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Wahlen in Brasilien Der Superpräsident tritt ab


136 Millionen Brasilianer wählen einen neuen Präsidenten. Aber auch nur, weil Luiz Inácio Lula da Silva nicht mehr antreten darf. Er hat dem Land eine unerhörte Glückssträhne beschert - und seine "wohl beste Zeit".

An Luiz Inácio Lula da Silva führt kein Weg vorbei. Zwei Mal wurde der 64-Jährige schon zum Präsidenten gewählt und wenn die Brasilianer dürften, würden sie ihn wohl noch einmal ins höchste Amt des Landes hieven. Dürfen sie aber nicht, weshalb der "Superpräsident", wie ihn die italienische Zeitung "La Stampa" nannte, nach acht Jahren den Platz für einen Nachfolger freimacht. 136 Millionen Brasilianer sind heute aufgerufen, über diesen an den Wahlautomaten abzustimmen.

Zwei Kandidaten haben noch ernsthafte Chancen: Dilma Rousseff, bis Ende März Präsidentenamtsministerin und damit Vertraute des Präsidenten sowie José Serra, konservativer Gegenentwurf zum Volkstribun Lula. Der 68-Jährige war bereits bei den Wahlen 2002 erfolglos gegen den Amtsinhaber angetreten. Und auch diesmal stehen seine Chancen eher schlecht. Laut den Umfragen nach dem letzten TV-Duell liegt Dilma Rousseff deutlich vor ihrem Herausforderer. Lulas Favoritin könnte sogar die absolute Mehrheit im ersten Wahlgang erreichen.

Beide Kandidaten waren im Widerstand

Beide Kandidaten eint, dass sie während der Militärdiktatur, die Brasilien von 1964 bis 1985 knechtete, im Widerstand aktiv waren. Serra, Abkömmling italienischer Einwanderer, verbrachte die Zeit vor allem im chilenischen Exil. Dilma Rousseff war Mitglied der Guerilla, wurde 1970 festgenommen, gefoltert und über zwei Jahre inhaftiert. In den Medien erregte vor allem ihre Krebserkrankung Aufmerksamkeit. Der Tumor wurde entfernt, sie ließ Chemotherapien über sich ergehen und ging mit Perücke vor die Kameras.

Dass Rousseff so deutlich in Front liegt, hat mit Noch-Präsident Lula zu tun, der ihren Wahlkampf meistens begleitet und seine Popularität für die 62-Jährige in die Waagschale wirft. Glaubt man den Umfragen, haben 80 Prozent der Brasilianer ein positives Bild des scheidenden Staatschefs und dem Wirtschaftswunder, an dem Lula da Silva maßgeblich beteiligt ist. Selbst unter den erfolgreichen Schwellenländern sucht Brasilien seinesgleichen: Die größte Volkswirtschaft Lateinamerikas hat unter seiner Führung einen sagenhaften Aufschwung erlebt und setzt nun zum Sprung an, eine der führenden Wirtschaftsmächte des 21. Jahrhunderts zu werden. Nach einer kurzen Schwächephase 2009 ist die Wirtschaft zuletzt wieder um mehr als acht Prozent gewachsen.

Seinen Aufschwung verdankt Brasilien einer Reihe von Unternehmensinvestitionen, der steigenden Industrieproduktion und einer Reihe von Konjunkturprogrammen, allen voran aber den Agrarexporten. Das Land gehört mittlerweile zu den größten Nahrungsmittelherstellern der Welt und stillt vor allem den wachsenden Hunger des noch kräftiger wachsenden Chinas. Dank massiver Investitionen in Technologie und Landwirtschaft ist Brasilien nicht mehr nur der größte Exporteur von Kaffee, Orangensaft und Zucker, sondern seit einiger Zeit auch von Geflügel und Rindfleisch. Bei Soja rangiert das Land noch auf Platz Zwei hinter den USA, wobei es nur eine Frage der Zeit sein dürfte, bis Brasilien auch hier Weltmarktführer ist.

Noch vielversprechender sind aber die Aussichten bei den Rohstoffen, vor allem beim Öl: 2007 überraschte Brasilien die Welt mit der Meldung, unter dem Meeresboden auf gigantische Ölvorkommen gestoßen zu sein. Das Land beziffert das Volumen des "Tupi"-Feldes auf fünf bis acht Milliarden Barrel - der größte Tiefsee-Fund aller Zeiten. Damit würde sich Brasilien mit einem Schlag auf die Liste der großen Exportländer katapultieren.

"Die wohl beste Zeit des Landes"

Natürlich darf "O Pai", der "Vater der Nation", wie Lula von vielen genannt wird, nicht alles auf sein Konto schreiben, was dem Landes Gutes widerfahren ist in den vergangenen Jahren. Aber er hat dem einst bankrotten Brasilien eine unerhörte Glückssträhne verpasst, die "wohl beste Zeit des Landes", wie der brasilianische Armutsforscher Marcelo Neri dem stern sagte.

Und dann sind da noch die beiden Großereignisse, die Lula ins Land geholt hat, und für die ihn die Brasilien wohl auf immer lieben werden: Die Fußball-Weltmeisterschaft 2014 und die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro 2016. Der Mann weiß, was das Volk will. Vielleicht etwas zu gut. Selbst alte Weggefährten attestieren ihm etwas zu viel an Populismus. Und oft etwas zu autoritäre Züge. Seine politischen Widersacher werfen ihm sogar vor, es mangele ihm an Respekt, vor allem, wenn es um demokratische Gepflogenheiten geht. So saß Lula Korruptionsskandale in der Regierung aus, musste sich Vorwürfe der Verschleierung gefallen lassen und beschimpfte stattdessen die Opposition. Seinen Anhängern ist das einerlei. Sie hoffen einfach, dass das Land Lulas Weg weitergehen wird.

nik mit Agenturen

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