Rede von Barack Obama Danke, Mr. President!


Es war ein diplomatischer Drahtseilakt, der ihm scheinbar ohne große Mühen gelungen ist. US-Präsident Barack Obama gab sich in seiner Grundsatzrede an die rund 1,5 Milliarden Muslime respektvoll, weltmännisch und schuldbewusst. Vor allem aber war es ein historischer Brückenschlag, der in der muslimischen Welt enormen Eindruck hinterlassen wird.
Von Steffen Gassel, Kairo

"Ich halte es für einen Teil meiner Pflichten als Präsident der Vereinigten Staaten, gegen negative Stereotype des Islam zu kämpfen, wo auch immer sie auftreten." Was für ein selbstverständlicher Satz. Und doch: Was für ein epochales Bekenntnis!

Obamas Rede war ein Meilenstein

Barack Obamas Rede unter der Kuppel der Kairoer Universität mag arm an konkreten Vorschlägen zur Lösung des Nahost-Konflikts gewesen sein. Manche mögen darin politische Zusagen vermisst haben, die über die bisher gemachten hinausgehen. Den US-Präsidenten dafür zu kritisieren wäre aber kleinkariert. Denn die Kairoer Rede war ein Meilenstein auf einer viel grundlegenderen Ebene: Der mächtigste Mann der Welt hat 1,5 Milliarden Muslimen auf der Welt erklärt, dass er sie als gleichwertige Mitmenschen achtet und dass er bereit ist, für ihre Menschenrechte einzutreten.

Für westliche Ohren mag das wie banales Gerede klingen. Und wohlfeil ist das Argument, dass Worten Taten folgen müssen. Doch in Ländern, deren Bürger sich seit Generationen wie Menschen zweiter Klasse behandelt fühlen - von den eigenen Regierungen wie vom Westen - sind solche Worte eine erlösende und seit langem überfällige Genugtuung. Nichts hat das Verhältnis zwischen dem Westen und der Islamische Welt mehr belastet, als die Zurschaustellung der eigenen Minderwertigkeit, die für Generationen von Muslimen zu einem alltäglichen Erlebnis geworden ist. Und kaum etwas hat der Überwindung der Kluft zwischen Orient und Okkzident so sehr im Weg gestanden, wie das Unvermögen und der Unwille des Westens, diese Dynamik der Erniedrigung zu verstehen und zu durchbrechen. Barack Obama hat genau das auf so eindrucksvolle Weise getan wie kein westlicher Staatsmann vor ihm.

Typisch Obama!

Ein paar Grußworte auf Arabisch. Ein Exkurs über Kompass, Algebra und Buchdrucktechnik. Ein historischer Brückenschlag zwischen einer islamischen Universität und den Grundlagen westlicher Wissenschaft: Eine so ausdrückliche Anerkennung von Wert und Würde ihrer Kultur aus dem Munde des mächtigsten Mannes der Welt wird vielen Muslimen viel bedeuten. Obama hat verstanden, dass für den Neuanfang, den er versprochen hat, solche Gesten mindestens so wichtig sind wie handfeste Zugeständnisse im Nahost-Konflikt oder der Truppenabzug aus dem Irak.

Bei alldem ist man fast schon geneigt zu sagen: typisch Obama. Diese Mischung aus Eloquenz und Ernsthaftigkeit, aus Einfühlungsvermögen und Souveränität, aus Natürlichkeit und Nuance, die seine Kairoer Rede ausgezeichnet hat - sie kommt einem schon fast wie eine selbstverständliche Fortsetzung des neuen Politikstils vor, der mit ähnlich eindrucksvollen Reden zur Rassenfrage in Amerika oder zum Verhältnis zwischen Europa und Amerika begonnen hat.

Da ist es - bei aller gerechtfertigten Kritik im Detail - ratsam, sich einmal ins Gedächtnis zu rufen, wie unvorstellbar ein solche Rede eines amerikanischen Präsidenten in einem muslimischen Land noch vor wenigen Monaten gewesen wäre. Und auch, wie jäh gerade die Auftritte deutscher Politiker im Nahen Osten, besonders in letzter Zeit, gegen diese mutigen, Ausgleich schaffenden Worte abfallen. Vielen im Nahen Osten ist all das auch nach gut 100 Tagen Barack Obama noch sehr schmerzlich bewusst. Schukran - danke, Mr. President.


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