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US-Sexskandal: Erotische "Entspannungspolitik" in Washington

Ein Sex-Skandal erschüttert Washington: Über Jahre hinweg haben 132 Damen des "Service für erotische Phantasien" Kunden aus Politik und Big Business erfreut. Der erste Politiker musste schon zurücktreten, weitere Schlipsträger bangen um Job und Ruf.

Von Katja Gloger, Washington

Das Beweisstück wiegt satte 20 Kilo, und es liefert Material für einen Skandal der Extraklasse: eine Kundenliste der ganz besonderen Art, auf der bis zu 15.000 Telefonnummern aus Washington und Umgebung stehen. Eine Kartei, über Jahre penibel gepflegt von einer gewissen "DC Madam" und ihren zahlreichen "selbstständigen Subunternehmerinnen", die in einer Firma namens "Pamela Martin and Associates" beschäftigt waren - eine Agentur, die offiziell als "Service für erotische Phantasien" bezeichnet wird.

275 Dollar für 90 Minuten

"DC Madam", Deborah Jeanne Palfrey,50, war bis vor wenigen Monaten die erfahrene Chefin dieser Agentur. Jetzt macht sie ordentlich Schlagzeilen in einem saftigen Sex-Skandal, der Tausende ihrer Kunden aus Politik und Big Business um Ruf und Karriere zittern lässt. Und wie so oft geht es dabei um Sex und Sauberkeit und doppelte Moral.

Gut 13 Jahre lang soll Deborah Palfrey der Washingtoner Elite ihre 132 Mitarbeiterinnen vermittelt haben: gut aussehende, anständig erzogene Damen aus "besseren Schichten", wie sie sagt, die meisten mit "College-Ausbildung, 23 bis 55 Jahre alt", die nach getaner Arbeit in Büros am Abend den gestressten Herren aus Ministerien und Lobby-Firmen ihre entspannenden Dienste anboten: 275 Dollar für 90 Minuten, Trinkgeld natürlich extra. Sex? Oh nein – zu richtigem Sex soll es dabei natürlich nie gekommen sein. Denn das wäre ja Zuhälterei, und das ist verboten.

Erstes Opfer: "Aids-Zar" Tobias

Schon stürzte der erste Nutznießer dieser Entspannungspolitik – ausgerechnet der von US-Präsident Bush hochgelobte "Aids-Zar" Randall L. Tobias, noch bis vergangenen Freitag unverzichtbare Stütze von US-Außenministerin Condoleezza Rice. Der ehemalige Manager beim Telefonunternehmen AT+T sowie beim Pharmagiganten Eli Lilly war seit 2003 der oberste AIDS-Bekämpfer der US-Regierung, zuständig für die Verteilung von 15 Milliarden Dollar Hilfsgeldern für die Länder der Dritten Welt.

Und ganz im Sinne seines konservativen Chefs hatte auch "Randy" Tobias, 65, verheiratet, stets Enthaltsamkeit und Treue als besten Schutz gegen Aids gepriesen. Er machte seinen Job offenbar so gut, dass er im vergangenen Jahr oberster Entwicklungshilfe-Beauftragter der US-Regierung wurde, im Rang eines stellvertretenden Außenministers. Er habe den Escort-Service kontaktiert, räumte Randy jetzt ein, "da kamen ein paar Mädels rüber in meine Wohnung und haben mich massiert." Sex? Natürlich nicht. Um Himmels willen. Am vergangenen Freitag musste er zurücktreten, innerhalb weniger Minuten war seine Biografie von der offiziellen Website der US-Entwicklungshilfe-Agentur USAID verschwunden.

Schuld ist das Finanzamt

Im Moment scheint es, dass Tobias nur das erste Opfer war. Und wer ist Schuld an all den Enthüllungen? Das US-Finanzamt. Denn Deborah Palfrey ist gerade auf einem Rachefeldzug der besonderen Art: sie sieht sich als eine Art David in einem Kampf gegen Goliath, eine unschuldig verfolgte Unternehmerin gegen eine allmächtige Regierung, wie die "Washington Post" berichtet.

