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Papst spricht vor EU-Parlament: Franziskus fordert mehr Hilfe für Flüchtlinge

Der Papst auf Kurzbesuch in Straßburg. Bei seiner Rede vor dem EU-Parlament forderte Franziskus eine Rückbesinnung auf die Werte Europas. Es müsse wieder "menschlicher" zugehen.

Papst Franziskus wird von EU-Parlaments-Präsident Martin Schulz (r.) in Straßburg empfangen

Papst Franziskus wird von EU-Parlaments-Präsident Martin Schulz (r.) in Straßburg empfangen

Papst Franziskus hat vor dem Europaparlament zur Rückbesinnung auf die Werte der Europäischen Union aufgerufen, zur Achtung der Menschenwürde und zur Solidarität mit den Armen. Viele Menschen seien heute in Europa einsam, etwa Alte, Arme, Jugendliche ohne Zukunftschancen oder auch Einwanderer, sagte das Oberhaupt der katholischen Kirche am Dienstag im voll besetzten Plenarsaal des Europaparlaments. Diese Einsamkeit sei durch die Wirtschaftskrise noch verschärft worden.

Der Mensch müsse wieder in den Mittelpunkt der politischen Debatte gestellt werden, bei der heute technische und wirtschaftliche Fragen vorherrschten, mahnte der 77-Jährige. Ansonsten sei er in Gefahr, zu einem "bloßen Räderwerk in einem Mechanismus herabgewürdigt zu werden". Dadurch werde er wie ein Konsumgut behandelt, das "ohne viel Bedenken" ausgesondert werde, wenn es diesem Mechanismus nicht mehr zweckdienlich sei.

Papst kritisiert "Wegwerf-Kultur"

Dies sei heute oft zu beobachten, etwa im Falle von Kranken im Endstadium, von verlassenen Alten oder von Kindern, die abgetrieben würden, betonte Franziskus in Anspielung auf Sterbehilfe. Diese Tendenz sei das Ergebnis der "Wegwerf-Kultur und des hemmungslosen Konsumismus", kritisierte der aus Argentinien stammende Papst.

Nun sei es an der Zeit, ein Europa aufzubauen, das sich nicht nur um die Wirtschaft drehe, sagte der Papst. Notwendig sei ein Europa, das die "Heiligkeit der menschlichen Person" in den Mittelpunkt stelle. Der Moment sei gekommen, den Gedanken eines "verängstigten und in sich selbst gekrümmten Europas" fallen zu lassen. Heute biete sich oft der Blick eines "gealterten und erdrückten Europas", das von seinen Bürgern "nüchtern, misstrauisch und manchmal sogar argwöhnisch" betrachtet werde.

Mittelmeer gürfe kein großer Friedhof werden

Als wichtige Zukunftsaufgabe nannte der Papst den Schutz der Umwelt. Die Menschen dürften die Erde nicht beherrschen, sie müssten sie vielmehr hüten und für das Gute nutzen, etwa für die Ernährung. Außerdem rief Franziskus mit Blick auf die hohe Arbeitslosigkeit in der EU zur Schaffung neuer Arbeitsplätze auf. Notwendig seien "neue Methoden", welche die Flexibilität des Marktes mit Sicherheit der Arbeitsplätze verbänden.

Erneut appellierte der Papst an die EU-Staaten, gemeinsam das Migrationsproblem anzugehen. Sie dürften nicht länger hinnehmen, dass "das Mittelmeer zu einem großen Friedhof wird". Auf den Kähnen, die täglich an den europäischen Küsten landeten, seien "Männer und Frauen, die Aufnahme und Hilfe brauchen". Die EU-Staaten müssten sich angesichts dieser Situation gegenseitig unterstützen anstatt Lösungen anzuregen, welche die Menschenwürde der Einwanderer verletzten und Sklavenarbeit sowie soziale Spannungen förderten.

Migration: "mutige Maßnahmen" notwendig

Die EU könne die mit der Einwanderung verbundenen Probleme nur mit Gesetzen bewältigen, welche die Rechte der europäischen Bürger schützen und zugleich eine Aufnahme der Migranten garantieren, betonte Franziskus. Dazu seien "korrekte, mutige und konkrete politische Maßnahmen" notwendig, sagte Franziskus vor den Abgeordneten, die ihm zum Abschluss seiner Rede minutenlang Applaus spendeten.

Nach dem Europaparlament will der Papst noch den Europarat besuchen, in dem 47 Länder aus Ost- und Westeuropa vertreten sind. Am frühen Nachmittag ist der Rückflug nach Rom geplant.

Franziskus wurde im März 2013 als erster südamerikanischer Papst und erster Jesuit in sein Amt berufen. Es ist das zweite Mal, dass ein Oberhaupt der katholischen Kirche die europäischen Institutionen in Straßburg besucht. Als erster Papst hatte Johannes Paul II. im Oktober 1988 vor dem Europaparlament gesprochen. Der gebürtige Pole plädierte damals - ein Jahr vor dem Fall der Berliner Mauer - für ein geeintes und nach Osten hin geöffnetes Europa.

lie/DPA / DPA