Es ist die Ignoranz und missionarische Verblendung der letzten US-Regierung gewesen, Ziele und Ideologie der Taliban und der al Kaida gleichzusetzen - weil Osama bin Laden unter den Taliban in Afghanistan geduldet war. Dabei ist kein Talib bis zum Ende ihres Regimes je an einem Anschlag von al Kaida beteiligt gewesen. Ihnen ging und geht es um die Macht in Afghanistan, nicht um Attacken in Ländern, die die meisten ihrer Anhänger nicht mal auf einer Landkarte finden würden.

Die Taliban militärisch zu vernichten, hat bislang nicht funktioniert und wird auch in Zukunft nicht funktionieren, das haben von der CIA bis zum Ex-Kommandeur der britischen Eliteeinheit SAS mittlerweile alle begriffen. Nun auch Barack Obama. Auf die Frage nach der Besiegbarkeit der Taliban hatte er nur ein knappes "Nein" übrig. Andererseits haben auch die Taliban das Problem, dass ihnen auf ihrem langen Marsch in Flipflops langsam die eigene Anhängerschaft abhanden kommt. Viele Afghanen in den Kampfgebieten Süd- und Ostafghanistans sind der Bombardements und Razzien müde. Sie wollen keine US-Soldaten in ihrer Nachbarschaft, aber sie wollen auch keine Taliban, die aus dem Schutz ihrer Dörfer heraus diese US-Soldaten angreifen. Und große Siege in offener Feldschlacht können die Taliban nicht erringen.

Der Winkelzug der Taliban, Obamas Vorstoß erst einmal abzulehnen und den Abzug aller ausländischen Truppen zu fordern, erhöht den Preis - getreu dem Diktum des einstigen israelischen Premiers Itzhak Rabin, dass man Frieden schließlich nicht mit Freunden, sondern mit Feinden schließe. Auch, dass die Taliban - entgegen allen Ankündigungen - nicht den Prozess der Wahlregistrierung mit Anschlägen behindern, signalisiert Flexibilität. Sie lassen sich sogar selber in großer Zahl registrieren.

Das Problem des neuen amerikanischen Präsidenten könnte ein anderes sein. Er will, wie im Irak, mehr Soldaten ins Land schicken. Doch das dürfte in Afghanistan nicht funktionieren. Gerade wurden 17.000 zusätzliche Soldaten nach Afghanistan geschickt. Doch am Hindukusch hat deren Präsenz, vor allem deren Art der Kriegführung, inklusiver regelmäßiger Bombardements der Falschen, bislang stets für eine Ausweitung der Kampfzone gesorgt.

Allein am Südrand von Kabul sollen die Taliban 3000 Kämpfer zusammengezogen haben, die auf die Ankunft der neuen Truppen und ein umkämpftes Frühjahr warten. Sollten die US-Truppen, die künftig auch den Kurs des Nato-Einsatzes weitgehend allein bestimmen werden, weiterhin auf Sieg und Unterwerfung setzen, dürfte dies den erklärten Zielen ihres eigenen Oberbefehlshabers zuwiderlaufen.

Die Forderung ist so neu nicht

Die Forderung, mit gemäßigten afghanischen Taliban zu verhandeln, ist übrigens so neu nicht: Schon vor zwei Jahren hatte der damalige SPD-Chef Kurt Beck das gleiche gefordert. Und im Januar dieses Jahres der deutsche Vier-Sterne-General Egon Ramms, für den Isaf-Einsatz zuständiger Nato-Befehlshaber, im stern-Interview. Mit dem Ergebnis, dass Nato-Oberbefehlshaber und US-General John Craddock seine Absetzung forderte. Ramms blieb - und Craddocks oberster Befehlshaber will nun das Gleiche: verhandeln.


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