Schweden Der Lindh-Mörder und die Nazi-Szene


Der mutmaßliche Mörder von Anna Lindh wurde identifiziert. Der Mann ist auf freiem Fuß und hatte Kontakt zur Nazi-Szene.

Knapp eine Woche nach der Ermordung der schwedischen Außenministerin Anna Lindh wissen die Fahnder seit Dienstag, nach wem sie suchen müssen. Die Meldung von der namentlichen Identifizierung des seit Tagen auf Videobildern zu sehenden Mannes mit grauem Sweatshirt und blauem Käppi war die in Schweden immer ungeduldiger erwartete Nachricht vom Durchbruch.

Nach der über mehrere Stunden herausgezögerten Bestätigung der Identifizierung vergingen nur wenige Minuten, ehe Medien wie die Nachrichtenagentur TT und "Aftonbladet" Einzelheiten über den Hintergrund des möglichen Täters melden konnten: Seit 1987 soll er 18 Vorstrafen angesammelt haben, darunter mehrfach wegen Gewalttaten, rechtswidriger Anwendung von Messern, Widerstand gegen die Staatsgewalt, Diebstahl, Hausfriedensbruch, Sachbeschädigung, Bedrohung von Beamten. Allerdings alles nur "kleinere Sachen", wie es hieß.

Gutachten spricht von Persönlichkeitsstörungen

Ein rechtpsychiatrisches Gutachten bescheinigte dem Mann Persönlichkeitsstörungen mit "narzisstischen Zügen". All das passte ebenso zu den von der Polizei von Beginn an vermuteten Merkmalen des Täters nach Aussagen von Augenzeugen. Auch dass er über längere Zeit keinen festen Wohnsitz hatte und häufig die Wohnung wechselte, ohne dort angemeldet zu sein, passte ins Bild.

Die Lage im Laufe des Dienstags

Nazi-Kontakte

Völlig neu allerdings waren Angaben der Zeitung "Aftonbladet", wonach der 35-Jährige mit führenden schwedischen Neonazis befreundet sein soll. Diese offiziell nicht bestätigte Angabe könnte dem Mordfall eine neue Wendung geben. Schwedische Neonazis haben seit den neunziger Jahren mehrfach brutale Gewalttaten bis hin zur kaltblütigen Hinrichtung schon entwaffneter Polizeibeamter nach einem Bankraub ausgeführt.

Wie eng allerdings die Verbindungen des 35-Jährigen zu diesen Gruppen wirklich waren oder sind, blieb völlig offen. Die Polizei hatte bei ihren Ermittlungen stets auch die Möglichkeit eines organisierten Anschlags auf die populäre sozialdemokratische Ministerin ausgeschlossen. Lindh ging völlig spontan mit einer Freundin in das NK-Kaufhaus, nachdem sie einen Termin für die Ja- Kampagne zum Euro-Referendum in letzter Minute abgesagt hatte. Sie wurde nach Fahnderangaben eindeutig nicht verfolgt.

Halfen Nazis bei der Flucht?

Für die Möglichkeiten des Täters zur Flucht aber könnten die rechtsextremistischen Verbindungen von größter Bedeutung sein. Sollte der Mann tatsächlich der Mörder sein, könnten ihm seine Neonazis- Freunde unter anderem mit ihren guten Kontakten nach Deutschland sehr wohl beim Abtauchen geholfen haben.

Bei aller Erleichterung über die Erfolgsmeldungen aus der Stockholmer Polizeizentrale warnten viele Schweden vor voreiligen Schlüssen. Auch nach der Ermordung des früheren Ministerpräsidenten Olof Palme präsentierten die Fahnder nach einigen Tagen einen damals 33-Jährigen als mutmaßlichen Täter. Er verschwand erst nach mehreren Wochen wieder aus den Ermittlungen, als seine Unschuld endgültig erwiesen war. 17 Jahre später ist der Palme-Mord immer noch nicht aufgeklärt.

Polizei schwankt zwischen Offenheit und Verschlußsache

Davon ist inzwischen nicht mehr die Rede. Fast flehentlich appellierte die Stockholmer Polizeichefin Carin Götblad Anfang der Woche an die Bevölkerung, den mehreren hundert Fahndern mit neuen Tipps zu helfen und sich dabei nur ja nicht auf Obdachlose oder andere soziale "Underdogs" zu beschränken. "Es ist wichtig, dass wir auf ganz breiter Basis suchen. Alle Beobachtungen über Personen, die etwas außerhalb stehen, sind von Interesse", lautete ihr wenig präziser Hilferuf. Zuvor räumte die Polizei ein, dass die Veröffentlichung der Videobilder weit weniger Hinweise gebracht hatte als erhofft.

Gerade ausbleibende Resulate an Hand dieser Bilder dürfte vielen Schweden das Gefühl genommen haben, dass der Lindh-Mörder schnell gefasst und überführt wird. Erst veröffentlichte die Einsatzleitung die Fotos nur im internen Polizeinetz, weil man Zeugen nicht beeinflussen wollte. Dann beschafften sich Zeitungen die Fotos, woraufhin die Fahnder das Material nach einigem Zögern freigaben. Aber nur mit unkenntlich gemachtem Gesicht. Einen Tag später war dann auch das ganze Konterfei des meistgesuchten Mannes in Schweden zu sehen, weil jetzt plötzlich der schnelle Fahndungserfolg als Ausschlag gebend eingestuft wurde.

Schnell fassen oder nie

"Entweder sie fassen ihn sehr schnell oder nie", hatte kurz nach dem Attentat der Kriminologe Jerzy Sanecki erklärt. Mit der zu Ende gehenden ersten Woche nimmt nun nicht nur der Zeitdruck für die Polizei massiv zu. Immer bedrohlicher hängt auch das Fahndungsdebakel nach dem Mord an Olof Palme als dunkle Wolke über ihnen. Nach zahllosen Pannen, Fehlern und Fehleinschätzungen der Polizei gerade in der ersten Phase nach dem Mord ist der Täter bis heute nicht überführt. Krimi-Autor Henning Mankell denkt wie viele seiner schwedischen Landlseute: "Am wichtigsten ist jetzt wirklich, dass wir nicht in dieselbe Lage geraten wie nach dem Mord an Palme."

Thomas Borchert DPA

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