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AfD: Rechter als Gauland - dieser Soldat könnte die AfD übernehmen

Der AfD-Vorsitzende Alexander Gauland entwickelt sich in der Partei zum Problemfall. Ein Ex-Soldat von ganz rechts hält sich als Nachfolger bereit: Andreas Kalbitz.

AfD-Parteivorsitz: der rechte Netzwerker Andreas Kalbitz steht bereit

Andreas Kalbitz stand lange im Schatten Alexander Gaulands. In der AfD gilt er als rechts und verlässlich

Umfragewerte in SPD-Nähe, der Streit um die Flüchtlinge beschäftigt das Land – es könnten angenehme Zeiten für die AfD sein. Aber so ist es oft bei der Alternative für Deutschland: Läuft es gut, gibt es intern Ärger. Der Vorsitzende Alexander Gauland erscheint seinen Parteifreunden immer weniger als Verkörperung der Zukunft.

In der Telefonkonferenz des AfD-Bundesvorstands gingen Montag vergangener Woche gleich drei Kollegen den Chef an. Der hatte den Nationalsozialismus mit seinen Millionen Opfern als "Vogelschiss" in die deutsche Geschichte eingeordnet – was wohl kein Weg ist, bürgerliche Wählergruppen zu gewinnen.

Kein natürlicher Ersatz als AfD-Anführer

Auch am Dienstag in der Bundestagsfraktion schlug dem Vorsitzenden Kritik entgegen. "Gauland kam ein bisschen wie ein Opi rüber, aber das hat ihm nicht geholfen", sagt ein Abgeordneter. "Er hat was mit dem Lineal auf die Finger bekommen", berichtet ein anderer. Die Mehrheit habe es "so erlebt, dass Gauland sich noch so einen Klopper nicht erlauben darf".

Mitte vergangener Woche erschienen dann auch noch Fotos, die den Vorsitzenden von Bundespartei und Bundestagsfraktion in Badehosen zeigen, mit nacktem Oberkörper, hängendem Kopf, begleitet von einer Polizistin. Er hatte in seiner Heimatstadt Potsdam im Heiligen See gebadet, Hose und Hausschlüssel vorher einfach am Ufer abgelegt. Beides war nun weg.

Die AfD verehrte Gauland, sie nahm ihm ab, stets die Einheit der Partei im Blick zu haben. Doch es mehren sich die Zeichen, dass die Nachfolge ansteht – vielleicht sehr schnell, auf jeden Fall in nicht zu ferner Zukunft. Sie wird auch eine Richtungsentscheidung sein. Im Moment deutet viel auf einen radikalen Kurs mit bürgerlicher Rhetorik hin.

Das Logo der radikalen AfD-Gruppierung "Der Flügel", in einem Filmchen mit Adler versehen. Die Gruppe nennt sich darin "aufrecht" und "unbeugsam"

Das Logo der radikalen AfD-Gruppierung "Der Flügel", in einem Filmchen mit Adler versehen. Die Gruppe nennt sich darin "aufrecht" und "unbeugsam"

In der Parteispitze erscheint niemand als natürlicher Ersatz für den AfD-Anführer. Jörg Meuthen, der Co-Parteichef, hält sich als Europaabgeordneter in Brüssel und Straßburg auf, weit ab vom Schuss. Alice Weidel, Fraktionschefin neben Gauland, macht bisher nicht den Eindruck einer Menschenfängerin. In den Sitzungen mit ihren Abgeordneten wirkt sie oftmals teilnahmslos. Der ambitionierte AfD-Vize Georg Pazderski ist als USA-Freund verschrien.

Fast unbemerkt hat sich ein anderer in Position gebracht: Andreas Kalbitz, 45 Jahre alt, einst Zeitsoldat, dann Kleinverleger, dann insolvent. Im Dezember wurde Kalbitz in den Bundesvorstand gewählt. In Brandenburg hat er Gauland als Fraktions- und Parteichef abgelöst.

Stramm rechts

Kalbitz zählt zum stramm rechten "Flügel", einer AfD-Gruppierung, die der Thüringer Björn Höcke aufgebaut hat; nach Kalbitz' Worten ist es die "Schildwache der Partei". Kommende Woche treffen sich die Flügelleute wieder zum Kyffhäuserfest. Bisher feierten sie an dem Kaiser-Wilhelm-Denkmal im Norden Thüringens. Diesmal müssen sie umziehen. Der Andrang ist einfach zu groß.