Palfrey stammt aus einer ärmlichen Stadt in Pennsylvania, hatte einst Jura-Kurse belegt, doch dann sah sie ihre Chance im "Escortwesen" des sonnigen Bundesstaates Kalifornien. Sie engagierte zwölf Damen, machte kurze Karriere, saß 18 Monate im Gefängnis. Dann machte sie sich auf, mit ihrer Firma "Pamela Martin" die US-Hauptstadt zu erobern. Ihre Mitarbeiterinnen rekrutierte sie über Anzeigen in Universitätszeitungen und Stadtmagazinen, und in den örtlichen Gelben Seiten warb sie selbstbewusst: "Wir sind ohne Zweifel die beste Agentur für Erwachsene in der Stadt."

"DC Madam" führte die Geschäfte aus Klaifornien

Die Geschäfte gingen ordentlich, wenn auch nicht sensationell. In den vergangenen 13 Jahren sollen sie "DC Madam" rund zwei Millionen Dollar eingebracht haben. Sie führte ihre Geschäfte aus Kalifornien, instruierte ihre Mitarbeiterinnen per E-Mail, erklärte ihnen den Unterschied zwischen "legalem und illegalem sexuellen Verhalten", warnte sie vor den Fahndern des Finanzamtes: "Verriegelt Eure Tür am besten dreifach!" Und ihre Prozente erhielt sie per Geldanweisungen in ihre Briefkastenfirma nach Kalifornien.

Alles ging gut, die Kundenkartei wuchs, bis vor drei Jahren das Finanzamt ein Verfahren wegen Geldwäsche und Betreiben eines Prostituiertenringes begann. Jetzt soll "DC Madam" vor Gericht – und das will sie sich keinesfalls bieten lassen. Ihr erster Angriff gegen das Establishment: Sie bot ihre Kundenkartei zum Verkauf an – schließlich koste ein guter Anwalt bis zu 500.000 Dollar, erklärte sie. Angeblich rangelten Dutzende Interessenten von allen amerikanischen Medien um das wunderbar peinliche 20-Kilo-Paket, doch der Verkauf des inkriminierenden Materials wurde per Gericht verboten.

Zittern vor TV-Interview

Auf wundersamen Wegen aber soll es nun beim Fernsehsender ABC gelandet sein. Und jetzt sind dessen Kamerateams in Washington unterwegs, filmen Häuser, Bürogebäude, und offenbar stellen sie auch höchst peinliche Fragen. Schon sind Anwälte engagiert, die Deborahs Kunden vor Enthüllungen bewahren sollen. Denn am kommenden Donnerstag wird der Sender ein Interview mit "DC Madam" ausstrahlen. Darin soll die selbsternannte Kämpferin für Gerechtigkeit ankündigen, sie werde prominente Kunden zum detaillierten Kreuzverhör in den Zeugenstand zitieren. Die sollten bestätigen, dass in ihrer Agentur immer alles mit rechten Dingen zuging. Neben Außenamts-Mann Tobias soll angeblich auch Dick Morris, einst Wahlkampfmanager von Präsident Clinton auf ihrer Zeugen-Liste stehen. Und einen weiteren Kunden nannte Palfrey schon in Gerichtsunterlagen: den Militärexperten und Fox-Kommentator Harlam Ullman, Erfinder der Doktrin von "Angst und Schrecken".

Im Moment, scheint es, laufen die Dinge nicht schlecht für "DC Madam": Zunächst hatte sie auf ihrer Homepage noch höflich um Spenden für ihren "Kampf gegen die US-Regierung" gebeten. Doch die momentane Aufmerksamkeit durch die Medien, ließ sie verlauten, hätte ihr nun andere "finanzielle Möglichkeiten" verschafft. Sie bedankte sich herzlich bei den Spendern.

Fortsetzung folgt.