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Schlag 12 - der Mittagskommentar aus Berlin: Auf die Straße - gegen Pegida!

Wieder haben in Dresden und anderswo Tausende gegen Islam, Multi-Kulti und "Lügenpresse" demonstriert. Wer Deutschland wirklich liebt, sollte sich dem entgegenstellen.

Ein Kommentar von Tilmann Gerwien

Texte und Noten der Weihnachtslieder mussten vorher im Internet recherchiert werden

Texte und Noten der Weihnachtslieder mussten vorher im Internet recherchiert werden

Ja, die abendländische Kultur - sie ist und bleibt ein schwierig Ding. Vor allem für jene, die sich selbst zu Verteidigern ebendieser Kultur ernannt haben. In Dresden wollten die "Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes" ("Pegida") am Montag vor der Semperoper Weihnachtslieder zum Vortrag bringen. Doch ein wirklicher Massenchor kam nicht so richtig zustande.

Lag es wirklich am Wind, der in Böen über den Platz zog - oder nicht vielleicht doch eher an mangelnder Textsicherheit? Immerhin mussten Texte und Noten vorher per Internet an die Teilnehmer verbreitet werden, was darauf hindeutet, das viele "Pegida"-Anhänger schon lange keine Weihnachtslieder mehr gesungen haben. Sie könnten ja vielleicht hilfsweise an Einbürgerungskursen teilnehmen, in den ihnen unsere Kultur vermittelt wird. Zusammen mit jenen Zuwanderern, die sie am liebsten sofort wieder über die deutschen Grenzen verfrachten würden.

"Stille Nacht", "Alle Jahre wieder" und "O du fröhliche" auf einer Demo gegen die angebliche Überfremdung unserer Kultur durch unkontrollierte Zuwanderung, die Weihnachtsbotschaft, die vielleicht die größte Botschaft ist, die je zur Menschheit gekommen ist, zum Vortrag gebracht von deutschtümelnden Kleinspießern, ausgerechnet vor der Semperoper zu Dresden - das ist eine beispiellose Obszönität. Das ist ein ekelerregendes Schauspiel. Das darf sich Deutschland, das dürfen sich die wahren Patrioten in diesem Land nicht gefallen lassen.

Immerhin 4000 Gegendemonstranten

Die Republik erlebt eine neue Form des sozialen Protests. Mit Fahnen und Laternen in Schwarz-Rot-Gold: gegen die "Islamisierung" und "Asylschwindler", aber auch gegen die "Kriegstreiber der Nato", gegen "Bevormundung" und "Staatspropaganda" durch die "Lügenpresse". Mit ein paar Hundert Pegida-Demonstranten fing es im Oktober in Dresden an. Am Montag, beim Versuch, Weihnachtslieder zu singen, waren es schon 17.500. Immerhin marschierten auch 4000 Gegendemonstranten auf. In vielen anderen deutschen Städten, wo "Pegida"-Ableger ebenfalls zu Kundgebungen aufgerufen hatten, brachten die Gegner sogar mehr Menschen auf die Straße als die angeblichen Verteidiger des Abendlandes.

Das ist gut so.

Denn was Patriotismus ist, wie unser Land aussehen soll, wer hier leben darf und wer nicht, das darf nicht von den Dauerfrustrierten der "Pegida" entschieden werden. Und auch nicht von einem Lutz Bachmann, dem Mann an der Spitze der "Pegida"-Bewegung, der es auf so viele Straftaten gebracht hat, dass eine Ausweisung allemal gerechtfertigt wäre, würde man seine eigenen Maßstäbe anlegen.

Spießig und vermieft wie die untergegangene DDR

Gegen das "System", gegen Politiker, die selbstgefällig jeden Protest nach Hause schicken wollen, gegen Volksvertreter, die jede Diskussion, sei es über den Euro oder den Islam in Deutschland mit moralischen Totschlagargumenten abwürgen wollen, darf und soll man auf die Straße gehen. Aber "Pegida" will etwas anderes. "Pegida" will ein anderes Land. Spießig und vermieft wie die untergegangene DDR. Engherzig, unbarmherzig, gnadenlos - gegen Menschen, die anders aussehen, anders denken, anders lieben, anders essen. Auch gegen Menschen, die unsere Hilfe brauchen, oder aber: einfach nur mit uns zusammenleben wollen, weil sie es in Deutschland schöner finden als anderswo. Was ja für sich genommen wohl noch kein Verbrechen ist, oder? Sondern doch eigentlich ein riesengroßes Kompliment für unser Vaterland.

Zuwanderung ist anstrengend, Zuwanderung nervt. Aber Zuwanderung ist auch ein großes Glück. Jeder, der mal in der deutschen Provinz unterwegs war und die Ödnis der Kleinstädte kennt, samt ihrer Eckkneipen, in denen die Deutschen unter sich sind, jeder, der mal die Erleichterung verspürt hat, dass er auch noch um Mitternacht beim Döner-Mann an der Ecke einen Tee bekommt und ein paar Minuten Geplauder über die Welt, die Frauen, die Sehnsucht nach der fernen Heimat, jeder, der das erlebt hat, ist für "Pegida" und deren beknackte Parolen verloren.

Und jeder, der das erlebt hat, könnte beim nächsten Mal auf die Straße gehen - gegen Pegida. Was wäre das für ein Aufmarsch! Es wäre der Aufmarsch der wahren Patrioten.

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