Wie das Internet China verändert Werbung, Wissen, Weisheit


Zwei Köpfe sind klüger als einer. Aber wie ist es mit 1000 Köpfen? Wenn Chinesen etwas suchen, einen Namen für das neugeborene Baby oder ein Firmenlogo, nutzen sie die Weisheit von Unbekannten aus dem Internet.
Von Ellen Deng, Peking

"Meine Geschichte klingt wie ein Märchen, aber eines aus der Internetzeit", sagt Kang Lufa. Der 35-jährige aus Peking ist Gründer der ersten und weiterhin führenden Website in China, mit der man die Kreativität von anderen Menschen für sich einspannen kann. Es war im Juli 2004. Kang las einen Roman, natürlich online, über eine "Auszeichnung für beste Güter in der virtuellen Welt". Dabei fiel dem damaligen Manager einer kleinen IT-Firma etwas ein: Kann man nicht im Internet gegen Bezahlung Ideen anbieten?

Er brauchte nur wenige Monate, um die Idee in die Tat umzusetzen: Eine Website als Plattform für den Handel mit Wissen, Erfahrungen, Fähigkeiten und Weisheit. Wer ein Logo entworfen haben will oder eine Maschine, einen Namen sucht für seinen neugeborenen Sohn oder als burschikose Frau wissen möchte, wie sie sich weiblicher geben kann, gibt seine Frage ein. Das Business funktioniert so: Der Suchende tippt seine Frage ein, was er für die Lösung seines Problems zahlen will und bis wann sie auf der Website eingegangen sein muss.

"Witkey" als Standardname für alle Seiten

Von den Antworten, die bis zu dem Termin eingegangen sind, wählt er eine aus. Lange überlegte Kang, wie er die Teilnehmer dieser Ideenbörse nennen soll, dachte nach über "worker web 2.0" oder "worker online", war aber damit nicht zufrieden. Schließlich übernahm er die englischsprachige Idee eines MBA-Studenten: "Witkey", abgeleitet von "key of wisdom" ("Schlüssel der Weisheit"). Bald sprossen in China Dutzende Websites aus dem Boden, die Weisheit verkaufen, und die meisten von ihnen nutzen ebenfalls den Begriff "Witkey".

Kang Lufas Website nennt sich K68, was im Chinesischen weitläufig ähnlich klingt wie sein eigener Name. Pro Monat werden etwa 400 Aufgaben ausgeschrieben. 210.000 Internet-User haben sich bei K68 als Mitglied registriert.

"Tolle Chance für Design-Liebhaber"

"Witkey-Webseiten sind eine tolle Chance für Design-Liebhaber, die in entlegenen mittelgroßen und kleinen Städten Chinas wohnen", sagt Xiao Fei, ein 35-jähriger Kunstlehrer. Er arbeitete früher für Werbeagenturen in Shanghai, aber als er aus familiären Gründen in seinen Heimatort Anshun zurückkehrte, eine kleine Stadt in der südwestchinesichen Provinz Guizhou, musste er feststellen: Design-Talente wurden dort nicht gebraucht.

Da er nicht so leicht aufgeben wollte und sich vor Langeweile fürchtete, gab er in eine Suchmaschine das Stichwort "Part-Time-Job" ein. So fand er K68 - und sein Leben veränderte sich. "Ich werde nie vergessen, wie das erste Mal einer eine Idee von mir kaufte, ich zitterte am ganzen Körper", erinnert er sich. "Es war das Design für eine Doppelseite in einem Bilderbuch. Bevor ich diesen Auftrag gewonnen hatte, verzweifelte ich beinahe, da meine ersten Versuche gescheitert waren." Am meisten gefällt ihm in der Witkey-Welt, dass man sich die Aufträge selbst aussucht, anders als in einer Werbeagentur, wo man zu einer Anforderung des Chefs schlecht Nein sagen kann.

Xiao hat im letzten Jahr an hundert Ausschreibungen teilgenommen, aber nur ein Dutzend Mal fiel der Zuschlag auf ihn. "Die Konkurrenz wird immer größer, es fällt immer schwerer zu gewinnen", klagt er. "Außerdem wird im Schnitt nur ein Zehntel dessen bezahlt, was professionelle Designfirmen bekommen, von einer Arbeit als Witkey sollte man also nicht zu viel Geld erwarten." Die Ausschreibungen stammen oft von kleinen und mittelgroßen Firmen in der Provinz. Manche von ihnen können nicht einmal mit einem Computer umgehen, senden ihre Wünsche von der Hand gezeichnet und per Fax an K68, wo sie dann gescannt und für die Witkeys im Internet postiert werden.

