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Referendum in der Türkei: Nur 16 Prozent in USA, aber 63 Prozent in Deutschland - so viele Türken sagten "Ja"

Mehr als 63 Prozent der in Deutschland registrierten türkischen Wahlberechtigten stimmten beim Referendum für "Ja" – in Großbritannien waren es nur 20 Prozent, in den USA sogar nur 16 Prozent. Das Wahlverhalten der Deutsch-Türken gibt Rätsel auf.

Mit türkischen Fahnen und lautstarkem Jubel feierten zahlreiche Türken in deutschen Städten

Mit türkischen Fahnen und lautstarkem Jubel feierten zahlreiche Türken in deutschen Städten

Fast zwei Drittel der in Deutschland registrierten türkischen Wahlberechtigten haben beim Referendum für "Ja" gestimmt. Mehr als 63 Prozent (63,07 Prozent oder 412.149 in absoluten Zahlen) stimmten für die Einführung des Präsidialsystems. Nur 36,93 Prozent (241.353) votierten nach dem vorläufigen Ergebnis der türkischen Wahlkommission dagegen. Die größte Zustimmung gab es dabei im Ruhrgebiet: Der höchste "Ja"-Anteil wurde nach einer Übersicht der türkischen Zeitung "Daily Sabah" mit 75,9 Prozent im Generalkonsulat Essen verzeichnet. Die meisten "Nein"-Stimmen kamen mit 49,9 Prozent im Generalkonsulat Berlin zusammen, wo das "Ja"-Lager dennoch mit 50,1 Prozent einen hauchdünnen Sieg davontrug.

Bemerkenswert: In manchen anderen Ländern gab es unter den Exil-Türken eine überwältigende Mehrheit für "Nein". In den USA etwa stimmten 83,8 Prozent gegen die Einführung des Präsidialsystems und nur 16,2 Prozent dafür. Noch größer war die Ablehnung in den Vereinigten Arabischen Emiraten (86,7 Prozent "Nein", 13,3 Prozent "Ja") und in Tschechien (87,5 Prozent "Nein", 12,5 Prozent "Ja"). Auch die in Großbritannien lebenden wahlberechtigten Türken entschieden sich mit 79,8 Prozent "Nein"-Stimmen klar gegen mehr Machtbefugnisse für Präsident Erdogan. Noch größer als hierzulande war die Zustimmung zum Präsidialsystem dagegen etwa in Belgien (75,0 Prozent "Ja") und Österreich (73,2 Prozent "Ja"). In allen genannten Ländern leben weit weniger Türken als in Deutschland. 

In Deutschland stößt dieses Wahlverhalten auf viel Unverständnis. Die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Aydan Özoguz (SPD), warnte aber vor pauschaler Kritik. Viele Deutsch-Türken seien gar nicht zur Wahl gegangen, sagte sie der "Saarbrücker Zeitung". Daher stehe nur eine Minderheit der türkischstämmigen Menschen in Deutschland hinter Erdogans Reform. Das Auftreten von Nationalisten unter Migranten sei darüber hinaus "keine Besonderheit der Deutsch-Türken, so wenig es uns gefallen kann".

Polarisierender Wahlkampf

Wahlberechtigt waren in Deutschland 1,43 Millionen Menschen. Tatsächlich war die Wahlbeteiligung hier mit nicht einmal 50 Prozent relativ gering. Auch hatte es im Vorfeld vereinzelt Berichte über Deutsch-Türken gegeben, die sich bewusst gegen eine Abstimmung entschieden hatten – um nicht mit ihrer Stimme über das Schicksal in einem Land zu entscheiden, in dem sie nicht leben. Gökay Sofuoglu, Vorsitzender der Türkischen Gemeinde in Deutschland, sagte zu den Ergebnissen, dass unter den in der Bundesrepublik lebenden Türken Wege gefunden werden müssten, "wie man diese Menschen besser erreicht, die in Deutschland in Freiheit leben, aber sich für die Menschen in der Türkei die Autokratie wünschen". Polarisierende Forderungen wie die Abschaffung der doppelten Staatsbürgerschaft seien aber "keine guten Ansätze", sagte er den Zeitungen "Heilbronner Stimme" und "Mannheimer Morgen".

Es war erwartet worden, dass der Wahlkampf unter Auslandstürken zu einer starken Mobilisierung führt. Erdogan hatte nach der Absage der Auftritte türkischer Minister Deutschland und den Niederlanden Nazi-Methoden vorgeworfen, was in Europa auf scharfe Kritik gestoßen war. Der türkischen Staatschef bezeichnete Europa zudem als "verrottenden Kontinent" und kündigte an, das Verhältnis nach dem Referendum auf den Prüfstand zu stellen.


car/AFP/DPA
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