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Flucht vor Paramilitärs: Wie zwei junge Kolumbianer einen Studienplatz statt Asyl bekamen

Sie setzten sich für Frieden ein und wurden bedroht: Zwei junge Studenten aus Bogota suchten Schutz vor Paramilitärs in Kolumbien. Mit Hilfe einer Bundestagsabgeordneten gelang ihnen die Flucht - als Studenten.

Von Georg Meggers

Studenten aus Kolumbien in Bayern

"Frieden mit sozialer Gerechtigkeit" und "Frieden für die Jugend" fordern Itayosara und Johann Sebastian aus Kolumbien auf einem Ausflug nach Bayern

Als die E-Mail sie erreicht, sitzen Johann Sebastian und Itayosara im Hörsaal ihrer Universität in der kolumbianischen Hauptstadt Bogota. 4000 Studenten debattieren über ihre Forderung nach mehr Demokratie an ihrer Universität. Johann Sebastian geht nach vorne zum Rednerpult, weil es alle erfahren sollen - mit zittrigen Händen ergreift er das Mikrofon und verliest die Nachricht, die eben auf seinen Laptop eingetrudelt ist: Sie, die Studenten der Soziologie, schadeten dem Land mehr als die Farc, steht darin. Und dass die guten Menschen in Kolumbien das Recht hätten, ohne sie zu leben. Dass man wisse, wo sie wohnen. Und dann kommt das, was sie alle erschaudern lässt: eine Liste mit elf Namen. Damit sie wüssten, warum sie sterben, wenn sie sterben. Elf Studenten der Soziologie, darunter der 24-jährige Johann Sebastian Reyes Bejarano und die 21-jährige Itayosara Rojas Herrera.

Absender: die schwarzen Adler

Über der E-Mail stand in großen Lettern der Absender: Aquilas Negras, die schwarzen Adler, eine berüchtigte paramilitärische Gruppe. Sie kämpft sowohl gegen die Guerillagruppe Farc, als auch gegen das Militär und ist verantwortlich für unzählige Tote in diesem Konflikt, der seit mehr als 50 Jahren in Kolumbien herrscht. Und der wider Erwarten vielleicht doch bald zu Ende sein könnte.

Vor einigen Tagen unterzeichneten Präsident Juan Manuel Santos und Rebellen-Chef Rodrigo Londoño von der Farc ein Waffenstillstandsabkommen. Ein schwieriger Friedensprozess inklusive einer Übergangsjustiz kommt nun auf das Land zu.

Paramilitärs bedrohen ihre Kritiker

Die Soziologiestudenten engagieren sich für den Frieden - und werden deshalb von den Profiteuren des Kriegs bedroht. Die E-Mail der Paramilitärs schließt mit dem Namen eines weiteren Studenten. Man wisse doch, was mit ihm geschehen sei. Johann Sebastian und Itayosara wissen es: Er wurde getötet.

Die paramilitärischen Gruppen sind Anfang der 1980er Jahre entstanden. "Aus einigen Drogenkartellen, dem kolumbianischen Verband der Viehzüchter und ehemaligen Mitgliedern der Streitkräfte", sagt Carlos Hainsfurth. Er ist Mitarbeiter von Heike Hänsel, Bundestagsabgeordnete der Linken und Mitglied der Deutsch-Südamerikanischen Parlamentariergruppe. Ziel der bewaffneten Gruppe sei es, die Guerilla zu bekämpfen und Menschen zu vernichten, die sich ihrem Gesellschafts- und Wirtschaftsmodell und dem illegalen Drogenhandel widersetzten, so Hainsfurth. Daher seien neben Staatsanwälten, die gegen die Gruppen ermitteln, auch kritische Studenten in Lebensgefahr.

Flucht an die Uni Marburg

Johann Sebastian und Itayosara sind erst einmal in Sicherheit. Seit September vergangenen Jahres studieren sie in Marburg Soziologie, als Austauschstudenten. Ihr einjähriges Asyl in der hessischen Uni-Stadt begann indirekt mit einem kolumbianischen Politiker. Als er von der Drohmail erfuhr, lud er Itayosara ein, vor dem nationalen Parlament über die Bedrohung zu sprechen. Kurz nach ihrer Rede wurde sie auf der Straße von einem Motorrad angehalten. Zwei Männer bedrohten sie und forderten, sie solle ihr politisches Engagement unterlassen. "Danach bin ich nicht mehr auf Partys gegangen und nicht mehr allein auf die Straße", sagt Itayosara. Dennoch konnte ihre Sicherheit nicht mehr gewährleistet werden.

