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Abrechnung mit der Bundeskanzlerin: Wie Angie zu Tina wurde

Einst hat sie Angela Merkel gewählt, heute ist die Publizistin Cora Stephan tief enttäuscht von der Bundeskanzlerin. Aus dieser resignierten Liebe heraus schrieb sie ein Buch, in dem sie mit Merkel abrechnet - und versucht, deren Verwandlung zu verstehen.

Von Hans Peter Schütz

Wann kommt schon einmal ein neues Buch auf den Markt, das schon vor seinem Erscheinen von Regierungssprecher Steffen Seibert regierungsamtlich als unlesbar bezeichnet wird? Der Publizistin Cora Stephan ist es geglückt, mit ihrem Buch "Angela Merkel. Ein Irrtum" mit dieser spezifischen Form der Werbung beglückt zu werden, dass die Kanzlerin amtlich erklären ließ, sie werde das im Münchner Knaus-Verlag erschienene Buch weder kaufen noch lesen.

Kaufen muss auch nicht sein. Der Verleger ist gerne bereit, wie er stern.de versicherte, der Kanzlerin ein Freiexemplar im Wert von 16,99 Euro zu spendieren, die Autorin würde es sogar signieren. Auf der Lektüre besteht Cora Stephan aber nicht. Aus gutem Grund. Viel Freude würde sich Angela Merkel dadurch nicht bereiten. Denn so konsequent wie dies bei Cora Stephan geschieht, ist noch mit keinem deutschen Kanzler politisch abgerechnet worden und überdies von einer Schriftstellerin, die sie im Jahr 2005 voll begeisterter Überzeugung gewählt hatte. Als Frau mit dem "neuen Anfang". Die nicht wie bis dahin unter Schröder gehabt, mit Basta, Cohiba und schweren Rotweinen regiert.

"Merkel wollte Kanzler werden, nicht Kanzlerin"

Ein folgenschwerer Irrtum, wie schon der Buchtitel signalisiert und das unterhaltsame Buch ebenso wortstark wie analytisch scharf beschreibt. Für Stephan war die Merkel vor der Bundestagswahl 2005 "frei vom ganzen aufgerüschten Konflikt- und Ideogiemüll der Vorwendezeit. Sie wirkte, nicht nur auf mich, unbefangen, unbelastet von den Übungen in politischer Korrektheit, ungeübt im Gefühlssprech der Betroffenheitspolitik, ohne frauenbewegte Empfindlichkeit ... Merkel wollte Kanzler werden, nicht Kanzlerin." Die erste gesamtdeutsche Kanzlerin.

Und was ist aus Angela Merkel aus der Sicht der Autorin geworden? "Statt Angie habe ich mir Tina eingehandelt." Tina klingt akustisch freundlich, steht jedoch hier nicht für einen anderen Frauennamen, sondern für den englischen Satz "there is no alternative". Und dieses Tina steht für "eine Frau, die ihre Entscheidungen alternativlos nennt, damit ihr niemand widersprechen kann, und die matt vor sich hinregiert. Eine Frau, die mir Rätsel aufgibt, täglich mehr. In der ich auch optisch nichts mehr von Angie, der Unwahrscheinlichen, wieder finde. Ob man sie heimlich ausgetauscht hat?"

Frust von der Seele geschrieben

Da ist seitenlang viel von enttäuschter Liebe zu lesen. Etwa, wenn es heißt: "Tina verwaltet das Erreichte. Als Mutti. Sie hat ihre Qualitäten, zweifellos. Aber ich frage mich, ob man ihr nicht langsam das Haushaltsportemonnaie wegnehmen sollte." "Handelblatt"-Chefredakteur Gabor Steingart, beim "Spiegel" einst Kollegin von Cora Stephan, räumt zwar ein, dass sich hier eine schon zweimal mit dem Deutschen Krimipreis ausgezeichnete Autorin doktrinär ihren Frust von der Seele geschrieben habe. Aber er räumte bei der Buchvorstellung auch ein: "Dieses Buch ist eine notwendige Zumutung für die Kanzlerin." Aber brillant geschrieben als "Wut-Buch", das künftig bei den Redenschreibern der mit der CDU konkurrierenden Parteien auf keinem Schreibtisch fehlen dürfte.

Das letzte Kapitel der 220-seitigen Abrechnung steht unter der Überschrift: "Ich bin Ihre Wählerin. Gewesen, Frau Merkel!" Warum? "Ich habe mich geirrt. Ich habe Ihnen zugetraut, die eingefahrenen Pfade zu verlassen. Ich habe Sie beim Wort genommen. Habe auf mehr Verstand, mehr Sachlichkeit, mehr kühle Analyse anstelle menschelnder Wärme gehofft. Auf Mut zu Entscheidungen statt auf Opportunismus. Auf Politik statt Wahlkampf. Auf Angie statt Tina."

"In diesem Land ist noch viel drin"

Ein in seiner Stringenz beeindruckendes Buch - für alle jene, die wie Stephan einmal an die Reformkanzlerin glaubten oder an die Klimakanzlerin. Der finale politische Ratschlag der Autorin ist ebenso eindeutig wie der gesamte Text: "Die deutschen Frauen müssen 2011 nicht erneut Fußballweltmeisterin werden, um zu zeigen: Deutschland kann mehr. In diesem Land ist noch viel drin. Man muss es, liebe Kanzlerin, nur rauslassen. Das ist es, was ich von Ihnen erwartet habe. (M)ein Irrtum?

Eine Pflichtlektüre für all jene, deren politischer Horizont und Sprache nicht durch die Messlatte der immerwährenden politischen Korrektheit begrenzt wird.

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