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Verschärfte Waffengesetze: Wie ein Massaker 1996 Australien erschütterte - und was die USA daraus lernen können

Das verheerende Attentat von Las Vegas hat die Debatte um die US-Waffengesetze neu entfacht. Immer wieder wird Australien als lobendes Beispiel genannt. Dort erschütterte vor 20 Jahren ein Massaker das Land bis aufs Mark - und das änderte alles.

Der 28. April 1996 hat Australien verändert. Martin Bryant, ein damals 28-jähriger, geistig zurückgebliebener Mann, zog von Sonnenaufgang bis zum nächsten Morgen mordend durch Port Arthur im Südwesten des Landes. Mit zwei halbautomatischen Schnellfeuergewehren richtete er ein unvorstellbares Blutbad an, tötete 35 Menschen, darunter ein drei- und ein sechsjähriges Mädchen. Der bis dahin schlimmste Amoklauf mit einer Schusswaffe in Australien - und für viele Jahre auch weltweit - erschütterte das Land bis ins Mark und führte in Rekordzeit zu einer drastischen Verschärfung der Waffengesetze: Lediglich zwölf Tage nach dem Blutbad von Port Arthur verabschiedete Australien das "National Firearms Agreement".

Ein wichtiger Teil davon waren der Ankauf und die Vernichtung von rund 600.000 Waffen im Land, was laut "Slate" nahezu einer Halbierung der Waffenhaushalte gleichkam. Mit dem Gesetz wurden aber auch voll- und halbautomatische Sturmgewehre sowie halbautomatische Schrotflinten generell verboten und ein Lizensierungssystem für alle Feuerwaffen eingeführt. Wer eine Waffe kaufen will, muss einen Sicherheitskurs belegen und einen nachvollziehbaren Grund vorweisen, wie Sportschießen, die Jagd oder berufliche Anforderungen. Zudem gibt es eine Wartezeit von 28 Tagen für den Erwerb. Um auch den Besitz von illegalen Feuerwaffen zu bekämpfen, durften Australier von Juli bis Oktober 2017 diese bei Behörden abgeben, ohne eine Strafverfolgung fürchten zu müssen. Rund 51.000 Schusswaffen wurden dabei eingesammelt.

Studie legen nahe: Verschärfte Waffengesetze helfen

Mehrere Studien haben festgestellt, dass die Waffenkriminalität in Australien nach 1996 zurückgegangen ist. Die Zahl der Tötungen durch Feuerwaffen ist gesunken, genauso wie die der Suizide. Seit Port Arthur hat Australien kein mass shooting mit mehr als vier Todesopfern erleben müssen. In den 25 Jahren davor gab es dort 14 solcher Attacken.

Seinen wenig ruhmreichen Treppchenplatz als schlimmster Schusswaffen-Amoklauf der Welt verlor Port Arthur bereits 2011 an Anders Breiviks Attacke in Norwegen. Dabei starben 77 Menschen, 69 davon durch Schüsse. Auch in den USA kamen 2016 beim Massaker in einem Nachtclub in Orlando (49 Opfer), und vor wenigen Tagen in Las Vegas (59 Opfer) mehr Menschen ums Leben als damals in Port Arthur. Solche Attentate heizen immer wieder die Diskussion um die sehr liberalen Waffengesetze in den USA an. Nicht selten wird dabei auch Australien als positives Beispiel erwähnt. "Das, was wir tun können, ist unsere Erfahrungen zu teilen", sagte etwa Außenministerin Julie Bishop in einem Interview nach der Tat von Las Vegas.

Natürlich ist nicht zu 100 Prozent beweisbar, dass die Verbesserungen der Statistiken in Australien einzig auf die schärferen Waffengesetze zurückzuführen sind. Der rückläufige Trend bei Morden und Selbstmorden etwa startete Studien zufolge bereits vor der Verschärfung. Zudem war die Mordrate ohnehin deutlich geringer als in den USA und wesentlich weniger Waffen pro Kopf in Privatbesitz.

Historisch aber weisen beide Länder durchaus Parallelen auf. Beide Staaten entstanden aus Kolonien des Britischen Königreichs. In der Anfangszeit gab es sowohl in den USA als auch in Australien weite, spärlich besiedelte Landschaften mit oft nur mäßiger behördlicher Organisation. Entsprechend waren Schusswaffen zur Selbstverteidigung und zur Jagd lange für viele Menschen ein unverzichtbarer Teil des Lebens. In den USA hat es das Recht auf deren Besitz sogar in einen Zusatz der Verfassung geschafft - im Gegensatz zu Australien.

Auch deshalb schrieb John Howard, ehemaliger Premierminister Australiens, der 1996 die Verschärfung der Waffengesetze durchsetzte, bereits 2013 in der "New York Times", dass "unsere Herausforderungen anders waren als die Amerikas". Auch die Waffenlobby sei in Australien nie so stark gewesen wie in den USA. Dennoch sei es auch dort nicht einfach gewesen, man habe sich zu Beginn gegen Widerstand durchsetzen müssen. Fast 20 Jahre später aber gebe es einen breiten Konsens, dass Australien die richtige Entscheidung getroffen habe. Auch Howard führte damals bereits an, dass die Statistik eine eindeutige Sprache spreche. "Nur wenige Australier würden verneinen, dass ihr Land heute sicherer ist als eine Konsequenz der schärferen Waffengesetze."

Der Todesschütze von Las Vegas nutzte so ein AR-15 Sturmgewehr für seine verheerende Attacke

Der Todesschütze von Las Vegas nutzte kaufte mehrere solcher AR-15 Sturmgewehre (Archivbild aus einem Waffenshop) und machte mit Bump-Stock-Vorrichtungen und Magazinen für 100 Patronen - beides legal in den meisten Staaten der USA - aus den semiautomatischen Gewehren nahezu vollautomatische

USA: Verschärfte Waffengesetze unwahrscheinlich

Dass Amerika Waffengesetze entscheidend verschärft, gilt ob der einflussreichen Waffenlobby, die vielen Politikern ihre Wahlkämpfe finanziert, grundsätzlich als unwahrscheinlich. Selbst Barack Obama, der sich permanent dafür aussprach, scheiterte beim Versuch. In den USA unter Donald Trump ist es noch deutlich unwahrscheinlicher. "Ihr seid meine Freunde, das könnt ihr mir glauben", hatte der US-Präsident Ende April als Redner auf einem Kongress der Waffenlobby NRA gesagt. "Ihr habt euch für mich eingesetzt, ich werde mich für euch einsetzen." Immerhin: Nachdem sich die NRA dafür ausgesprochen hatte, die sogenannten Bump Stocks mit "zusätzlichen Beschränkungen" zu belegen, will nun auch Trump ein Verbot dieser Vorrichtungen "in der nächsten, kurzen Zeit prüfen". Der Todesschütze von Las Vegas hatte mehrere seiner Gewehre mit den legal zu kaufenden Schnellfeuer-Vorrichtungen umgebaut, die halbautomatische Waffen fast so schnell schießen lassen wie Maschinengewehre.

Kritiker werfen der NRA vor, sich nur für Beschränkungen der Bump Stocks offen zu zeigen, um eine grundlegendere Verschärfung des Waffenrechts zu verhindern. Der erteilte die Lobby in ihrer Mitteilung nach der Bluttat eine klare Absage.