Die Vorsitzende der AfD beherrscht viele Rollen. An diesem Samstag, es ist kurz vor 13 Uhr, präsentiert sich Alice Weidel als wertkonservative Staatsfrau, die christliche Mäßigung predigt. Sie steht auf der Bühne der Messehalle in Gießen – ihr Rolli und das Sakko leuchten in sanftem Beige – und spricht von den "Polizisten, die für unsere Sicherheit sorgen".
Auch sie hätten Familien: "Geht also sorgsam und mit Herz und Respekt mit den Müttern dieses Staates um!"
"Ich appelliere!", ruft sie dann in dramatischem Ton. Sie appelliere an die anderen Parteien. An den Deutschen Gewerkschaftsbund. Und ja, an die Antifa und "die Linksextremisten", die "dieses Chaos" veranstalteten. "Rüstet ab und lasst die Andersdenkenden stehen!"
Der Ort der politischen Auseinandersetzung, sagt Weidel, sei nicht die Straße, sondern das Parlament. "Wir beten, dass das nicht noch einmal vorkommt!"
Die perfekte Propaganda-Projektion
Die AfD als Hort der Demokratie, des Rechtsstaats und der Bürgerrechte: Dies ist die Botschaft, die Weidel zur Gründung des neuen, möglichst professionell aufgestellten Jugendverbandes senden will. Soll doch der Verfassungsschutz ihre Partei für rechtsextremistisch erklären, wie er will: Die Extremisten, das sind für die Vorsitzende immer die anderen.
Es ist die perfekte Propaganda-Projektion einer Funktionärin, die selbst Demagogie praktiziert – und deren Partei im extremen Straßenprotest groß wurde. Doch diese Projektion wird Weidel leicht gemacht durch das, was an diesem Tag in Gießen geschieht. In der Stadt mit gerade einmal 90.000 Einwohnern treffen zehntausende Demonstranten auf tausende Polizisten – und es kommt an vielen Stellen zur Gewalt. Mehrere AfD-Politiker werden angegriffen, ein Bundestagsabgeordneter erleidet sogar Verletzungen.
Seit der Morgendämmerung heulen die Sirenen der Rettungswagen. Viele Geschäfte haben gar nicht erst aufgemacht. Auch einige Hotels sind geschlossen, teils aus Sicherheitsgründen, teils aber auch, weil sie keine AfD-Politiker aufnehmen wollten.
Antifa gegen AfD
Die Demonstranten sind vor allem junge Menschen, die durch die Straßen ziehen und "Alerta Alerta Antifascista!" oder "Stoppt die Brandstifter" skandieren. Zumeist bleibt ihr Protest friedlich, doch mehrere linksextremistische Gruppen haben zum gewaltsamen Widerstand aufgerufen.
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Ein großer Teil der Polizeibeamten ist in voller Montur angetreten, mit Schutzweste, Helm, Pistole, Schlagstock und Pfefferspray. Mehrere Wasserwerfer sind strategisch positioniert, eine Pferdestaffel steht bereit. Überwachungsdrohnen kreisen.
Obwohl der gesamte Stadtteil, in dem sich die Messehalle befindet, hermetisch abgesperrt ist, schaffen es die Protestierenden, mehrere Zufahrtsstraßen, die Brücken über die Lahn und sogar die zwei großen Bundesstraßen zu blockieren. Auf der B49 stehen um die 2000 Menschen, derweil die Polizei versucht, mit Wasserwerfern die Fahrbahnen zu räumen. Auf die B429 haben sich Menschen abgeseilt, an einem Kreisverkehr in der Stadt steht ein Bus mit angeketteten Aktivisten. Es fliegen Flaschen und Steine, die Polizei reagiert mit Pfefferspray und Schlagstöcken.
Den AfD-Mitgliedern, aber auch den Journalisten wird das Durchkommen maximal erschwert. Weidel und ihr Co-Chef Tino Chrupalla gelangen erst mit gut einstündiger Verspätung in den Saal – und müssen dann noch eine gute Stunde warten.