Die Witkeys sind oft Studienabgänger, die keine gute Arbeit gefunden haben, außerdem Büromitarbeiter, Lehrer und Heimarbeiter. Obwohl die Professionellen auf sie herabsehen, sollte man sie nicht unterschätzen: Chen Yi, eine Hausfrau, zeichnet Cartoons und wird von den chinesischen Medien als "talentierteste Witkey" bezeichnet. Ein Bauer aus der armen Provinz Henan gewann die Ausschreibung für das Logo-Design von Chinas Entwicklungs-Bank. Lan Xiu, eine taubstumme junge Frau aus Qingdao, verdient als Witkey vergleichsweise gut, indem sie Poster und Logos entwirft.

"Gute Harmonie zwischen Polizei und Volk"

Doch es sind nicht nur gewöhnliche kommerzielle Aufträge, die über die Weisheitsbörse gehandelt werden. Als in Peking ein 15-jähriger Junge von zu Hause ausriss und die Polizei ihn nach ein paar Stunden fand, war sein Vater so begeistert, dass er umgerechnet 50 Euro anbot für einen schönen Satz, mit dem er auf einem roten Banner der Polizei danken wollte. Innerhalb von zwei Tagen bekam er zehn Vorschläge. Er entschied sich für "Gute Harmonie zwischen der Polizei und dem einfachen Volk schafft ein gutes Gefühl", was im Chinesischen besser klingt als im Deutschen. Aber das ist noch nicht das Ende. Der Vater erkannte die Kraft des Internets und möche dort jetzt eine Diskussion starten: "Brauchen junge Leute eine gute Ausbildung?" Sein Sohn ist nämlich ein Faulenzer und sieht das nicht so.

Solche privaten Gesuche gibt es auf K68 viele: "Wir wollen eine große Hochzeitsparty feiern, wer hat gute Ideen dafür?" - "Mein Sohn wird im Juni geboren, seine große Schwester heißt Qin Yuzhi. Weiß jemand einen passenden Namen für ihn, der Glück bringt?" - "Ich bin 34, Pekinger mit Auto und Haus, rauche nicht und schnarche nicht, habe aber noch keine passende Partnerin gefunden. Können Sie mir jemanden vorstellen?"- "Wollen Sie eine Story über das Stehlen schreiben? Sind Sie je bestohlen worden? Sind Sie mit den Methoden der Diebe vertraut? Bieten Sie uns Ihre Geschichte an!"

Zufrieden mit dem Witkey-Prinzip

Kangs Firma hat nur zehn Mitarbeiter, aber er ist zufrieden mit dem Witkey-Prinzip. Stolz zeigte er in einer TV-Sendung seine hellfarbige Sportjacke mit K68-Emblem, speziell für ihn entworfen: "Diese Arbeit haben wir auch online ausgeschrieben. Das Design unser Webpage, die Slogans unserer Firma, sogar die Regeln für die Teilnahme stammen von Witkeys."

Aber es gibt auch Probleme. Der Preis von neunzig Prozent der ausgeschriebenen Projekte beträgt umgerechnet weniger als 100 Euro. Einige Witkeys haben online eine Diskussion begonnen: "Werden hier Designer unterbewertet?" Doch Kang sieht das anders, möchte keinen Markt für teure Produkte entwickeln: "Man kann eine Kiefer nicht in eine Weide verwandeln." Chinesische Internetbeobachter stimmen dem zu, verweisen darauf: Witkeys sind Leute, denen es an Möglichkeiten mangelt - aber sie werden nicht für immer Witkeys bleiben. Während sie erst einmal nur ein bisschen Geld verdienen, entwickeln sie ihre Fähigkeiten weiter.

20 Prozent Vermittlungsprovision

Von jedem Deal bekommt Kangs Firma eine Vermittlungsprovision von 20 Prozent. Kang besteht auf Fairness: Alle Kunden müssen den vollen Preis bezahlen, bevor ihre Ausschreibung platziert wird - damit es nachher keinen Streit zwischen Ideengeber und Ideenempfänger gibt. Alle Witkey müssen ihren wahren Namen nennen. Und manche Anfragen werden abgelehnt, sagt Kang: "Zum Beispiel, wenn jemand einen Ghostwriter für seine Examensarbeit sucht."


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