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Verbrechen: Sechster Teenagermord in London

Er war erst 15. Er wurde in der Nacht zu Sonntag niedergestochen. Und er war nicht der erste: Innerhalb von sechs Wochen starben in Großbritanniens Hauptstadt sechs Jugendliche nach Überfällen.

Die Gesichter der Mädchen waren vor Eifer verzerrt. Sie hatten den 16-jährigen Kodjo Yenga mit Hunden gejagt bis er erschöpft über seine Schnürsenkel stolperte. Dann umringten ihn die Jungen, einige erst 13 Jahre, allesamt Mitglieder der Gang mit dem Slang-Namen "Murder Dem Pussies" (etwa: Ermordet die Feiglinge). Die Mädchen schrien "Kill him! Kill him!". Die Jungen stießen zu. Kodjo starb durch einen Stich ins Herz. Seine 15-jährige Freundin musste es mit ansehen.

Am Samstag gingen Familienmitglieder Kodjos im Westlondoner Viertel Hammersmith auf die Straße. Seine Mutter Ladjua Lesele, die aus Westafrika eingewandert war, bat mit schwacher Stimme um ein Ende der brutalen Gewalt unter Londoner Jugendlichen. "Schluss damit, und keine Rache."

"Morde aus einer Laune heraus"

Es vergingen nur wenige Stunden, bis wieder ein junger Schwarzer in seinem Blut lag und starb. Keine 30 U-Bahnminuten entfernt, im Osten Londons, stachen Unbekannte den 15-Jährigen nieder. Er war das sechste jugendliche Mordopfer innerhalb von sechs Wochen. Blutige Gewalt unter Jugendlichen gibt es auch in anderen Ballungsräumen des Königreichs, doch nirgendwo ist sie so ungebremst wie in London. Hier hat sich innerhalb der vergangenen drei Jahre die Zahl der unter 20-Jährigen, die mit einer Schusswaffe gemordet haben, auf 76 verdoppelt.

"Es gibt kaum noch eine Hemmschwelle", sagt eine Sozialarbeiterin, die ihren Namen nicht in den Medien sehen will. Sie versucht in einem der gefährlichsten Viertel der Themse-Metropole, jungen Menschen zu erklären, dass das Leben durchaus einen positiven Sinn haben könnte. "Solche Morde", sagt sie, "geschehen mittlerweile aus einer Laune heraus, aus Langeweile oder auch als Mutprobe, mit der sich die Täter die Mitgliedschaft in einer Gang erwerben."

Bandenzugehörigkeit als Überlebensgarantie

In Vierteln mit hoher Konzentration von Sozialwohnungen, die unsichtbar in Machtreviere von Jugendgangs aufgeteilt sind, ist die Zugehörigkeit zu einer Bande auch eine Art Überlebensgarantie. Kodjo Yenga hatte versucht, sich rauszuhalten. "Er war in keiner Bande", sagte seine Mutter. "Er war ein guter Schüler, und ein guter Christ, er wollte im Leben etwas werden."

Vor einigen Monaten war Kodjo im Musiksender MTV zu sehen. Er wagte es, die Zunahme von Schießereien und Messerstechereien zu verurteilen. Wurde er deshalb Opfer der "Murder Dem Pussies"? Die Gang mit der Abkürzung MDB hatte erst kürzlich einen Rap-Song aufgenommen: "Wir sind die MDP, leg Dich nicht mit uns an, oder wir machen Dich kalt."

Großes soziales Gefälle

Die Politik scheint machtlos. Premierminister Tony Blair fiel nichts Besseres ein, als schärfere Strafen für den Besitz von Mordwerkzeugen anzukündigen. Das UN-Kinderhilfswerk Unicef erklärte kürzlich in einer Studie, in Großbritannien seien die Lebensverhältnisse von Kindern schlechter als in allen anderen Industrienationen.

Diese statistische Erhebung stimmt in gewisser Weise und zugleich stimmt sie nicht. Sie ignoriert das Gefälle zwischen Millionen junger Briten, die keineswegs verarmt, unglücklich oder gewalttätig sind, und jenen in den sozialen Problemzonen. Dass London trotz der Teenager-Morde kein Hort der Angst ist, zeigt eine Umfrage, die am Samstag veröffentlicht wurde. Danach wählten 2100 Reisende aus aller Welt die britische Hauptstadt zur Top-Metropole Europas in Sachen Nachtleben, Shopping - und Familienfreundlichkeit.

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