33 Tage "Republik Freies Wendland" Jubiläumsproteste erinnern an Hüttendorf in Gorleben


Kernkraftgegner wollen am Samstag in Gorleben das Erkundungsbergwerk für ein mögliches Atommüllendlager umzingeln. Die Demonstranten erinnern mit ihrer Aktion an die Räumung des legendären Hüttendorfes "Republik Freies Wendland" vor 30 Jahren.

Die sechseckige Holzhütte im Wald bei Gorleben erinnert nicht zufällig an das Freundschaftshaus der "Republik Freies Wendland", auch ihr Richtfest wird bewusst an diesem Freitag, den 4. Juni, gefeiert. Dem Tag, an dem vor 30 Jahren wenige Schritte entfernt im Morgengrauen rund 10 000 Beamte das Hüttendorf der Atomkraftgegner umzingelten, es gewaltsam räumten und buchstäblich platt walzten. "Der Landkreis, der damals die Räumung genehmigte, hat heute die Schirmherrschaft über unsere Schutz- und Informationshütte übernommen", sagt Monika Tietke von der Bäuerlichen Notgemeinschaft.

Als 26-Jährige war die Biolandwirtin damals bei der spektakulären Besetzung des Bohrgeländes "1004" dabei. Wenn sie heute an die Räumung des Hüttendorfes denkt, bekommt sie immer noch "sofort eine Gänsehaut". "Es war gespenstisch und bedrohlich. Wir waren von einem Polizeiring umzingelt, saßen in einem Kessel und Hubschrauber waren mit großem Getöse über uns. Viele haben damals Panik bekommen", erzählt die heute 56-Jährige. Diese extreme Form von Staatsgewalt zu spüren, habe ihr bis heute jedes Vertrauen in den Staat genommen.

In einer einmaligen Aktion hatten 5000 Demonstranten die geplante Tiefbohrstelle am 3. Mai 1980 besetzt. Etwa die Hälfte der Atomkraftgegner blieb und baute ein Dorf mit mehr als 100 Hütten, Gewächshäusern, Schweineställen, einer öffentlichen Küche und einem Klinikum auf dem kahlgeschlagenen Areal. Nach 33 Tagen zerbrach ihr Freiheitstraum. Letzte Besetzer berichteten live von zehn Meter hohen Türmen aus über den republikeigenen Piratensender "Radio freies Wendland" von der Räumung. Das Hüttendorf hat die Wendländer nachhaltig geprägt: "Der offene Geist von "1004" ist immer noch zu spüren", sagt Monika Tietke.

Als Umweltminister Norbert Röttgen (CDU) im März dieses Jahres ankündigte, den Salzstock ab Herbst weiter auf Eignung als Endlager für hoch radioaktiven Atommüll erkunden zu lassen, begannen Atomkraftgegner aus Protest, wieder Hütten zu errichten. Die Lage drohte zu eskalieren, der Landkreis fand einen Kompromiss: Er genehmigte den Bau einer Schutzhütte. "Die Äußerung der Bundesregierung haben nicht zum Frieden beigetragen", sagt Jürgen Schulz, parteiloser Landrat des Kreises Lüchow-Dannenberg. Er sorgt sich, dass "sie die Schlinge immer mehr zuziehen" und fordert endlich eine Offenlegung darüber, wie die Entscheidung für Gorleben als gewünschten Standort eines Endlagers zustande gekommen ist.

Im Jahr 2000 hatte die damals rot-grüne Bundesregierung die Untersuchung des Gorlebener Salzstocks für 10 Jahre ausgesetzt. Von Oktober an sollen die Arbeiten nun fortgesetzt werden. Ein Stacheldraht sichert inzwischen wieder das Gelände. Unterdessen soll ein Untersuchungsausschuss des Parlaments klären, warum vor 30 Jahren die Vorentscheidung auf Gorleben fiel und ob damals Gutachten politisch manipuliert wurden.

Das Umschwenken der Politik und ein weiterer bevorstehender Castor-Transport mit Atommüll ins Zwischenlager lässt den Widerstand im Wendland wieder heftig aufflammen. Auf ihre eigene fantasievolle Protestart will die Bürgerinitiative Umweltschutz das Erkundungsbergwerk am Samstag mit "Treckern, Tanz und Tamtam" umzingeln. Auch die damaligen Sprecher des Hüttendorfes, unter ihnen die heutige Chefin der Grünenfraktion im EU-Parlament Rebecca Harms, sind zu dem Jubiläumsprotest nach Gorleben gekommen.

Harms sieht zurzeit eine große Chance für den Widerstand im Wendland: "Aufgrund der Probleme mit der Asse, des Untersuchungsausschusses und der deutlichen Mehrheitsmeinung der Bevölkerung sehe ich eine Chance, die Auseinandersetzung um Gorleben endgültig zu gewinnen. Wichtig ist nach wie vor, dass wir den Protest auf die Straße tragen. Geschenkt wird uns nichts", sagt die Grünenpolitikerin.

Karin Ridegh-Hamburg, DPA DPA

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