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Syrien: Wie der kleine Omran für Kriegspropaganda benutzt wird

Ein kleiner Junge voller Dreck und Blut wird zum Symbol für den Schrecken in Syrien. Das war im August 2016. Jetzt ist Omran zurück in den Medien. Das ist Blut weg, die Haare sauber. Der Kampf um die Deutungshoheit der Bilder läuft wieder.

Omran Daqneesh: Ein Kind im syrischen Bürgerkrieg

Omran Daqneesh: Ein Kind im syrischen Bürgerkrieg

Das Gesichtchen ist nicht mehr dreckig, das Haar glatt zur Seite gekämmt, das Blut ist weg. Omran Daqneesh, wie er jetzt vor den Kameras des russischen, iranischen und libanesischen Fernsehens sitzt, ist nicht mehr der kleine Junge, der vor einem Jahr die Welt erschütterte: Damals war es ein anderer Omran, der mit dem Gesicht voller Dreck, mit dem Blut, das ihm über das halbe Gesicht rann, mit dem strubbelig-staubigen Haar.

Ein Kind aus Aleppo, das aus den Trümmern seiner Heimat getragen und in einen Krankenwagen gesetzt wurde. Dort saß es dann - allein, ein Bündel Elend in hellbraun, und vergoss nicht eine Träne. Omran, ein Junge wie potenziell unzählige mehr, unschuldige Opfer eines Bürgerkriegs, der schon damals, im August 2016, fünf unendlich lange Jahre andauerte. Die Aufnahmen von Omran Daqneesh, verbreitet vom oppositionsfreundlichen Aleppo Media Center, gingen vor einem Jahr um die Welt. Sie wurden zum Symbol des täglichen Schreckens in Syrien. "Der Junge, der nichts kennt außer Krieg", hieß es damals beim US-Fernsehsender CNN. Ein Sprecher des US-Außenministeriums bezeichnete den Kleinen als "das wahre Gesicht" des Syrien-Konflikts.

Jetzt trägt Omran ein blau-weiß gestreiftes Hemdchen. Sein Vater Mohamad Kheir Daqneesh hält ihn im Arm, während er zu den Medien spricht und Dinge sagt wie: Meine Familie ist für Propagandazwecke ausgenutzt worden. Laut einem Bericht der BBC erklärte Mohamad Kheir Daqneesh dieser Tage, die syrische Opposition und internationale Medien hätten Omrans Geschichte damals aufgegriffen, um den syrischen Machthaber Baschar al Assad an den Pranger zu stellen. Der Angriff, damals in Aleppo, der sei nicht so geschehen, wie es später in den großen Blättern dargestellt worden war.

Omrans Vater: Es war Propaganda

Tatsächlich klang Omrans Geschichte, wie sie im August vor einem Jahr erzählt worden war, deutlich anders als sie sein Vater heute zusammenfasst: Im Sommer 2016 waren syrische Regierungstruppen im Kampf gegen die Rebellen nach Ost-Aleppo vorgerückt, das Heim von Omrans Familie geriet unter Beschuss, Sohn Ali, 10 starb. Dass seine Familie damals den Rebellen nahegestanden haben soll, dementiert Mohamad Kheir Daqneesh vehement. Er sagt: Wegen den Aufständischen hatten wir überhaupt erst so viel Ärger. 

Nachdem sein Heim in Ost-Aleppo attackiert worden war - Medien berichteten damals von einem Angriff des syrischen Regimes oder einem russischen Luftangriff, Daqneesh lässt die Frage nach den Urhebern der Attacke heute offen - hätten freiwillige Helfer, die Daqneesh "Aufständische" nennt, seinen Sohn Omran einfach mitgenommen und in den Rettungswagen gesetzt. "Das passierte gegen meinen Willen", zitiert die "New York Times" den Vater. Omran sei beinahe unverletzt gewesen, der Transport ins Krankenhaus unnötig. Die Rettungsaktion, der Krankenwagen, das verletzte Kind - Inszenierung. Am Ende habe ihm die Opposition noch Geld angeboten, um das syrische Regime anzuschwärzen. Er aber habe abgelehnt.

Medien: Assad benutzt Omran und seine Familie 

Jetzt, betont Mohamad Kheir Daqneesh, bessere sich die Situation in Syrien wieder. Die Armee rücke vor, befreie Gebiete, sagt er laut der deutschen Übersetzung des prorussischen Senders Russia Today, "wir konnten zurück zu unseren Häusern". Der kleine Omran sitzt während des Interviews auf dem Schoß seines Vaters. Es gehe ihm gut, sagt Daqneesh, Gott sei Dank. Die Worte und Bilder werden von regimetreuen syrischen Medien eingefangen und verbreitet, von russischen und iranischen.

Die "New York Times" bezweifelt, ob der Vater wirklich frei sprechen konnte, gibt zu bedenken, dass das syrische Regime die Berichterstattung rigide kontrolliere. Jetzt benutze Assad den kleinen Jungen und seine Familie, um seine Sicht auf den syrischen Bürgerkrieg durchzusetzen. Und mitten drin Omran, der Junge, der nichts kennt außer Krieg, noch immer zwischen den Fronten.

pg
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