Abwasch der Woche Westerwelles ceterum censeo


Das Niveau steigt wieder. Guido Westerwelle kramte diese Woche in seiner humanistischen Bildung und entdeckte "spätrömische Dekadenz." Zeit für den Abwasch.
Von Axel Vornbäumen

Ach, sagte der beleibte Nero, "ist mir heute wieder langweilig." Senkte lässig den Daumen und, zack, da war es wieder um einen der Gladiatoren geschehen, die sich im weiten Rund des Kolosseums zwar rechtschaffen, aber letztlich dann doch vergebens Mühe gegeben hatten, den Imperator zu belustigen.

Wir lernen: Die Zeiten "spätrömischer Dekadenz" waren nicht für jedermann einfach, gerecht waren sie nicht und Leistung lohnte sich nicht immer, jedenfalls nicht per se - und wer nicht mehr mitkam mit den Anfordernissen des Alltags, auf den wartete nicht etwa ein übelriechender Hartz-IV-Sachbearbeiter, sondern - horribile dictu - der noch übler riechende Löwenschlund. Andererseits, wenigstens der Abwasch der Woche, wenn es ihn denn überhaupt gab, wurde klaglos von Sklaven erledigt. Nein, nein, nicht alles war schlecht damals.

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Dass die alten Zeiten überhaupt noch mal vor unserem geistigen Auge auftauchen - natürlich verdanken wir das unserem humanistisch gebildeten Außenminister. Guido Westerwelle hat tief aus seinem Methaphernfüllhorn die "spätrömische Dekadenz" geschöpft und damit die innenpolitische Debatte belebt. Den Rest - "geistiger Sozialismus", "Vollversorgerstaat" - kannte man ja irgendwie schon. Konsequent zu Ende gedacht steht sein Lamento also sinnbildlich für das baldige Ende dieser von ihm so geliebten Nation, die irgendwie an der eigenen Lethargie ersticken werde, weil sie offenkundig nicht bereit ist, den Leistungsverweigerern ordentlich auf die Sprünge zu helfen. Westerwelle jedenfalls sieht das so - und weil mittlerweile immer weniger Leute bereit sind, das auch so zu sehen, sagt er es noch lauter und drastischer. Das ist das Problem. Für Westerwelle. Für Merkel. Für die Politik. Für den Abwascher der Woche.

Man kommt nicht ganz vorbei am mobilen Guido, und dass sich nach den 100-Tage-Feierlichkeiten der schwarz-gelben Koalition nun sehr schön schon wieder der nächste Zwist der Christlich-Liberalen ausbreitet, erinnert eher an einen anderen Ort der Antike - nämlich Marathon. Im Kanzleramt ist die Chefin das ewige Gerenne in die falsche Richtung schon leid. Das sei nicht "ihr Duktus", ließ sie verkünden. Feingeister können daran erkennen, dass die Giftpfeile in denen die Koalitionäre mittlerweile in Berlin aufeinander schießen wenigstens in eleganter rhetorischer Form fliegen. Besser macht es das allerdings nicht, im Übrigen auch nicht für Guido, der sich allenfalls damit trösten kann, gute Chancen auf den Thilo-Sarrazin-Gedächtnispreis zu haben.

Reicht das als vernünftiges Lebensziel? Wahrscheinlich nicht. Möglich indes, dass Westerwelle als ausgewiesene rheinische Frohnatur schlicht darauf abgezielt hat, doch noch einigermaßen originell auf einen der Motivwagen des Kölner Karnevals zu kommen. Vorschlag vom Abwascher der Woche: Westerwelle mit Lorbeerkranz und Tunika, Trauben essend auf dem Diwan liegend: "Ceterum censeo, dass der Sozialstaat geschreddert werden muss..." Alsdann: Alaaf!


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