Kolumbianische Studentin demonstriert

Itayosara demonstrierte 2014 in Bogota für eine freie und autonome Universität

Individuelle Unterstützung

Es musste also schnell gehen - schnell weg aus Kolumbien. Asyl in Deutschland zu beantragen hätte lange gedauert. Eine Menschenrechtsgruppe ihrer Uni schlug ihnen ein Studium an der Partneruniversität in Marburg vor. Dafür wäre es aber eigentlich zu spät gewesen, ihr Visum hätten sie drei Monate vor Studienbeginn beantragen müssen. Doch dann hörte Heike Hänsel von der Situation der beiden. "Es ist ein Teil der parlamentarischen Arbeit, sich für bedrohte und verfolgte Menschen einzusetzen", sagt ihr Mitarbeiter Hainsfurth. Den Studenten wurde ein schneller Zugang zur deutschen Botschaft ermöglicht. So konnten sie ihr Studium früher beginnen - und früher fliehen. Sie hatten viel Glück. 

Bernd Mesovic von Pro Asyl begrüßt eine individuelle Unterstützung für schutzbedürftige Menschen. Es seien auch früher bedrohte Menschen, die nicht den Status eines Flüchtlings hatten, nach Deutschland gekommen. Spanier, Portugiesen und Griechen etwa, die "während der Diktaturen als Arbeitsmigranten entkommen konnten". Ein Studentenaustausch sei eine Möglichkeit, Menschen zu schützen: "Die Studenten gewinnen Zeit und können ihren Aufenthalt für ihr Studium nutzen."

Gedanken an Freunde in Kolumbien

Warum interessieren sich die schwarzen Adler überhaupt für junge Soziologiestudenten? "Weil die Uni ein Ort der Kritik ist", sagt Johann Sebastian. "Die Paramilitärs wollen den Status quo erhalten, sie profitieren vom Krieg in Kolumbien. Sie nahmen Landbesitz von der Bevölkerung, das sie bei einer Einigung zwischen Staat und Farc verlieren würden."

Trotz ihres sicheren Lebens in Marburg fühle sich der Aufenthalt für Johann Sebastian an wie eine Niederlage - als hätten die paramilitärischen Gruppen gesiegt. Aber sie wollen ihren Deutschlandbesuch auch nutzen: Englisch lernen, eine andere Perspektive auf die Soziologie und die Welt kennenlernen. Die beiden denken oft an ihre Kommilitonen, die in Kolumbien bedroht werden.

Wir haben Recht, nicht sie

Viele Menschen aus Krisengebieten bemühen sich um einen Aufenthalt in Deutschland, den beiden Studenten wurde er für zwei Semester gewährt. Sind sie besonders privilegiert? "Man sollte den Einzelfall und andere Flüchtlinge nicht gegeneinander ausspielen", sagt Mesovic. Es sei sinnvoll, sich für einzelne Menschen einzusetzen. Allerdings könnten einzelfallbezogene Lösungen nicht ein vernünftiges Asylsystem ersetzen, sondern allein ergänzen: "Es ist problematisch, dass große Teile der Politik das Asylsystem durch eine handverlesene Aufnahme ersetzen wollen."

Ein Jahr dürfen sie in Marburg studieren. Danach müssen sie zurück in das Land, in dem sie bedroht werden. In Hessen zu bleiben, käme für die beiden ohnehin nicht infrage. Itayosara hofft auf den Friedensprozess: In den Verhandlungen geht es auch um eine Bekämpfung der Paramilitärs. Sie wollen nach Kolumbien zurückkehren, trotz ihrer Angst: "Wir wollen unser Land verändern", sagt Johann Sebastian. Für Itayosara ist der Grund eindeutig: "Wir haben Recht und die paramilitärischen Gruppen nicht." Daran können auch die Drohungen nichts ändern.