Wahl in Pakistan "Ein bisschen Fälschen ist ok"


Pakistan hält den Atem an: Die Menschen im 160-Millionen-Staat zwischen Hindukusch und Indus haben gewählt. Für viele Bürger war schon vor Beginn der Auszählung klar: Das Ergebnis wird manipuliert. Doch wieviel Fälschung verträgt das Land?
Von Steffen Gassel, Islamabad

Saba Rehmat hätte die 500 Rupien gut gebrauchen können. "Wähl die Pakistan People's Party (PPP), dann bring ich Dir das Geld vorbei," sagte eine Frau aus der Nachbarschaft zur ihr, die in den Tagen vor der Wahl auf Stimmenfang für die Partei von Ex-Premierministerin Benazir Bhutto ging. Ein verlockendes Angebot für 42-Jährige, die als Dienstmädchen und Köchin im Monat nur 11000 Rupien im Monat verdient, rund 120 Euro. Doch Saba Rehmat lehnte ab. "Ich bin nicht käuflich," sagte sie. "Außerdem will ich mit der Wahl überhaupt nichts zu tun haben. Für uns Arme haben die Abgeordneten noch nie etwas getan."

Wählen aus Angst, Angst beim Wählen

Am Morgen ging die 42-jährige Mutter von sieben Kindern dann doch ins Wahllokal. "Mein Name steht im Wahlregister. Ich habe Angst, dass ich Ärger bekomme, wenn ich nicht zur Wahl gehe." Vor dem Wahllokal 48 im Zentrum der pakistanischen Hauptstadt Islamabad brachten die Parteien den Wählern mit bunten Plakaten noch einmal ihre Symbole in Erinnerung: Ein Pfeil für die Bhutto-Partei PPP, ein Tiger für die Partei des Ex-Premiers Nawaz Scharif, ein Fahrrad für die Musharraf treue PML-Q. Weil viele Menschen in Pakistan nicht lesen oder schreiben können, waren die Parteien auf den Wahlzetteln mit solchen Symbolen gekennzeichnet. Abgestimmt wurde per Fingerabdruck.

Saba Rehmat war froh, als sie das Wahllokal wieder verlassen konnte. Zusammen mit einer Gruppe Nachbarinnen hatte sie über eine Stunde Schlange stehen müssen, bevor sie ihren Wahlzettel in die Urne stecken konnte. "Wir wollten das so schnell wie möglich hinter uns bringen," sagte sie. "Wir haben alle Angst vor den Selbstmordattentätern."

Eine Stimme für unabhängige Justiz

Die Anspannung war auf den Straßen Islamabads den ganzen Tag über zu spüren. Polizei und Militär hatten die Zufahrten zu vielen Wahllokalen gesperrt, die Straßen rund um das Regierungsviertel waren abgeriegelt. Viele Bürger gingen aus Angst vor Anschlägen radikaler Islamisten gar nicht an die Urnen. Erst am Wochenende hatte ein Selbstmordattentäter bei einer Wahlkampfveranstaltung im Nordwesten des Landes über 40 Menschen mit in den Tod gerissen.

Auch Mansoor Javed fühlte sich nicht sicher, als er an die Urne ging - trotz Polizeischutz vor dem Wahllokal. "Ich habe Angst, dass irgendwo etwas Schlimmes passiert," sagte der 68-jährige pensionierte Banker nach der Stimmabgabe. "Aber diese Wahl ist zu wichtig, als dass ich zu Hause bleiben könnte. Die Zukunft meines Landes steht auf dem Spiel." Gestimmt hatte er für die PML-N Partei von Nawaz Scharif, dem ehemaligen Premier und ärgsten Widersacher von Präsident Musharraf. Die Korruptionsvorwürfe, wegen derer Scharif Jahre im Ausland verbracht hat, störten Javed nicht. "Er hat sich gebessert. Außerdem ist Scharif der einzige, der klipp und klar die Wiedereinsetzung der Richter fordert, die Musharraf entlassen hat. Alle anderen Kandidaten sprechen doch nur vage davon, dass der Respekt für die Justiz ihnen heilig ist. Denen traue ich nicht über den Weg."

Der lange Schatten von Benazir Bhutto

Zur Schlüsselfigur des Wahlabends dürfte Ali Asif Zardari werden, der Witwer der Ende Dezember ermordeten Benazir Bhutto. In ihrer Partei, der PPP, zieht nun Zardari die Strippen. Vor ihrem Tod hatte Bhutto mehrfach signalisiert, dass sie sich nach der Wahl eine Kooperation mit der Musharraf treuen PML-Q vorstellen könnte. Zardari hat diesen Kurs fortgesetzt - obwohl ein Deal mit dem Diktator das Fußvolk der Partei auf die Barrikaden treiben könnte. Viele Beobachter rechnen damit, dass die PPP stärkste Kraft im neuen Parlament wird, beflügelt durch die Welle der Sympathie nach dem Tod der Parteichefin Benazir Bhutto.

Die bange Frage, die sich viele Pakistaner jetzt stellen lautet: Wie stark werden die Ergebnisse manipuliert? Alle wissen: Je stärker die Partei des unbeliebten Präsidenten Musharraf abschneidet, desto lauter wird der Verdacht auf Fälschung werden. Ob es auf den Straßen Pakistans friedlich bleibt, hängt dann vor allem davon ab, wie sich der Bhutto-Witwer Zardari verhält. Mansoor Javed spricht für viele, wenn er sagt: "Ein bisschen Fälschen ist schon ok. Aber wenn das Ergebnis der Stimmung im Volk zu sehr zuwider läuft, dann gnade Allah Pakistan."


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