1000 Teilnehmer hat Höcke als Ziel vorgegeben. Es kommen sogar noch mehr. Im Schloss Burgscheidungen bei Halle soll das Kyffhäuserfest nach einigen Reden "mit Fackelschein, im Ritterkeller oder im Freigelände ausklingen", schrieb Höcke.

Vorgenommen hat sich der Flügel Ungewöhnliches. Denn das Treffen soll nicht wie sonst die Unterschiede zu anderen Teilen der AfD beschwören. "Jeder kann kommen, wir decken die ganze Partei ab", sagt Flügelmann Theo Gottschalk, der vom Rheinland aus mitorganisiert.

Andreas Kalbitz (M.) im Zentrum der AfD-Männer André Poggenburg, Björn Höcke, Alexander Gauland und Jörg Meuthen (v. l.)

Andreas Kalbitz (M.) im Zentrum der AfD-Männer André Poggenburg, Björn Höcke, Alexander Gauland und Jörg Meuthen (v. l.)

Damit meint Gottschalk auch die vergleichsweise gemäßigte Alternative Mitte (AM) der AfD, eine Art Gegenstück zum Flügel, noch zu Zeiten der Parteichefin Frauke Petry als Machtbasis erdacht.

Kaum vorstellbar, dass die untereinander argwöhnische AfD-Familie im Rittersaal harmonisch Sauerkraut und Würstchen verspeist, AMler und Flügler zu späterer Stunde gemeinsam Volkslieder anstimmen. Mancher Flügelmann hat nämlich ein anderes Selbstverständnis. Das zeigt eine bundesweite Whatsapp-Gruppe des Flügels. Der Chat, unter anderem von Sachsen-Anhalts AfD-Rechtsausleger André Poggenburg organisiert, liegt dem stern vor.

"Politisch vernichten"

"Der Flügel muss zum Kampfbund werden", fordert ein Teilnehmer, und: "100 Prozent die preußische Höcke-Linie. Taten statt Warten." Ein anderer bezeichnet den Flügel "unter seinem Führer Björn Höcke und seinen Unterführern" als "letztes Bollwerk für unser geschundenes Volk und Vaterland".

Unterstützer der AM will man "penetrant bekämpfen". Da ist die Parteiprominente Beatrix von Storch – "Patrioten müssen die Storch mit allen Mitteln bekämpfen. Shitstorms, gepfefferte Briefe, Aktionen auf allen AfD-Facebook-Gruppen. Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt." Da ist das Bundesvorstandsmitglied Steffen Königer, im Whatsapp-Chat als "Drecksmade" und "Rädelsführer" bezeichnet. "Politisch vernichten" müsse man den. Nazi-Vokabular löschen die Administratoren der Chat-Gruppe. Beleidigungen innerparteilicher Gegner bleiben stehen.

Die AM hat sich ihrerseits vorgenommen, lauter zu werden. Ihr Vertreter Uwe Witt, ein Bundestagsabgeordneter, drängte Alexander Gauland nach dessen Vogelschiss-Rede öffentlich zur Entschuldigung. Witt twitterte, äußerte sich umfangreich auf Facebook und auch in der "FAZ". So schickte er ein Ausrufezeichen in die Partei hinein, die Botschaft: Wir lassen euch nicht mehr alles durchgehen.

Andreas Kalbitz wird beim Kyffhäusertreffen darauf drängen, einen Zusammenstoß der Lager zu vermeiden. Die Autorität dazu hat er. Höcke mag der Posterboy des Flügels sein, verehrt zuweilen wie ein Märtyrer. Doch im Hintergrund lenkt Kalbitz. Auf Facebook, Whatsapp und Twitter verzichtet er dabei. Kalbitz telefoniert.

Sein Netzwerk ist weit verzweigt. In Brandenburg stellte er über die Jahre etliche junge Leute als Mitarbeiter ein, von denen nun einige in Berlin im Bundestag arbeiten.

Auch früher schon knüpfte Kalbitz Kontakte – ins Milieu der Neonazis. Der gebürtige Münchner war 1993 Mitglied der Republikaner, damals beobachtete der Verfassungsschutz die Partei. Er trat im selben Jahr dem völkischen Witikobund bei. Sein Name und seine Anschrift fanden sich zudem auf einer Interessentenliste der NPD. Kalbitz wurde lobend im Thulenetz erwähnt, einem Mailbox-System, mit dem sich Rechtsextremisten Mitte der 90er Jahre verständigten. Bei einem "Grillfest nach buendischer Art", schrieb dort jemand, habe er den "jungen Kameraden" kennengelernt. Der sei "sportlich, intelligent, gebildet und sehr engagiert", gehöre sicher nicht zu den "Weicheiern".

