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Schlag 12 - der Mittagskommentar: Warnung vor den Philistern

In Sachsen wächst die Gewalt gegen Flüchtlinge und ihre Unterkünfte. Am Wochenende brannte ein Heim in Meißen, in Freital formiert sich ein wachsender Mob. Die Politiker zündeln mit populistischen Parolen.

Von Silke Müller

Brandanschlag in Meißen

Brandanschlag in Meißen

Es ist immer wieder das gleiche Spiel: Selbst ernannte besorgte Bürger stacheln zu Protesten gegen Asylbewerber an, plustern sich vor den Türen bestehender und künftiger Heime auf, drohen offen mit Gewalt im Internet, und irgendwann brennt die Bude.

So geschehen in Freiberg, Tröglitz, Dippoldiswalde und in der Nacht zum Sonntag nun auch in Meißen. Täter wurden bislang nicht überführt, aber der Verdacht, dass es sich um Akteure aus der rechten Szene handelt, liegt zumindest nahe. Doch statt sich klar dazu zu bekennen, dass Flüchtlinge in Deutschland willkommen sind und angemessen empfangen und untergebracht werden müssen, eiern die lokalen und regionalen Politiker herum.

Inakzeptable Wortwahl

Jüngstes Beispiel: der Freitaler CDU-Oberbürgermeister Uwe Rumberg. "Es muss stärker unterschieden werden zwischen wirklich Hilfsbedürftigen und sogenannten Glücksrittern, die nach Deutschland kommen, um auf Kosten der Gemeinschaft ein sorgloses Leben ohne Gegenleistung zu führen", sagt das neu gewählte Stadtoberhaupt. Und redet damit jenen nach dem Mund, die seit einer Woche vor der Asylunterkunft der 40.000 Einwohner-Stadt südlich von Dresden aufmarschieren.

"Glücksritter": Dieses Wort zu benutzen, um damit Menschen zu bezeichnen, die alles verloren haben und nur mit dem, was sie auf der Haut tragen, in unser Land geflüchtet sind, ist inakzeptabel. Rumberg übernimmt den Begriff unreflektiert und direkt von Lutz Bachmann, dem Pegida-Gründer und Freitaler, der Asylbewerber auch schon als "Viehzeug" bezeichnet hat.

Sprache ist ein verräterisches Werkzeug. Der Glücksritter ist, ähnlich wie der Taugenichts, ein romantisches Motiv. Er setzt sich mal mehr, mal weniger freiwillig in Bewegung, um dem Leben mit Geist, Geschick und eben Glück die besten Seiten abzugewinnen. Dabei geht es überwiegend heiter zu. Brennende Häuser, ermordete Angehörige, Vergewaltigung und Ertrinken im Mittelmeer kommen in diesen Erzählungen nicht vor.

Gegen denkfaule Kleingeister

Der Gegenspieler des Glücksritters ist der Philister, jener ungebildete und denkfaule Kleingeist, dessen Sehnsucht und Horizont am Gartenzaun enden. Genau mit jenem haben wir es in Sachsen zu tun. Und zwar ganz unten, wo die Pöbler den Flüchtlingen scheinbar das Bett im Viererzimmer, das Handy und das vorletzte Hemd neiden. Und ganz oben, wo ein Minister wie Thomas de Mazière (Wahlkreis Meißen) nahelegt, Grenzen schärfer zu kontrollieren, damit ihre Landsleute nicht auf die Idee kommen, ebenfalls übers Meer nach Europa zu fliehen. Und wo Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich, CDU, in der Reaktion einem obstinaten Kleinkind gleich, auf das Merkel-Bekenntnis "Der Islam gehört zu Deutschland" antwortet: "Der Islam gehört nicht zu Sachsen."

31 Straftaten verübten Täter aus dem rechten Spektrum in Sachsen gegen Asylbewerber und deren Unterkünfte bis Ende Mai. Die Zahl dieser Taten nimmt seit 2014 massiv zu. Vor dem Heim in Freital und überall dort, wo gegen Flüchtlinge gehetzt wird, bekommen die Aggressoren durch solche Stimmen Oberwasser. Die Polizei gesteht, dass sie Schwierigkeiten hat, die Situation vor dem Freitaler Heim im Griff zu behalten.

Was muss noch geschehen, damit Bürgermeister, Landräte, Minister und alle politisch Verantwortlichen ihre populistischen Manöver stoppen und endlich einen konstruktiven, offen nachvollziehbaren, plausiblen, den Menschen zugewandten Umgang mit Flüchtlingen beginnen? Migration ist eines der größten Themen des 21. Jahrhunderts. Es wird nicht kleiner, wenn wir uns kleinlich verhalten. Aber die Lage in Sachsen wird immer brenzliger, wenn die Politiker verbal so weiter zündeln.