Denn der Hauptprotagonist des Tages steckt bis zum Mittag in einer Blockade fest. Jean-Pascal Hohm soll als Vorsitzender den neuen Jugendverband zur Kaderreserve und Kampagnenmaschine der Partei formen. Im Gegensatz zur "Jungen Alternative" (JA), die sich auf Druck der Spitze um Weidel auflöste, ist die neue Organisation kein eigenständiger Verein, sondern integraler Teil der Partei. Nur AfD-Mitglieder dürfen mitmachen, die ganz Jungen unter 16 ausgenommen.
Chrupalla beschreibt die Linie so: Die neue Parteijugend dürfe auch schon "mal rebellisch" sein, aber: "Wir fordern, dass sie sich in den Dienst der Partei stellt."
Den ersten Beweis dafür muss die Satzungsdebatte erbringen. Die früheren JA-Spitzen wie Dennis Hohloch und Hannes Gnauck, die inzwischen im AfD-Bundesvorstand sitzen, haben sich gemeinsam mit Hohm den neuen Namen "Generation Deutschland" ausgedacht – der allerdings bei einigen der gut 700 Mitglieder im Saal nicht gut ankommt. Sie wollen die alte Bezeichnung behalten oder sich "Jugend Germania" nennen.
Die neue "Generation Deutschland"
Doch nach einigem Hin und Her und eindringlichem Werben des designierten Chefs wird der von Weidel abgesegnete Vorschlag angenommen. Die "Generation Deutschland" ist gegründet.
Spätestens jetzt ist endgültig klar, dass auch das sorgfältig kuratierte Führungspersonal eine große Mehrheit erhalten wird. Tatsächlich kommt der neue Vorsitzende auf gut 90 Prozent der Stimmen und wird mit stehenden Ovationen gefeiert, obwohl er seine Bewerbungsrede eilig vom Blatt abliest.
Jean-Pascal Hohm ist 28 Jahre alt – und ziemlich genau das, was von der AfD bei ihrer Konkurrenz gerne skandalisiert wird. Er hat keinen Beruf erlernt und sein Studium abgebrochen. Stattdessen arbeitet er seit seiner Volljährigkeit hauptsächlich für seine Partei, inzwischen ist er Landtagsabgeordneter in Brandenburg.
Aber Hohm gilt als fleißig, diszipliniert und medial geschmeidig. "Noch ist Deutschland nicht verloren", referiert er. "Wir werden die Jugendbewegung des Optimismus und der Zuversicht". Das Motto müsse sein: "Nicht verzagen, sondern anpacken!"
Björn Höcke wird eingebunden
Gleichzeitig bindet er den rechtsextremen Flügel von Björn Höcke, der auch in Gießen dabei ist, automatisch ein. Hohm geht mit seinen früheren Kontakten zur rechtsextremen "Identitären Bewegung" offensiv um. Auch völkische Begriffe wie "Remigration" und "Bevölkerungsaustausch" nutzt er ohne Zögern.
Der neue Vorsitzende der "Generation Deutschland" repräsentiert damit tatsächlich die Zukunft der AfD: extrem, aber machtbewusst – und angemessen opportunistisch. Dies passt zu einer Partei, die selbstbewusster denn je auftritt und endlich regieren will. Im Bund liegt sie in der neuesten Umfrage mit 27 Prozent klar vor der Union. In Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern, wo im September 2026 die Landtage zu wählen sind, erreicht sie sogar bis zu 40 Prozent.
"Wir werden die ersten Ministerpräsidenten stellen", ruft Alice Weidel. Dabei betrachtet sie das kommende Jahr nur als Ouvertüre für die nächste Bundestagswahl, nach der sie Bundeskanzlerin werden will.
Und so gibt sie in Gießen die Staatsfrau. "Wir wollen ein starkes Deutschland bauen, mit motivierten, tollen Menschen, die nach vorne gehen", ruft sie.
Vorwärts ins Superwahljahr 2029.