"Ethnozid"

2001 schrieb Kalbitz im Witikobrief vom "Ethnozid am deutschen Volk". Später trat er einem rechtsextremen Verein bei, den ein früheres Mitglied der Waffen-SS gegründet hatte. 2010 übernahm Kalbitz dort den Vorsitz. Er amtierte bis 2015.

Diese Vergangenheit hindert ihn nicht, in Brandenburg Karriere zu machen. Bei der letzten Umfrage lag seine Partei dort nur noch einen Prozentpunkt hinter SPD und CDU. 2019 kann er für die AfD die Landtagswahl gewinnen. "Vogelschiss"-Debatten passen nicht zur Strategie des Spitzenkandidaten.

Wie andere AfD-Landeschefs im Osten tritt Kalbitz als umsorgender Sozialpolitiker und Globalisierungskritiker auf. Er schimpft auf Unternehmen, wettert gegen das "Primat Gewinnmaximierung", stellt die "totale Monetarisierung unserer Gesellschaft" fest. Die Hartz-IV-Reformen hätten "ein Prekariat geschaffen, und zwar über mehrere Generationen". Die Wirtschaft wachse, "aber der Wohlstand der Menschen sinkt".

"Ich formuliere ganz vorsichtig", sagte Kalbitz Anfang des Jahres bei einem Vortrag im Institut für Staatspolitik des neurechten Publizisten Götz Kubitschek. Dann propagierte er eine Art nationalen Sozialismus, der die Menschen vor allem Unbill der weltweiten Verteilungskämpfe schützt.

Kalbitz will keine Regierungsbeteiligung als kleinerer Koalitionspartner. Er will die AfD zur Volkspartei machen. Vor zwei Jahren entwickelten seine Leute ein Konzept, das der Partei einen "intellektuellen, künstlerischen, philosophischen Gründungsmythos" nachreichen soll. Man wollte die AfD "über die Besetzung des Themas 'Kultur' für breitere Gesellschaftsteile wählbar" machen, wollte "AfD-Themen im Mainstream verankern" und Teil des "popkulturellen Diskurses bei jungen Menschen" werden.

Die Kalbitz-Leute kämpfen mal offen, mal halb verdeckt. Der ZDF-Journalist Claus Kleber verdiene Medienberichten zufolge jeden Monat "mindestens 50.000 Euro", heißt es in einem Video einer "Brandenburger Volksinitiative". Vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk werde man "erzogen und belehrt". Und: "Sie zahlen, ob Sie wollen oder nicht, man lässt Ihnen keine Wahl." 43 Prozent der Ostdeutschen seien für die Abschaffung von ARD und ZDF. Ihnen, heißt es, gebe die Volksinitiative eine Stimme.

Ersatz für Gauland

Die AfD wird in dem Film und auf der Homepage der Initiative nicht erwähnt. Tatsächlich aber ist die Kampagne das professionelle Werk eines Kreises von AfD-Mitarbeitern und Politikern rund um Andreas Kalbitz.

Dem stern gegenüber wollte Kalbitz sich nicht selbst im Machtgefüge der AfD einordnen. Er habe Geduld, sagte er, vielleicht unterscheide ihn das von einigen anderen in der Partei. Er sehe sich auf einem politischen "Langstreckenlauf". Kalbitz betont, dass alles nur gemeinsam gehe. "Wo ich persönlich politisch innerhalb der AfD stehe, ist ja kein Geheimnis. Aber wir müssen den Ausgleich zwischen allen Kräften schaffen."

In Berlin, in der Parteispitze und bei den Abgeordneten des Bundestags, wird Kalbitz längst respektiert und oftmals geachtet. "Kalbitz kann's, weil er lagerübergreifend agiert", sagt Hansjörg Müller, Parlamentarischer Geschäftsführer der Bundestagsfraktion. Andere loben sein Organisationstalent. Dass Kalbitz sich vergangene Woche vorsichtig von seinem Förderer Alexander Gauland distanziert hat, haben in der AM viele mit Wohlwollen registriert. Seine Vergangenheit mag manche von ihnen schrecken. In der Gegenwart aber braucht die Partei jemanden, der Gauland ersetzen kann.

Der Artikel über Andreas Kalbitz ist dem aktuellen stern entnommen:

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