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Zweite Amtszeit des US-Präsidenten: Wie Obama Amerika neu erfinden will

Er ist wieder der Alte: In seiner Vereidigungsrede war Barack Obama überraschend kämpferisch und detailfreudig. Nichts weniger als die Neuerfindung Amerikas plant er - seine wichtigsten Vorhaben.

Von Frauke Hunfeld und Martin Knobbe, Washington

Er wird wieder nicht alles schaffen, so viel ist jetzt schon klar. Wer enttäuscht sein wollte von Barack Obamas erster Amtszeit, der war es und wer in vier Jahren enttäuscht sein will davon, dass wieder nicht alles gelungen ist, der wird es sein. Amerika hat gewaltige Sorgen, Amerika muss sich neu erfinden. Das geht nicht über Nacht. Aber es spricht mehr dafür als dagegen, dass Obama mehr von seinen Plänen verwirklichen kann als in den ersten vier Jahren seiner Amtszeit.

Barack Obama will sich mit seinem Volk verbünden, entschlossener seine Ziele gegen die republikanische Mehrheit im Abgeordnetenhaus verwirklichen. "We, the people“, rief er #link;http://www.stern.de/politik/ausland/antrittsrede-vor-zweiter-amtszeit-obama-setzt-auf-angriff-1958460.html; in seiner Antrittsrede#. Fast hörte man: Wir sind das Volk. Wir, das Volk, wir müssen neue Antworten finden, um die alten Werte zu bewahren, sagte der Präsident. Er sagte "Klimawandel“, er sagte "Schwule Brüder und Schwestern“, er nannte "Newtown“ – Worte, die manchem seiner Kritiker wie Säure auf der Haut brennen. Obama hat ein ehrgeiziges Programm.

Waffen

Sein großes erstes Thema ist die Eindämmung der Waffengewalt. Über seinen Schreibtisch hat sich der Präsident die Buntstiftzeichnung der siebenjährigen Grace gehängt, die in Newtown erschossen wurde, ein Geschenk ihrer Eltern. Tief bewegt will er nun einer aufgewühlten Nation die Verschärfung des Waffenrechts notfalls per Dekret aufzwingen - gegen die Republikaner, gegen die mächtige Waffenlobby, aber mit Unterstützung der Mehrheit der Amerikaner im ganzen Land.

Schuldenberg

Einen kleinen Sieg hat er den Republikanern schon in Sachen Schulden abgerungen: In einer emotionalen Rede machte er in der vergangenen Woche klar, dass die Schuldenobergrenze gesprengt werden müsse. Das Geld, um das es nämlich gehe, sei geborgtes Geld und bereits ausgegeben, mit dem Segen des Parlaments. "Amerika ist kein Schnorrer“, sagte Obama. “Amerika zahlt seine Schulden zurück“.

Einwanderer

Schwieriger wird die Reform der Immigrationsgesetze. Denn das Amerika des weißen Mannes ist im Untergang begriffen. Umso größer ist die Angst und umso heftiger ist der Widerstand. Die sogenannten Kaukasier, die Nachfahren europäischer Einwanderer, sind schon jetzt eine Minderheit von vielen. Obama will Millionen illegaler Einwanderer unter bestimmten Voraussetzungen dazu verhelfen, Amerikaner zu werden. "Unsere Reise ist nicht zu Ende, bevor wir nicht einen besseren Weg gefunden haben, die fleißigen und hoffnungsvollen Einwanderer willkommen zu heißen, die Amerika immer noch als Land der Möglichkeiten sehen“ sagte Obama unter dem Jubel der Massen.

Bildung

Den Aufstieg der Schwarzen hat Obama so nie proklamiert. Er wollte nicht in den Verdacht geraten, Politik zu machen für "seine“ Leute. Aber die Reform des maroden Bildungssystems mit exzellenten privaten Schulen und teuren Eliteuniversitäten und verrotteten öffentlichen Einrichtungen für Nichtzahler hilft natürlich genau ihnen – wenn auch nicht nur. Auch amerikanische Mittelschichtsfamilien müssen sich mittlerweile fragen: Rente für die Eltern oder College für die Kids? "Es darf nicht sein, dass wir uns entscheiden müssen ob wir für die Generation sorgen, die dieses Land aufgebaut hat oder in die Generation investieren, die seine Zukunft gestaltet“, sagte Obama.

Weltmacht

Auch international wird Obama das Land auf einen neuen Kurs bringen. Er will weg vom Image des Weltaufpassers und sich hinbewegen zur Rolle einer multilateralen Großmacht. "Wir sehen uns als geistige Erben derer, die nicht nur den Krieg, sondern auch Frieden gewonnen haben und die aus eingeschworenen Feinden die besten Freunde werden ließen.“ Ob die USA angesichts des neuen Öl- und Gasbooms im eigenen Land das Interesse am Nahen Osten verlieren werden, ist allerdings noch unklar.

Am Ende dieses langen Jubeltages sitzt in einem Café Familie Laynard aus Virginia – Vater, Mutter, Oma und zwei Kinder. Sie sind schon im Morgengrauen losgefahren, die kleine Janai trägt einen Obama-Anstecker mit den Worten "A dream comes true“. Ob sie als Afro-Amerikaner nicht enttäuscht seien von den ersten vier Jahren? "Nein“, sagt Großmutter Mary, "Obama ist immer noch unsere Hoffnung. Er hat getan, was er konnte, und jetzt wird es weitergehen.“

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Von:

und Martin Knobbe