Panamericana Ein Zentrum gegen die Folter


Vor 25 Jahren endete die Militärdiktatur in Argentinien. Nun soll eines der grausigsten Folterzentren jener Jahre unter der Schirmherrschaft der Unesco zu einem internationalen Forschungs- und Ausbildungszentrum für Menschenrechte werden. Arbeit für so ein Institut gibt es genug.
Von Toni Keppeler

Die "Escuela Superior de Mecánica de la Armada", kurz ESMA genannt, liegt an der Avenida del Libertador, einer der großen Ausfallstraßen von Buenos Aires. Auf Deutsch gesagt war die ESMA die Offiziersakademie der argentinischen Marine. Achtspurig donnert der Verkehr am neoklassizistischen Eingangsgebäude des 17 Hektar großen Militärparks vorbei. Während der letzten Militärdiktatur, in den Jahren zwischen 1976 und 1983, wurden rund 5000 politische Gefangene in diesen Park geschleppt. Kaum einer von ihnen kam wieder lebendig heraus. Das Folterzentrum war im Offizierscasino. Dort wurden die Gefangenen gequält. Oft überwachte ein Arzt die Tortur, um einen zu frühen Tod der Häftlinge zu verhindern. Ab und zu saß auch ein Priester dabei. Nicht etwa, um den Gemarterten Beistand zu leisten. Er sollte ihnen die Geheimnisse entlocken, die sie den Folterknechten trotz unmenschlicher Schmerzen nicht verraten wollten.

Hatte man aus den Häftlingen alles Wissenswerte herausgeholt, wurden viele erschossen und eingeäschert. Andere packte man in Hubschrauber und warf sie gefesselt und bei lebendigem Leib über der Mündung des Rio de la Plata ins Wasser. Schwangere Frauen ließ man länger leben. So lange, bis sie ihr Kind zur Welt gebracht hatten. Die Neugeborenen wurden an kinderlose Offizierspaare verschenkt, die Mütter brachte man um. Von den Gefangenen, die den Folterkeller des Offizierscasinos kennenlernen mussten, haben nicht einmal zehn Prozent überlebt.

Nur wenige hielten die Erinnerung wach

Nach dem Ende der Militärdiktatur wurde der Folterkeller geschlossen, der Rest des Geländes von der Marine weiter genutzt, als wäre dort nichts geschehen. Zwar kamen die Generäle kurz ins Gefängnis, wurden dann aber schnell begnadigt. Das Parlament verabschiedete Amnestiegesetze, die Schlächter konnten sich sicher fühlen. Schämen tat sich keiner. Nur wenige hielten die Erinnerung wach. Die Mütter der Plaza de Mayo etwa, die seit über dreißig Jahren jeden Donnerstag vor dem Präsidentenpalast Aufklärung über das Schicksal ihrer verschwundenen Kinder und Enkel fordern. Die offizielle Politik aber wollte vergessen. Das Argument dafür ist immer dasselbe: Wer an der Vergangenheit rühre, reiße alte Wunden wieder auf. Als ob diese Wunden ohne Gerechtigkeit jemals würden heilen können.

Es scheint so, als müsse eine Generation vergehen, bis sich ein Volk aus eigenen Stücken den Verbrechen seiner Vergangenheit stellt. In Deutschland war es so nach dem Faschismus, in Frankreich nach dem Algerienkrieg. In Chile war es erst möglich, den ehemaligen Diktator Augusto Pinochet aus dem Senat zu jagen und vor Gericht zu stellen, als der Sozialist Ricardo Lagos, selbst ein Verfolgter der Diktatur, 27 Jahre nach dem Putsch zum Präsidenten des Landes gewählt wurde. In Argentinien war es Präsident Nestor Kirchner, der die Amnestiegesetze aufheben, die Generäle vor Gericht stellen und die Folterknechte von einst weltweit verfolgen ließ. 2004 öffnete er die ESMA für die Bevölkerung und richtete eine kleine Gedenkstätte ein. Jetzt wird auf dem gesamten Gelände unter der Schirmherrschaft der Weltkulturorganisation Unesco eine Akademie für Menschenrechte entstehen. Das Geld dafür kommt vom argentinischen Staat.

Niemand wurde dafür vor Gericht gestellt

Vom kommenden Frühjahr an wird sich das Zentrum laut Statut um die "Vertiefung der Demokratie, der Menschenrechte und der Werte des Lebens, der Freiheit und der Würde des Menschen" widmen. Es sollen Studien angefertigt werden über das Verschwindenlassen von Menschen, über Folter und staatlichen Massenmord. Eine Generation nach dem Ende der Schreckensherrschaft in Argentinien hat das Land ausgewiesene Experten für solche Themen. Zum Beispiel Luis Moreno Ocampo, den Chefankläger des Internationalen Strafgerichtshofs in Den Haag. Der hat schon als junger Staatsanwalt Generäle auf die Anklagebank gebracht und später als Lateinamerika-Präsident der Anti-Korruptions-Organisation Transparency International korrupten Staatschefs auf die Finger geschaut. Derzeit verfolgt er als Chefankläger in Den Haag Omar al-Baschir, den Präsidenten des Sudan, wegen Völkermord und Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

Auch in Lateinamerika gibt es durchaus den einen oder anderen frei herumlaufenden Schlächter, den Moreno Ocampo liebend gerne vor den Kadi zerren würde. Allein, es sind ihm die Hände gebunden. Der am 1. Juli 2002 eingerichtete internationale Strafgerichtshof darf nur Verbrechen verfolgen, die nach diesem Datum begangen wurden. So muss der anerkannte Völkermörder Efrain Ríos Montt, der in den achtziger Jahren zehntausende von Maya-Indianern abschlachten ließ, Moreno Ocampo nicht fürchten und ist in seiner Heimat bis heute ein einflussreicher Politiker. Zu der Zeit, da er in Guatemala wütete, wurde das benachbarte El Salvador von Todesschwadronen in ein Blutbad getaucht. Zehntausende wurden ermordet, 8.000 Menschen sind spurlos verschwunden. Niemand wurde dafür vor Gericht gestellt. Die Verbrecher werden von Amnestiegesetzen geschützt. Und bis heute regiert dort eine Partei, die vom Chef dieser Mörderbanden gegründet wurde.

Das Institut, das nun in der ESMA entsteht, kann kein Ersatz für einen Richter sein. Aber es kann diese massenhaften Verbrechen erforschen, dokumentieren, öffentlich machen und anprangern. Wenn die neuen Nutzer des ehemaligen Folterzentrums mithelfen, dass andere Völker nicht auch eine Generation verstreichen lassen, bis sie sich ihrer dunklen Geschichte stellen, dann wäre das eine würdige Art des Gedenkens.


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